Tischtennis

Wer waren Marty Reisman und Alojzy Ehrlich?

Selbstverständlich handelt es sich bei »Marty Mauser« nicht um Marty Reisman. Und genauso selbstverständlich ist »Béla Kletzko« nicht Alojzy Ehrlich. Die Erstgenannten sind Rollennamen in dem für insgesamt neun Oscars nominierten Film Marty Supreme. Die Zweitgenannten sind historische Personen, die für den Film und seine Charaktere entfernt als Vorbilder dienten.

Reisman und Ehrlich sind Tischtennisspieler, die in einer Zeit von ihrem Sport leben wollten, als das nicht gerade leicht war. Und beide sind Juden mit sehr unterschiedlichen Biografien.

Marty Reisman (1930–2012) ist ein New Yorker, der eine ganze Reihe Stereotype verkörpert: schrill, lebenslustig, risiko­bereit und auch arrogant. Im Film wird er als eine Mischung aus Hallodri und Betrüger gezeichnet. »Ich bin nie einer Wette aus dem Weg gegangen«, zitierte die »New York Times« den echten Reisman kurz vor seinem Tod.

Alojzy Ehrlich (1914–1992), der sich später Alex nannte, stammt aus Polen. Tischtennis lernte er in dem jüdischen Verein Hasmonea Lwów. Sein Klub war keine Ausnahme, etwa die Hälfte aller polnischen Tischtennisvereine in den 30er-Jahren war jüdisch. 1943 wurde Ehrlich nach Auschwitz deportiert. Er überlebte, weil ihn ein SS-Mann als Weltklasse-Tischtennisspieler erkannt haben soll. Um nicht ermordet zu werden, bekam Ehrlich den gefährlichen Auftrag, Bomben zu entschärfen.

Ein SS-Mann soll Ehrlich in Auschwitz als Tischtennisprofi der Weltklasse erkannt haben.

Was für Ehrlich auf so dramatische Weise stimmt, trifft auf Reisman auch zu: Tischtennis war sein Leben. Beide Männer konnten und wollten nichts anderes machen als dieses Spiel mit Ball und Schläger.

Reisman wurde im Alter von 13 Jahren New Yorker Juniorenmeister. Er jobbte in einem Schuhgeschäft, doch immer wieder spielte er in New Yorker Läden um Geld. In Kneipen wie dem »Lawrence’s« in Manhattan wurde dieser Sport betrieben, und zugleich waren die USA, lange bevor China alles dominierte, eine der besten Tischtennisnationen. Eine Anekdote aus Marty Reismans Jugend erzählt, er habe als 15-Jähriger 500 Dollar auf sich selbst wetten wollen, doch der Mann, den er für einen Buchmacher hielt, war der Präsident des USA-Tischtennisverbandes. Reisman wurde rausgeschmissen.

Schon früh tingelte Reisman mit seinem Tischtennistalent durch Amerika und Europa. Zusammen mit einem Partner traten sie im Rahmenprogramm der Harlem Globetrotters auf, der afroamerikanischen Show-Basketballtruppe. Auch nach Deutschland verschlug es Reisman und seinen Kumpel. Das Duo spielte Tischtennis mit Bratpfannen oder schlug die Bälle mit Schuhsohlen übers Netz. Reisman verdiente mit seinem Talent viel Geld – und mit seiner Risiko­bereitschaft verlor er es wieder.

Berühmt wurde ein Auftritt in der Late Night Show von David Letterman, in der er seinen besten Trick vorführte.

Im Film ist Béla Kletzko Martys Partner bei den Showauftritten. Der wirkliche Alojzy Ehrlich musste zwar auch tingeln, aber er blieb immer einer, der seinen Sport ernst nahm. Gleichwohl ist sein Name in der Sportgeschichte mit einer sensationellen Anekdote verbunden. Bei der Weltmeisterschaft 1936 in Prag spielte er gegen den Rumänen Farkas Paneth, auch er einer der vielen jüdischen Weltklassespieler der damaligen Zeit: 132 Minuten lang, also über zwei Stunden, schoben sich die beiden ununterbrochen den Ball zu. »Nach einer Stunde Löffelei mit links und rechts kam ein Freund und fragte, ob ich nicht mit ihm Schach spielen wollte«, erzählte Ehrlich später. »Ich tat’s nebenbei, und er zog die Figuren.« Ehrlich gewann.

Nach der Befreiung des Vernichtungs­lagers Auschwitz ging Alojzy Ehrlich nicht nach Polen zurück, sondern nach Frankreich. Dort spielte er weiter, kämpfte sich in die Weltspitze zurück, gewann etliche Turniere, schrieb Lehrbücher und erfand einen Tischtennisroboter. Außerdem ging er in Sachen Tischtennis auf Reisen, um Unterricht zu erteilen. Die »Nordwest-Zeitung« aus Oldenburg schrieb 1964 über einen seiner Auftritte: »Er hat sich dem schnellen Spiel so sehr verschrieben, dass seine Schüler nicht nur von seinen reichen Erfahrungen profitieren, sondern auch von Ehrlichs Begeisterung angesteckt werden.«

Reisman hingegen blieb der »Hustler«, der Gauner, wie er sich im Titel seiner Autobiografie selbst nennt: The Money Player. The Confessions Of America’s Greatest Table Tennis Champion And Hustler (»Spieler um Geld. Bekenntnisse des größten Tischtennis-Champions und Hustlers Amerikas«).

Berühmt wurde ein Auftritt in der Late Night Show von David Letterman, wo er seinen besten Trick vorführte: Eine Zigarette wird aufrecht hingestellt, und Reisman durchtrennt sie mit einem scharf geschlagenen Tischtennisball.

Angeblich erreichte Reisman mit seiner Vorhand eine Ballgeschwindigkeit von 185 Kilometer pro Stunde.

Die Showauftritte änderten nichts daran, dass Reisman bis ins hohe Alter wirklich ein Weltklassespieler war. Mit seiner Vorhand soll er eine Ballgeschwindigkeit von 185 Kilometer pro Stunde erreicht haben. Zwischen 1946 und 2002 gewann er 22 internationale und nationale Meisterschaften, darunter zweimal die US Open und einmal die British Open.

Bei Turnieren sind sich Reisman und Ehrlich oft begegnet, sie haben gegeneinander gespielt, und sie haben einander wohl auch geschätzt und gemocht. In seiner Autobiografie berichtet Reisman von einer Szene, die sich so auch im Marty Supreme-Film findet. In Auschwitz, wo er zur Entschärfung von Bomben allein durch Waldstücke nahe des KZs ging, entdeckte Ehrlich einmal einen Bienenstock. Er bestrich seinen Körper mit Honig und ließ seine Mitgefangenen seinen Oberkörper ablecken, damit sie auf diese Weise so wichtige Nahrung erhielten.

Die Filmszene verstört, und doch kann man davon ausgehen, dass sie authentisch ist. Ein Akt der Solidarität unter extremsten und erniedrigendsten Bedingungen. Und eine Tat, die Marty Reisman, das Vorbild für die Filmfigur Marty Mauser, zutiefst beeindruckt hat.

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  04.04.2026