Aus israelischer Sicht war der Konflikt mit dem Iran nie eine Frage bloßer Machtpolitik, sondern eine existenzielle Bedrohung. Seit Jahrzehnten betrachtet Jerusalem das iranische Regime als strategischen Hauptgegner – wegen seines Atomprogramms, seiner Unterstützung antiisraelischer Milizen und seiner offenen Vernichtungsrhetorik. Doch nach der Eskalation, insbesondere dem Krieg im Juni 2025, stellt sich eine unbequeme Frage: Was hat dieser Konflikt Israel tatsächlich gebracht?
Sicherlich war dies ein militärischer Erfolg, aber kein strategischer Sieg. Die israelisch-amerikanischen Angriffe im Juni 2025 zielten darauf ab, das iranische Atomprogramm und die militärische Infrastruktur entscheidend zu schwächen. Kurzfristig konnte Israel damit seine militärische Überlegenheit demonstrieren und den Handlungsspielraum des Iran einschränken.
Doch der Preis war hoch: Der Iran reagierte mit Raketen- und Drohnenangriffen auf israelisches Gebiet. Damit verlagerte sich der Konflikt von einem jahrelangen Schattenkrieg hin zu einer offenen militärischen Konfrontation – mit direkten Folgen für die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten, und das bis zur Gegenwart.
Das Ergebnis bleibt widersprüchlich: Die Abschreckung wurde gestärkt, doch gleichzeitig ist die Schwelle zum offenen Krieg deutlich gesunken.
Das iranische Regime folgt einer anderen Machtlogik
Der Iran: Ein Regime gegen das eigene Volk und mit einer anderen Logik von Macht. Aus israelischer Perspektive richtet sich die Feindschaft nicht gegen das iranische Volk, sondern gegen die Führung im Teheran. Diese steht seit Jahren wegen massiver Menschenrechtsverletzungen in der Kritik: Unterdrückung von Protesten, Massenverhaftungen und Hinrichtungen.
Die Dimension dieser Repression ist erschütternd. Tausende Demonstrierende wurden bei Protesten getötet oder später hingerichtet, während das Regime systematisch gegen die eigene Bevölkerung vorgeht. Noch immer dauern Hinrichtungen von Regimegegnern an, um Widerstand zu brechen.
Für Israel ergibt sich daraus ein fundamentaler Unterschied und zugleich ein strategisches Dilemma: Die Stärke Israels ist gleichzeitig seine Schwäche. In Israel hat das Leben jedes einzelnen Menschen – Soldat wie Zivilist – ein enormes politisches und gesellschaftliches Gewicht. Jeder Verlust erzeugt Druck, Debatten und oft auch Selbstzweifel.
Im iranischen Machtapparat hingegen zeigt sich eine andere Logik: Menschenleben, selbst in den eigenen Reihen, besitzen einen deutlich geringeren politischen Stellenwert. Wird eine militärische oder politische Führungsriege ausgeschaltet, bedeutet das für das System keinen strategischen Zusammenbruch. Die Positionen werden neu besetzt, die Linie bleibt bestehen.
Diese Austauschbarkeit von Machtträgern verleiht dem Regime eine zynische Widerstandsfähigkeit – während Israel gerade durch seine humanitären und demokratischen Maßstäbe verwundbarer erscheint.
Die Rolle der USA: Unverzichtbar, aber nicht risikofrei.
Die Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten bleibt zentral für Israels Sicherheit. Politische und militärische Unterstützung stärken Israels Position erheblich.
Doch diese Abhängigkeit bringt auch Unsicherheit. Strategische Kurswechsel in Washington wirken sich unmittelbar auf Israels Handlungsspielraum aus – besonders in einem Konflikt, der jederzeit erneut eskalieren kann.
Ein gefährlicher Status quo
Heute zeigt sich ein paradoxes Bild: Israel hat Stärke demonstriert und seinem Gegner empfindliche Schläge zugefügt. Doch der grundlegende Konflikt ist ungelöst – möglicherweise sogar verschärft.
Der Iran bleibt handlungsfähig, die politische Führung ist weiterhin an der Macht, und die strukturellen Bedrohungen bestehen fort. Gleichzeitig wächst das Risiko einer weiteren Eskalation.
Der Konflikt hat Israel kurzfristig Sicherheit und militärische Vorteile gebracht – aber keine nachhaltige Lösung. Er hat zugleich eine unbequeme Wahrheit offengelegt: Die moralische Stärke Israels ist strategisch nicht immer ein Vorteil gegenüber einem Regime, das anders kalkuliert.
Ob diese Politik langfristig Stabilität schafft oder neue Konflikte hervorbringt, bleibt offen. Was dieser Konflikt letztlich gebracht haben wird, wird die Zukunft zeigen.
Der Autor ist ehemaliger Direktor der Jewish Claims Conference für Deutschland.
