Vor seinem Schalter stehen immer wieder Kunden. Manche wollen Dollar für die Sommerreise kaufen, andere Euro. Doch Moshe Biton muss sie enttäuschen. »Ich schicke die Leute wieder weg«, sagt der Geldwechsler aus Tel Aviv. »Meine Kassen sind leer.« Was zunächst wie ein lokales Problem eines einzelnen Geschäfts klingt, macht sich landesweit bemerkbar.
Nach Angaben von Wechselstubenbetreibern und Berichten israelischer Medien sind Fremdwährungen in Israel derzeit ungewöhnlich knapp. Besonders Dollar und Euro sind stark gefragt. Selbst britische Pfund würden inzwischen sofort aufgekauft.
Für Biton hat die Entwicklung existenzielle Folgen. Sein Geschäftsmodell basiert auf dem Umtausch von Währungen. Für jede Transaktion erhält er eine Gebühr. Doch wenn keine Devisen mehr vorhanden sind, kann er auch nichts verkaufen. »Mein Geschäft ist kaputt«, sagt er.
Bank of Israel weist Eindruck von Devisenknappheit zurück
Regelmäßig versuche er, bei Banken neue Bestände an Fremdwährungen zu beschaffen. Doch die Antwort sei immer dieselbe: Es gebe nichts mehr. Auch aus dem Bankensektor werden inzwischen Engpässe gemeldet. Nach Informationen in israelischen Medien berichten mehrere Geschäftsbanken von sinkenden Bargeldbeständen in ausländischen Währungen.
Die Bank of Israel weist allerdings den Eindruck einer landesweiten Devisenknappheit zurück. Die Versorgung der Wechselstuben mit Fremdwährungen liege in der Verantwortung der Geschäftsbanken und nicht der Zentralbank, erklärte die Notenbank. Man sei sich keiner allgemeinen Knappheit von Fremdwährungsbeständen bewusst. Falls es Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Bargeld gebe, handle es sich offenbar um lokale oder punktuelle Probleme.
Die Erfahrungen vieler Geldwechsler zeichnen jedoch ein anderes Bild. Wie gravierend die Situation inzwischen ist, zeigt ein Blick auf die Funktionsweise des Marktes. Geldwechsler beziehen ihre Devisen in der Regel aus zwei Hauptquellen: Zum einen von Kunden – Touristen, ausländischen Arbeitskräften oder Israelis, die von Reisen zurückkehren und ihre mitgebrachten Banknoten in Schekel umtauschen. Zum anderen kaufen sie Fremdwährungen zentral bei Geschäftsbanken oder anderen Finanzinstituten ein.
Manche Wechselstuben erhalten darüber hinaus direkte Lieferungen von ausländischen Geldhäusern. Wenn alle diese Quellen gleichzeitig versiegen oder nicht mehr genügend Nachschub liefern, geraten die Wechselstuben schnell an ihre Grenzen.
Moshe Biton: »Die Leute stehen Schlange. Aber ich habe nichts mehr, was ich ihnen verkaufen kann.«
Der aktuelle Ansturm auf Dollar und Euro hat mehrere Ursachen. Zunächst spielte die starke Aufwertung des Schekels eine Rolle. Die israelische Währung hatte in den vergangenen Monaten deutlich an Wert gewonnen. Dadurch wurden Fremdwährungen günstiger. Viele Israelis nutzten die Gelegenheit, um bei dem hohen Schekelkurs noch vor den Sommerferien mit Bargeld einzudecken, bevor sich die Wechselkurse wieder verändern könnten. Andere betrachteten Dollar oder Euro auch als eine Form der Geldanlage.
In den vergangenen Tagen gewann die Entwicklung jedoch zusätzliche Dynamik. Auslöser waren Äußerungen von Notenbankchef Amir Yaron. Der Gouverneur der Bank of Israel deutete an, dass die Zentralbank die Zinsen möglicherweise schneller senken könnte als bislang erwartet. Die Inflation bewege sich zunehmend in Richtung des unteren Bereichs des staatlichen Zielkorridors von ein bis drei Prozent.
An den Finanzmärkten wurden diese Aussagen als Signal verstanden, dass weitere Zinssenkungen bevorstehen könnten. Gleichzeitig machte Yaron deutlich, dass die Zentralbank derzeit offenbar nicht plant, durch umfangreiche Dollarkäufe aktiv in den Devisenmarkt einzugreifen.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Der Schekel verlor noch am selben Tag an Wert. Während der Dollar kurz zuvor noch bei rund 2,82 Schekel notiert hatte, stieg der Kurs innerhalb kurzer Zeit auf etwa 2,87 Schekel. Auch der Euro legte gegenüber der israelischen Währung zu.
Die Knappheit macht sich inzwischen auch bei den Preisen bemerkbar. »Es gibt keine Banknoten mehr im Land, deshalb steigen die Kurse«, sagt Moshe. Wer heute Dollar oder Euro kaufen wolle, bekomme sie häufig nicht mehr zum offiziellen Wechselkurs. Statt des offiziellen Dollarkurses von rund 2,80 Schekel würden vielerorts bereits 2,90 Schekel und mehr verlangt.
Erhebliche Folgen für Unternehmen
Für Unternehmen könnte dies erhebliche Folgen haben. »Die Aussagen des Notenbankchefs verändern die Spielregeln«, erklärte der Wirtschaftsberater Eran Buchris gegenüber ynet. Die jüngste Dollarstärke sei möglicherweise nicht nur eine kurzfristige Marktschwankung, sondern ein Warnsignal. Unternehmen müssten ihre Verträge, ihre Fremdwährungsrisiken und ihre Finanzierungskosten neu bewerten.
Hinzu kommen Probleme auf der Angebotsseite. Wegen der anhaltenden Spannungen im Nahen Osten sind die Versicherungskosten für internationale Transporte gestiegen. Dadurch wird auch der Transport von Bargeld nach Israel teurer und komplizierter. Auch die Touristen bleiben aus. Weniger Nachschub trifft somit auf eine sprunghaft gestiegene Nachfrage.
Für Menschen wie den Geldwechsler Biton sind die großen wirtschaftlichen Zusammenhänge jedoch zweitrangig. Für ihn zählt vor allem, dass seine Schalter leer bleiben. »Die Leute stehen Schlange«, sagt er. »Aber ich habe nichts mehr, was ich ihnen verkaufen kann.«