Alexander Estis

»Ich bin Pessimist – aber das wird bestimmt bald besser«

»Die Beschäftigung mit den Klassikern gibt mir Halt«: der Schriftsteller Alexander Estis (38) Foto: Magnus Terhorst

Alexander Estis

»Ich bin Pessimist – aber das wird bestimmt bald besser«

Der Schriftsteller über die Folgen der Kriege in der Ukraine und Nahost, Resilienz und Schreiben als Protest

von Ayala Goldmann  12.12.2024 16:31 Uhr

Herr Estis, Sie haben in der »FAZ« zusammen mit Slata Roschal eine Reihe von Texten initiiert, und zwar zu Antisemitismus im deutschen Literaturbetrieb seit dem 7. Oktober 2023. Außer Ihnen haben sich Ronya Othmann, Lea Streisand, Erica Zingher und vier weitere Autorinnen und Autoren beteiligt. Wie war die Resonanz?
Einige Autorinnen haben eine sehr große Reichweite in den sozialen Medien. Das hat letztlich auch dazu geführt, dass auf Instagram eine Art Shitstorm ausgebrochen ist, wie bei diesen Themen im Moment leider fast zu erwarten. Das hat uns – als ob wir es nicht schon wüssten –sozusagen am eigenen Leib spüren lassen, wie viel Hass man erntet, wenn man Antisemitismus kritisiert. Einer schrieb zum Beispiel: »Zwei Dinge haben kein Existenzrecht. Siedlerkolonien in Palästina und israelsolidarische Intellektuelle.« Es gab aber auch gemäßigtere Kritik, wo man durchaus ins Gespräch kam, und außerdem solidarische und bestärkende Nachrichten von Kolleginnen und Kollegen.

Das Motto lautete: »Genug ist genug«. Konnten Sie sich durch das Schreiben Genugtuung verschaffen?
Nicht unbedingt. Es war eine Art Protest­note, und das gibt natürlich schon ein Stück weit ein Gefühl, man hätte endlich etwas Dringendes und Drängendes ausgesprochen. Aber andererseits haben uns die Reak­tionen zum Teil doch wieder von Neuem sehr erschüttert.

Es gab »propalästinensische« Aktionen bei Buchmessen, der Berlinale und jüngst während der Ausstellungseröffnung der Fotografin und BDS-Aktivistin Nan Goldin. Der Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin wurde niedergebrüllt. Ist es für Sie eine Lösung, wenn zugelassen wird, dass eine Veranstaltung von Störern torpediert wird, und danach gibt es ein Dialogforum?
Ich glaube, wir sind an einem Punkt angelangt, wo fundamentale Dilemmata des Rechtsstaates zum Tragen kommen. Wie weit darf und muss die Wehrhaftigkeit einer Demokratie gehen, ohne dass dadurch andere Rechtsgüter wie Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit oder Versammlungsfreiheit eingeschränkt werden? Das ist extrem diffizil und muss von Fall zu Fall entschieden werden, im Zweifel auch von den Gerichten. Grundsätzlich finde ich es immer sehr wichtig, wenn Menschen der Dialog erst einmal angeboten wird. Das entzieht auch dem oft haltlosen Vorwurf von Redeverboten die Grundlage. Aber wenn der Dialog von der Gegenseite gar nicht erwünscht ist, wenn, wie im Falle von BDS, sogar Boykott gefordert wird, dann sollte man auch klar erkennen, woher der Wind weht, und entsprechend handeln. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man durch zu viel Toleranz und zu viel Offenheit solchen Menschen Raum gibt, die eben selbst nicht tolerant, nicht diskussionsbereit sind. Man holt sozusagen Akteure auf die Bühne, die dann den Vorhang fallen lassen. Deshalb ist klar: Wo menschenfeindliche Hetze beginnt, hört das freie Wort auf. Und das gilt unabhängig davon, ob wir von Rechten reden oder von Terrorverharmlosern oder von Antisemiten. Was Letztere angeht, sollte man stets daran denken: Öffentlicher Antisemitismus ist in Deutschland nie nur gegen Juden gerichtet, sondern stets zugleich eine Provokation gegenüber der nachkriegsdeutschen demokratischen Identität. Auch deshalb muss man dagegen aufstehen – und das kann bei den antisemitischen und antizionistischen Störungen, die wir heute immer wieder gewärtigen, durchaus wörtlich gemeint sein.

Wie bauen Sie sich selbst mental auf?
Das ist wohl eine Frage, die jetzt alle Kolleginnen und Kollegen umtreibt, die ähnlich betroffen sind. Bei uns tangiert eine dauernde, unausgesetzte Krise das gesamte Umfeld, die Familie, die Freunde entweder ganz direkt oder zumindest mittelbar. Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine angriff, hatte ich das Gefühl, dass eine Flucht nur nach vorn möglich ist, ich konnte mich ohnehin mit nichts anderem beschäftigen. Im ersten Kriegsjahr habe ich mehr als 30 Artikel zum Thema Russland und Ukra-ine geschrieben. Das hat auch mit einem Gefühl der absoluten Hilflosigkeit zu tun. Wenn man endlos Schreckensnachrichten auf sich einprasseln lässt, die einen auch noch mehr oder minder persönlich angehen, fühlt man sich nur noch als deren Objekt, als deren Zielscheibe. Indem man darüber schreibt, macht man sich auf eine gewisse Weise wieder zum Subjekt, zu einem handelnden Individuum. Aber man kann das nicht endlos tun, und als dann noch der 7. Oktober und die Folgen dazukamen, hat sich der Krisenmodus für mich gewissermaßen multipliziert. Ich habe leider überhaupt kein Rezept, wie wahrscheinlich niemand von uns.

Und sei es nur, gelegentlich abzuschalten?
Natürlich kann man sich Inseln schaffen, wo man dann etwa Literatur liest und nicht Tagesaktuelles. Woran ich aber nach diesem neuen Aufflammen des Antisemitismus vor unserer Haustür immer wieder denken muss, ist die jüdische Tradition, die es ja auch in der Bewältigung gibt: die Tradition des »trotzdem«, dieses »trotzdem weitermachen«, »trotzdem weiterleben«. Wenn die Deutschen als Aufarbeitungsweltmeister bezeichnet werden, dann sind wir, könnte man fast sagen, so etwas wie Traumaweltmeister. In der jüdischen Kultur, in der jüdischen literarischen und humoristischen Tradition, in der jüdischen Musik und Kunst ist diese Kraft der Überwindung überall verkörpert.

Welche Schriftsteller lesen Sie jetzt?
Die Beschäftigung mit den Klassikern gibt mir Halt. Jetzt habe ich gerade wieder Adorno und Hannah Arendt gelesen. Mir hilft das Erkennen von Kontinuitäten. Dass wir heute wieder Dinge erleben, die man längst überwunden glaubte, ist einerseits tragisch, aber andererseits findet man dank dieser Autoren, die darüber schon in unglaublicher Tiefe nachgedacht haben, einen besseren Umgang damit. Übrigens auch, was die vorhin angesprochenen Probleme der wehrhaften Demokratie angeht. Ich frage mich oft, warum wir uns heute so selten auf die großen Ideen berufen, die im Angesicht des Nationalsozialismus entstanden sind. Um es zuzuspitzen: Ich sehe leider nicht, dass Instagram voller Kacheln mit Zitaten von Karl Popper wäre … Und dann natürlich die Klassiker des jüdischen Humors und der politischen Satire. Ich bin ein großer Verehrer von Tucholsky, Torberg und so weiter, bis zurück zu Heinrich Heine. Sein Gedicht »Die Wahlesel« beginnt mit der Zeile: »Die Freiheit hat man satt am End.« An diesen Vers muss ich leider – vor allem, wenn ich mir die Wahl­ergebnisse anschaue –, ständig denken.

Eine Zeile, mit der wohl nur wenige Menschen in der Ukraine derzeit etwas anfangen können. Sie haben Verwandte in Kyiv – leben sie immer noch dort?
Einige ja. Ein Teil ist kurz nach Kriegsbeginn ausgewandert. Das ist eine traurige Kontinuität in unserer Familiengeschichte: Meine Großmutter ist 1941 mit meinem Vater aus Kiew vor den deutschen Bomben geflohen, nach dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion. Genau 80 Jahre später ist die Urenkelin, meine Nichte, die übrigens genauso heißt wie die Urgroßmutter, wiederum aus Kyiv geflohen, aber vor russischen Bomben und in die andere Richtung. Ich hatte auch Verwandte in Russland, die vor den gesellschaftlichen Veränderungen oder auch vor der Gefahr, zum Kriegsdienst eingezogen zu werden, nach Israel geflohen sind. Und dort wurden sie dann mit einem anderen Krieg konfrontiert.

Wie nehmen Sie die politische Stimmung in Deutschland wahr? Parteien, die Frieden mit Putin schließen möchten, gewinnen an Zuspruch …
Eine prinzipielle Bereitschaft zur Unterstützung der Ukraine gibt es in weiten Teilen der Gesellschaft schon noch, denke ich. Aber die Aufmerksamkeit nimmt natürlich ab. Nicht zuletzt auch der 7. Oktober hat zu einer Verschiebung des Fokus geführt, denn Nahost tangiert die deutsche Identität stärker, auch wenn wir hier viele Flüchtlinge aus der Ukraine haben. Es ist sehr wichtig, dass man diese Aufmerksamkeit weiterhin schafft. Die meisten von uns sind in der einen oder anderen Weise Pazifisten und wollen keinen Krieg. Wenn Menschen jetzt allerdings sagen, dann muss man eben Frieden schaffen, indem man sich mit Putin an einen Tisch setzt und ihm Zugeständnisse macht, dann bleibt das bestenfalls ein frommer und naiver Wunsch, solange man ignoriert, dass dafür auch auf russischer Seite eine belastbare Gesprächsbereitschaft vorhanden sein muss. Wer sich mit Putin an einen Tisch setzt, muss aufpassen, dass Putin sich nicht den Tisch nimmt – und auch noch den Stuhl, auf dem man sitzt.

Wie denken Sie über das Telefonat von Bundeskanzler Scholz mit Putin?
Wir wissen zu wenig über die Inhalte des Telefonats, deshalb würde ich es gern unbewertet lassen. Die Frage ist ja auch, was sind die genauen Motivationen?

Ab Januar 2025 werden Sie Stadtschreiber in Dresden. Sie haben angekündigt, auch zu tagesaktuellen Fragen Stellung zu nehmen. Was genau schwebt Ihnen vor?
Ich werde mich sicherlich nicht in die Dresdner Lokalpolitik einmischen, nachdem ich ein paar Monate dort verbracht habe. Das wäre vermessen. Ich kenne Dresden so gut wie überhaupt nicht. Es wird für mich selbst eine Erkundung sein. Ich könnte mir vorstellen, mit den Menschen über eine Zeitungskolumne in Kontakt zu treten, bei der ich auf Zuschriften reagiere. In Köln und Dortmund, wo ich schon Stadtschreiber war, habe ich teilweise auf der Straße Geschichten, Erzählungen und Visionen gesammelt. Durch solche Begegnungen auf literarischer Ebene kann es zu unerwarteten Einsichten und Entwicklungen kommen – für alle Beteiligten.

Dieses Jahr haben Sie mit »Bugs« Kurzgeschichten veröffentlicht, in denen es viel um Social Media und KI geht. Woran arbeiten Sie jetzt?
An einer Sammlung der Essays zum Thema russische Gesellschaft, Kultur und Medien im Krieg. Dann habe ich noch eine Kolumne im »Neuen Deutschland«, woraus eine Auswahl als Buch erscheinen soll. Und ich bin auch an einem Buchprojekt zum Thema Antisemitismus dran.

Ihre Kolumne heißt »Ezzes von Estis«, und vor einem Jahr haben Sie geschrieben: »Je länger ich nachdenke, desto weniger weiß ich, was jüdisches Leben eigentlich sein soll. (…) Generell gibt es viel weniger jüdisches Leben als jüdisches Überleben.« Das klingt pessimistisch. Sind Sie das?
Ja, ich bin Pessimist – aber das wird bestimmt bald besser!

Mit dem Schriftsteller sprach Ayala Goldmann.

Zur Person: Alexander Estis wurde 1986 in Moskau in eine jüdische Künstlerfamilie hineingeboren. Mit seinen Eltern übersiedelte er 1996 nach Deutschland. 2010 schloss er sein Studium im Fachbereich Sprachen in Hamburg ab. Seit 2016 lebt er in Aarau (Schweiz). Als Autor arbeitet er überwiegend in Kleinformaten. Neben prosaischen, lyrischen und szenischen Miniaturen verfasst er auch Texte für Zeitungen. Zu seinen Büchern gehören »Handwörterbuch der russischen Seele« (2021) und »Fluchten« (2022).

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