Kommentar

Was hat der Konflikt mit dem Iran Israel gebracht?

Roman Haller Foto: picture alliance / SZ Photo

Aus israelischer Sicht war der Konflikt mit dem Iran nie eine Frage bloßer Machtpolitik, sondern eine existenzielle Bedrohung. Seit Jahrzehnten betrachtet Jerusalem das iranische Regime als strategischen Hauptgegner – wegen seines Atomprogramms, seiner Unterstützung antiisraelischer Milizen und seiner offenen Vernichtungsrhetorik. Doch nach der Eskalation, insbesondere dem Krieg im Juni 2025, stellt sich eine unbequeme Frage: Was hat dieser Konflikt Israel tatsächlich gebracht?

Sicherlich war dies ein militärischer Erfolg, aber kein strategischer Sieg. Die israelisch-amerikanischen Angriffe im Juni 2025 zielten darauf ab, das iranische Atomprogramm und die militärische Infrastruktur entscheidend zu schwächen. Kurzfristig konnte Israel damit seine militärische Überlegenheit demonstrieren und den Handlungsspielraum des Iran einschränken.

Doch der Preis war hoch: Der Iran reagierte mit Raketen- und Drohnenangriffen auf israelisches Gebiet. Damit verlagerte sich der Konflikt von einem jahrelangen Schattenkrieg hin zu einer offenen militärischen Konfrontation – mit direkten Folgen für die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten, und das bis zur Gegenwart.

Das Ergebnis bleibt widersprüchlich: Die Abschreckung wurde gestärkt, doch gleichzeitig ist die Schwelle zum offenen Krieg deutlich gesunken.

Das iranische Regime folgt einer anderen Machtlogik

Der Iran: Ein Regime gegen das eigene Volk und mit einer anderen Logik von Macht. Aus israelischer Perspektive richtet sich die Feindschaft nicht gegen das iranische Volk, sondern gegen die Führung im Teheran. Diese steht seit Jahren wegen massiver Menschenrechtsverletzungen in der Kritik: Unterdrückung von Protesten, Massenverhaftungen und Hinrichtungen.

Die Dimension dieser Repression ist erschütternd. Tausende Demonstrierende wurden bei Protesten getötet oder später hingerichtet, während das Regime systematisch gegen die eigene Bevölkerung vorgeht. Noch immer dauern Hinrichtungen von Regimegegnern an, um Widerstand zu brechen.

Für Israel ergibt sich daraus ein fundamentaler Unterschied und zugleich ein strategisches Dilemma: Die Stärke Israels ist gleichzeitig seine Schwäche. In Israel hat das Leben jedes einzelnen Menschen – Soldat wie Zivilist – ein enormes politisches und gesellschaftliches Gewicht. Jeder Verlust erzeugt Druck, Debatten und oft auch Selbstzweifel.

Im iranischen Machtapparat hingegen zeigt sich eine andere Logik: Menschenleben, selbst in den eigenen Reihen, besitzen einen deutlich geringeren politischen Stellenwert. Wird eine militärische oder politische Führungsriege ausgeschaltet, bedeutet das für das System keinen strategischen Zusammenbruch. Die Positionen werden neu besetzt, die Linie bleibt bestehen.

Diese Austauschbarkeit von Machtträgern verleiht dem Regime eine zynische Widerstandsfähigkeit – während Israel gerade durch seine humanitären und demokratischen Maßstäbe verwundbarer erscheint.

Die Rolle der USA: Unverzichtbar, aber nicht risikofrei.

Die Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten bleibt zentral für Israels Sicherheit. Politische und militärische Unterstützung stärken Israels Position erheblich.

Doch diese Abhängigkeit bringt auch Unsicherheit. Strategische Kurswechsel in Washington wirken sich unmittelbar auf Israels Handlungsspielraum aus – besonders in einem Konflikt, der jederzeit erneut eskalieren kann.

Lesen Sie auch

Ein gefährlicher Status quo

Heute zeigt sich ein paradoxes Bild: Israel hat Stärke demonstriert und seinem Gegner empfindliche Schläge zugefügt. Doch der grundlegende Konflikt ist ungelöst – möglicherweise sogar verschärft.

Der Iran bleibt handlungsfähig, die politische Führung ist weiterhin an der Macht, und die strukturellen Bedrohungen bestehen fort. Gleichzeitig wächst das Risiko einer weiteren Eskalation.

Der Konflikt hat Israel kurzfristig Sicherheit und militärische Vorteile gebracht – aber keine nachhaltige Lösung. Er hat zugleich eine unbequeme Wahrheit offengelegt: Die moralische Stärke Israels ist strategisch nicht immer ein Vorteil gegenüber einem Regime, das anders kalkuliert.

Ob diese Politik langfristig Stabilität schafft oder neue Konflikte hervorbringt, bleibt offen. Was dieser Konflikt letztlich gebracht haben wird, wird die Zukunft zeigen.

Der Autor ist ehemaliger Direktor der Jewish Claims Conference für Deutschland. 

Israel

Herzog ruft Israels Politiker zu Kompromissbereitschaft auf

Der Präsident mahnt die Parteichefs zur Flexibilität bei den Koalitionsgesprächen und warnt vor Neuwahlen. Am Mittwoch beginnen die Beratungen in seinem Amtssitz

 01.11.2026

Regierungsbildung

Israels Oppositionschefs treffen sich zu Gesprächen

Avigdor Liberman soll sich mit Gadi Eisenkot getroffen haben, Yair Golan sprach mit der Gemeinsamen Liste. Der Likud schließt unterdessen eine Rotation im Amt des Ministerpräsidenten aus

 01.11.2026

Gadi Eisenkot spricht in der Wahlnacht vor Anhängern

Regierungsbildung in Israel

Eisenkot nennt vier Bedingungen für mögliche Koalitionspartner

Der Yashar-Chef will die neue Knesset-Mehrheit rasch nutzen und lädt jeden Abgeordneten zur Zusammenarbeit ein, der seine Grundsätze akzeptiert

 01.11.2026

Jair Golan, Vorsitzender der Demokraten in Israel, im Porträt

Nahost

Opposition warnt vor neuem Krieg mit Iran unter Netanjahu

Angesichts wachsender Spannungen mit dem Iran stellt ein führender Oppositionspolitiker die politische Legitimation Netanjahus für eine neue militärische Auseinandersetzung infrage

 01.11.2026

Isaac Herzog spricht beim Weltwirtschaftsforum in Davos

Regierungsbildung

Israels Präsident kündigt Gespräche zur Regierungsbildung an

Keines der politischen Lager in Israel erreicht die erforderliche Mehrheit von 61 Sitzen. Nun liegt die Initiative bei Präsident Herzog. Wer erhält den ersten Auftrag zur Regierungsbildung?

 01.11.2026

Jerusalem

Wahlsieger ohne Mehrheit

Das endgültige Wahlergebnis liegt vor. Benjamin Netanjahus Likud hat mehr Sitze als alle anderen Parteien. Nützt ihm das etwas?

 30.10.2026

Jerusalem

Eisenkot will Wehrpflichtgesetz und Untersuchung zum 7. Oktober vorantreiben

Der Vorsitzende der zentristischen Partei Yashar erklärt, er arbeite bereits an entsprechenden Gesetzesvorlagen. Ob er wirklich eine Regierung bilden kann, bleibt aber unklar

 30.10.2026

Umfrage

Mehrheit der Oppositionswähler befürwortet Regierungskoalition mit arabischer Partei

Befragt wurden Anhänger von Yashar, B’Yachad, der Demokraten sowie Yisrael Beitenu. Was denken diese Wähler?

 30.10.2026

Natur

Gefährliche Ameise

Die invasive Afrikanische Großkopfameise breitet sich schnell aus und kann Ökosysteme sowie die Landwirtschaft schädigen – jetzt wurde sie in Haifa gefunden

von Sabine Brandes  29.10.2026