Imanuels Interpreten (12)

Paula Abdul: Die Tänzerin

Die Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin Paula Abdul ist inzwischen 63 Jahre alt. Foto: picture alliance / Sipa USA | Image Press Agency

Ein Bild von 1988 zeigt einen 27-jährigen Pop-Star namens Paula Abdul in München. Vor einer in der dortigen »Bravo«-Redaktion aufgebauten Wand, auf der Signaturen von Musikerkollegen und ihre Plattencover prangen, lächelt die Interpretin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in die Kamera.

Die Tatsache, dass ausgerechnet »Bravo« die Publikation ist, die sie vorstellt, zeigt schon, welchen Weg Paula Abdul – vermutlich auf Anraten ihres Managements – einschlug: Hier ging es nicht vorrangig darum, musikalische Qualität und Tiefe zu präsentieren. Von Anfang an wurde auf einen notfalls auch kurzlebigen Pop-Erfolg hingearbeitet.

Wer in den späten 1980-er Jahren als Musikredakteur bei einem kleinen Radiosender in Baden-Württemberg tätig war, wie der Autor dieser Zeilen, oder wer damals einfach MTV einschaltete, kam an Paula Abdul nicht vorbei. Das Geheimnis ihres Erfolges lag auch in ihren Videoclips, die ihre Tanzeinlagen gut in Szene setzten.

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Das »Opposites Attract«-Video von Paula Abdul
Cartoon-Kater als Tanzpartner

Das Video zu ihrem Hit »Opposites Attract«, der auf ihrem Debütalbum Forever Your Girl verewigt wurde, war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung eine kleine Sensation. Denn einen singenden Cartoon-Kater mit einer echten Sängerin hatte bislang noch niemand im Duett gesehen. Es war ein recht unterhaltsamer Clip, der da über die Bildschirme huschte und die richtige Zielgruppe einfing.

Wenn man allerdings zu sehr darüber nachdenkt, warum ein rappender Kater mit dunklem Fell im Songtext mit Vorurteilen überhäuft wird, die Rassisten über bestimmte Minderheiten in den USA verbreiten, ist das Video plötzlich nicht mehr so ansprechend. Unterstellen wir mal, dass die Produzenten wenig oder gar nicht nachdachten. Dies gilt vielleicht auch für die Jury der Grammys, die den Clip 1991 zum besten Musikvideo erklärte.

Die Musik des ersten Albums ist schwer verdaulich, um es höflich zu formulieren. Simplistischer Elektro-Pop im Stil der späten 80er-Jahre wurde mit den zu dieser Zeit üblichen, übertriebenen Synthesizer-Sounds gepaart und zu lang gekocht. Paula Abduls eher piepsige Stimme wurde dann mit dem schmalen Ergebnis dieser Bemühungen vermengt.

Im Jahr 1988 wurde Paula Abdul beim Besuch in der »Bravo«-Redaktion in München abgelichtet.Foto: picture alliance / United Archives
Selbes Strickmuster

Nur in Verbindung mit dem Video ist der Title-Track »Forever Your Girl« halbwegs verdaulich. Was die Clips attraktiv macht, hat auch mit Paula Abduls Fähigkeiten als Tänzerin zu tun.

Der zweite Song auf dem ersten Album ist nicht besser. Bei »State of Attraction« wird klar: Die Lieder gleichen sich sehr. Dennoch wurde Forever Your Girl das erfolgreichste Debütalbum aller Zeiten. Die Tatsache, dass alle Songs nach demselben Strickmuster geschrieben und aufgenommen wurden, tat der Sache offensichtlich keinen Abbruch.

Nach 30 Sekunden »I Need You« (aus der Mitte) gebe ich auf. Dafür sind die ersten 17 Sekunden des Videos zu ihrem Mega-Hit »Straight Up« richtig gut: Es ist eine Stepptanz-Einlage von ihr – Paula Abdul pur, ohne das monotone Gestampfe, das in der 18. Sekunde aber einsetzt.

Abduls zweite Schallplatte Spellbound enthielt den Balladenhit »Rush Rush«, der ebenfalls Kopfschmerzen erzeugen kann. Selbiges gilt für das komplette dritte (und letzte) Album Head Over Heels. Ihre CDs konnten und können keine Kult-Aufnahmen werden, da sie musikalisch nicht allzu viel zu bieten haben. Sie sind überproduziert, disharmonisch und komplett programmiert. Ab und zu taucht mal kurz ein echtes Saxofon auf. Was die Platten allerdings durchaus transportieren: die Stimmung und Modeerscheinungen der 80er und 90er.

Im Jahr 1996 spielte Paula Abdul in dem Film »Touched By Evil« mit.Foto: picture alliance/United Archives
Choreografie für Tom Hanks

Interessanter als die Alben und Videos ist die Künstlerin selbst. Geboren wurde sie am 19. Juni 1962 in San Fernando (Kalifornien). Ihr Vater Harry Abdul erblickte das Licht der Welt als Jude in Syrien, wuchs in Brasilien auf und wanderte später in die USA ein. Ihre Mutter Lorraine war eine kanadische Jüdin, die als Konzertpianistin schöne Klänge ins Haus brachte.

Als kleines Mädchen sah Paula Abdul Singin’ in the Rain mit Gene Kelly. In diesem Moment entschied sie, sie würde Tänzerin werden. Sie war im Ballett-Unterricht und nahm sowohl Jazztanz- als auch Stepptanzstunden. All dies schlug sich in ihren späteren Videoclips und Konzerten nieder. Schon immer war sie eher Tänzerin als Musikerin. Auch als Cheerleaderin fiel sie mit ihrem sonnigen Gemüt und coolen Tanzschritten auf.

Ausgerechnet die Jacksons entdeckten sie bei einem American Football-Spiel und beauftragten sie, die Choreografie für ihren Videoclip zu dem (schrecklichen) Song »Torture« zu entwickeln. Dies wiederum führte zu Aufträgen, die Paula Abdul für Janet Jackson umsetzte. Dann choreografierte sie schließlich auch Szenen für den Film Big mit Tom Hanks.

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Stecker gezogen

Sie war Produzentin einer Serie mit dem Titel Skirts, die für MTV gemacht, aber nie ausgestrahlt wurde. Später war Paula Abdul plötzlich Teil der Jury in American Idol. Auch hier machte sie eine gute Figur und erfreute sich großer Beliebtheit. Zugleich wurde sie Reporterin der Sendung Entertainment Tonight.

Paula Abdul wäre nicht Paula Abdul, wenn sie nicht auch noch eine DVD-Reihe mit dem Titel Cardio Cheer veröffentlicht hätte. Es ging darin um ihre Steckenpferde, nämlich Tanz, Cheerleading und Fitness. Für »Burger King«- Werbung choreografierte sie Tanzszenen. Nicht so gut kam ihre TV-Serie Hey Paula an, in der es um ihren Alltag ging. Nach nur einer Episode wurde der Stecker gezogen.

Die Tänzerin und TV-Persönlichkeit entpuppte sich auch noch als gerissene Geschäftsfrau, als sie ihre »Paula Abdul Jewelry« herausbrachte. Der Schmuck wurde auf dem TV-Kanal QVC veräußert. Wenig später kam es zu einer Überraschung: Nach 13 Jahren Pause veröffentlichte sie wieder eine Single. Der Titel: »Dance Like There’s No Tomorrow«. Das Strickmuster? Bitte fragt nicht. »I’m Just Here for the Music« von 2009 ist bis heute ihr bisher letzter Song.

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Einladung von Isaac Herzog

Vor acht Jahren, 2017, fing Paula Abdul wieder an, durch Amerika zu touren. Eine weitere Tournee folgte 2019. Der Grund: »Ich wollte wieder in engen Kontakt mit den Leuten kommen, die mich während meiner gesamten Karriere unterstützt haben, und sie wiedersehen. Außerdem wurde ich ständig gefragt, ob ich es jemals wieder tun würde.«

Von 1978 bis 2022 wirkte Paula Abdul in 15 Kinofilmen mit. In einigen davon spielte sie sich selbst. Zuschauer waren überrascht, als dies auch in dem Comedystreifen Brüno des ebenfalls jüdischen Multitalents Sacha Baron Cohen der Fall war.

Zweimal war Paula Abdul jeweils zwei Jahre lang verheiratet. Ihr erster Ehemann war der Schauspieler Emilio Estevez, einer der beiden Söhne von Martin Sheen, der zweite ein Designer. Sie ist als Hundeliebhaberin bekannt, die sich beharrlich weigert, Pelze zu tragen. Merkwürdig ist ihre Aussage, wonach sie 1992 einen Flugzeugabsturz überlebte und zahlreiche Halswirbelsäulenoperationen über sich ergehen lassen musste. Denn ein Absturz mit ihr an Bord wurde nie anderweitig bestätigt.

Noch weitaus interessanter ist Abduls Verhältnis zum Judentum und zu Israel, das sich erst spät intensivierte. Interesse an einer Reise in den jüdischen Staat bekundete sie in einem frühen Interview. Im Jahr 2006 wurde sie vom damaligen Tourismusminister und heutigen Präsidenten Isaac Herzog eingeladen. Ihre Reaktion: »Sie haben meinen Traum wahrgemacht.« Im Jahr 2013 feierte Paula Abdul im israelischen Safed ihre Bat Mitzwa.

»Imanuels Interpreten« ist eine Kolumne über jüdische Musiker von Imanuel Marcus. E-Mail: marcus@juedische-allgemeine.de

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