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Film

Überraschend witzige Geschichte über Begehren und Scham

Hannah Einbinder in »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« Foto: picture alliance

In Jane Schoenbruns neuem Film Teenage Sex and Death at Camp Miasma spritzt das Blut so maßlos in die Luft, dass man eher lachen als wegsehen muss. Ein Killer trägt eine Deckenlüftung als Maske, Gillian Anderson (Akte X, Sex Education) bringt Hannah Einbinders (Hacks) Figur mit wenigen Blicken ins Schwitzen (im übertragenen und im wörtlichen Sinne) – und mittendrin geht es um eine junge Regisseurin, der es leichter fällt, ihr eigenes Begehren zu analysieren, als sich diesem hinzugeben.

Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde der Film mit der Queer Palm ausgezeichnet. Nun läuft Schoenbruns dritter Film in deutschen Kinos an (Kinostart 20.8.). Der Titel verrät schon, worum es geht: Sex und Tod. Umgeben werden diese Themen von Angst und Scham. Dass man bei all dem erstaunlich oft laut loslachen muss, verrät der Titel allerdings nicht.

Für den Film nimmt sich die Jüdin Schoenbrun das Genre »Slasher« vor. In diesem Horrorgenre verfolgt meist ein Killer eine Gruppe junger Menschen und tötet sie nach und nach. Lust spielt darin oft eine auffällige Rolle. Gerade Figuren, die Sex haben, trinken oder andere Drogen konsumieren, gehören in vielen klassischen Slasher-Filmen zu denen, die sterben. Am Leben bleibt dagegen oft eine junge Frau, die zurückhaltender und sexuell unerfahrener ist. Sie ist das sogenannte »Final Girl«.

Überholte Vorstellungen

Darin lässt sich eine ziemlich konservative Vorstellung von Tugend erkennen. Begehren wird gezeigt, zugleich aber mit Gefahr verbunden. Wer nachgibt, muss womöglich dafür mit dem Leben bezahlen.

Schoenbrun übernimmt diese Verbindung, nicht aber die Moral dahinter. Schon der Name des Killers verweist darauf: »Little Death« (Jack Haven), der kleine Tod, spielt auf »la petite mort« an, eine französische Umschreibung für den Orgasmus. Auch die Morde treiben diese Nähe zwischen Lust und Tod weiter. Little Death stöhnt während der Attacken laut los und verschmiert anschließend Blut über sich.

Im Mittelpunkt des Films steht die von der ebenfalls jüdischen Darstellerin Hannah Einbinder gespielte Kris, eine junge Regisseurin, die das in die Jahre gekommene Slasher-Franchise »Camp Miasma« neu auflegen soll. Die Filme haben sie seit ihrer Jugend begleitet und begeistert. Heute sieht sie darin zugleich problematische Bilder und überholte Vorstellungen von Geschlecht.

Spürbare Anziehung

Für die Neuauflage sucht sie Billy (Gillian Anderson) auf, das »Final Girl« des ersten Films, das inzwischen zurückgezogen auf dem ehemaligen Drehgelände lebt. Aus dem beruflichen Besuch wird bald mehr. Zwischen beiden entsteht eine spürbare Anziehung.

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Wie klug und gleichzeitig witzig Schoenbrun schreibt, zeigt sich nicht zuletzt an Kris selbst. Sie ist es gewohnt, alles erst einmal zu analysieren. Ihr Sundance-Erfolg »Jouissance« - womöglich eine Anspielung in Richtung Psychoanalyse und Jacques Lacan - war ausgerechnet eine Neuinterpretation von Alfred Hitchcocks Psycho aus der Perspektive eines Duschvorhangs. Auch »Camp Miasma« betrachtet sie theoretisch: Sie spricht über Geschlechterbilder, kommentiert Kameraeinstellungen und weiß ziemlich genau, was an den alten Filmen problematisch ist.

Dass Schoenbrun bei all dem nie den Witz verliert, macht den Film so gut. Die Frage, was problematisch sein kann, wird durchaus ernst genommen. Auf die Schippe nimmt der Film häufig eher eine Art, darüber zu sprechen, die so akademisch und eingeübt sein kann, dass das eigentliche Empfinden dahinter kaum vorkommt. Kris beherrscht diese Sprache perfekt. Nur wenn es darum geht, was sie selbst fühlt und will, kommt sie ins Stocken.

Film, Fantasie und Gegenwart

Für Billy hingegen geht es bei »Camp Miasma« schlicht um »flesh and fluids«, also um Körper und ihre Flüssigkeiten. Damit trifft sie einen Punkt, an dem Kris mit ihren Analysen nicht mehr besonders weit kommt. Je länger die beiden Zeit miteinander verbringen, desto stärker geraten auch Kris’ Verhältnis zu »Camp Miasma« und ihr Blick auf das eigene Begehren in Bewegung. Film, Fantasie und Gegenwart beginnen dabei zunehmend ineinanderzulaufen.

Die geplante Neuauflage rückt darüber immer weiter in den Hintergrund und die Frage, was dieser alte Horrorfilm in Kris auslöst – und warum er sie bis heute nicht loslässt, immer mehr in den Vordergrund.

Dass sich Kris selbst und ihre Gefühle so häufig aus einer gewissen Distanz betrachtet, hat viel mit Schoenbruns eigener Biografie zu tun. Die Regieperson verbindet »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« mit den Erfahrungen nach der eigenen Transition. Die früheren Filme We’re All Going to the World’s Fair und I Saw the TV Glow seien stärker von Dissoziation geprägt gewesen - also nicht richtig anwesend im eigenen Körper zu sein und das eigene Leben eher von außen zu betrachten.

Körperlichkeit und Intimität

Beim neuen Film sei der Ausgangspunkt ein anderer gewesen. Nach der Transition habe sich auch Schoenbruns Verhältnis zu Körperlichkeit und Intimität verändert. Dabei wollte die Filmschaffende von dem Moment erzählen, in dem man sich nicht länger selbst beim Leben zusieht, sondern tatsächlich darin ankommt. »Das Betreten des Films steht hier für das Betreten des eigenen Ichs«, sagt Schoenbrun.

Zu diesem Ankommen gehört im Film aber noch etwas anderes: sich nicht länger für das zu schämen, was einen geprägt hat oder was man begehrt. Die Frage bleibt, ob das Kris am Ende des Films gelingt. Der Film ist ein sogenanntes Mubi-Release und dürfte bald bei dem kleinen Streamingdienst auch zu sehen sein.

Programm

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