Außenpolitische Initiativen werden oft an ihren großen Momenten gemessen. Ein solches Ereignis wurde nun in Jerusalem begangen: Kurz vor dem 78. Unabhängigkeitstag des jüdischen Staates unterzeichneten Argentinien und Israel die sogenannten Isaac Accords, ein neuer strategischer Rahmen mit großem Vorbild. Inspiriert von den Abraham Accords, die seit 2020 die Beziehungen zwischen Israel und einer Reihe arabischer und muslimischer Staaten auf eine neue Ebene gehoben haben, übertragen sie deren Grundidee in eine andere Region und damit auf die christlich-jüdische Welt: Kooperation auf Grundlage gemeinsamer Interessen und Werte.
Was in Jerusalem im Rahmen von drei Absichtserklärungen vereinbart wurde, klingt zunächst nüchtern – und gerade deshalb politisch interessant. Kein völkerrechtlich bindender Vertrag, sondern ein Rahmen für engere Zusammenarbeit zwischen Israel und Argentinien – weitere Staaten Lateinamerikas sollen folgen. Im Zentrum stehen wirtschaftliche Kooperation, Innovation, Handel sowie die Koordinierung im Kampf gegen Terrorismus. Es geht um konkrete Zusammenarbeit – nicht um symbolische Politik. Dazu zählt eine neue Direktflugverbindung zwischen Buenos Aires und Tel Aviv.
Die Initiative ging von Argentinien aus. Präsident Javier Milei hat sie politisch vorangetrieben und nun gemeinsam mit Israel gestartet. Dabei hat er Parlament und Bevölkerung hinter sich – nicht nur die starke jüdische Gemeinde in Buenos Aires. Der Ansatz ist pragmatisch: Bestehende Beziehungen werden strategisch vertieft und in ein strukturiertes Format überführt. Damit wird ein Raum geschaffen, in dem Kooperation nicht punktuell bleibt, sondern langfristig organisiert werden kann.
Das unterscheidet die Isaac Accords fundamental von ihrem Vorbild. Während die Abraham Accords diplomatische Durchbrüche zwischen Staaten ohne vorherige Beziehungen ermöglichten, richten sich die Isaac Accords an Länder, die bereits Partner Israels sind – und fragen, wie sich diese Partnerschaften ausbauen lassen. Es geht nicht um Normalisierung, sondern um Ausrichtung und Vertiefung.
Gerade darin liegt ihre politische Logik. Stabilität entsteht dort, wo Interessen zusammenfallen: wirtschaftlich, sicherheitspolitisch, technologisch. Die neue Initiative versucht, genau diese Schnittmengen zu nutzen und daraus systematisch belastbare Kooperation zu entwickeln.
Noch ist offen, wie weit dieser Ansatz tragen wird. Doch die Ausgangslage ist günstig. Die Vereinbarungen definieren eine Richtung. Vieles wird davon abhängen, inwiefern aus politischer Absicht konkrete Projekte entstehen – etwa in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Wassertechnologie, oder Sicherheitszusammenarbeit. Letztere wird sich zunächst auf die Bekämpfung des Drogenhandels konzentrieren, denn schon lange gilt das Dreiländereck Argentinien-Brasilien-Paraguay als wichtige Finanzierungsquelle für die Hisbollah, wovon indirekt der Iran profitiert.
Argentinien ist erst der Anfang
Argentinien hat den Grundstein gelegt – dazu gehört politischer Gestaltungswille ebenso wie Mut. Paraguay gilt als ein weiteres mögliches Mitglied. Auch hier gibt es eine lebendige jüdische Gemeinde und stabile politische Beziehungen mit sowie klare Positionen für Israel: etwa durch die Einstufung von Hisbollah und Hamas als Terrororganisationen. Jüngst wurde deshalb verkündet, einen Paraguay Platz in Jerusalem zu schaffen.
Auch Ecuador hat beide Terrorgruppen entsprechend eingestuft und damit sicherheitspolitische Nähe zu Israel demonstriert. Uruguay hat bereits 2020 die IHRA-Arbeitsdefinition für Antisemitismus übernommen. Seit vergangenem Jahr hat das Land einen neuen Präsidenten, der sich selbst als Zionist bezeichnet. Solche Beispiele zeigen, dass es in der Region bereits belastbare Partner gibt, auf die ein solches Format aufbauen kann.
Komplexer ist die Lage in Chile. Die Beziehungen zu Israel haben unter der bisherigen Regierung einen Tiefpunkt erreicht. Doch der politische Wechsel eröffnet mit einer neuen Regierung in diesem Jahr die Chance auf eine Neubewertung. Sollte es der neuen Führung gelingen, ideologische Distanz durch pragmatische Zusammenarbeit zu ersetzen, wäre auch hier eine nachhaltige Verbesserung der Beziehungen denkbar – und damit perspektivisch eine stärkere Einbindung in neue Kooperationsformate.
Deutschland sollte selbst Gestalter werden
All das bleibt vorerst Möglichkeit, nicht Realität. Die Isaac Accords sind kein fertiges Bündnis, sondern ein Angebot. Ihr Erfolg wird sich daran messen, ob es gelingt, daraus ein belastbares Netzwerk zu entwickeln, das wirtschaftliche Kooperation vertieft, sicherheitspolitische Zusammenarbeit stärkt und gemeinsame Werte wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sichtbar macht. Gerade in einer Zeit zunehmender geopolitischer Fragmentierung kann ein solches Netzwerk zusätzliche Stabilität schaffen.
Für Israel bedeuten die neuen Abkommen eine Erweiterung seiner strategischen Handlungsräume. Für Lateinamerika eröffnet sich die Chance, stärker an Innovations- und Sicherheitsnetzwerke angebunden zu werden. Und für Europa entsteht ein neues Feld politischer Gestaltung.
Deutschland wäre gut beraten, die Entwicklungen dieses Mal nicht nur zu beobachten.
Wer die Abraham Accords als außenpolitischen Erfolg begreift, was sie trotz widriger Umstände ohne Frage sind, sollte auch die Isaac Accords ernst nehmen. Erneut bietet sich für Bundestag und Bundesregierung eine Gestaltungschance. Deutschland verfügt über gute Beziehungen in Lateinamerika. Wir sollten uns frühzeitig als Partner einbringen und weitere Staaten auf dem Weg in die Isaac Accords begleiten.
Der Autor ist CEO des European Leadership Network (ELNET) in Berlin.