Es gibt ein Mantra, das ich jedes Mal still in mich hineinsinge, wenn einmal wieder ein Künstler wegen seiner israelischen Staatsangehörigkeit ausgebuht, angeschrien oder ausgeladen wurde. Oder wenn mich ein früherer Kommilitone, dem ich nach mehr als zehn Jahren zufällig begegne, nach einer halben Minute Gespräch zu einer »Distanzierung von Netanjahu« auffordert.
In solchen neuerdings allzu alltäglichen Situationen kommt mir die eine Sentenz in den Sinn: »Ich bin bloß eine Regenwolke und gar kein Bär!« Sie stammt aus dem dreiteiligen sowjetischen Zeichentrickfilm Winni Puch, der zwischen 1969 und 1972 entstand und bis heute Kultstatus besitzt.
Der sowjetischen Adaption von A. A. Milnes Kinderbuch Winnie-the-Pooh geht das Liebliche und Niedliche der Disney-Version ab. Vielmehr rast der tollpatschige Bär Puch mit aufgerissenen Augen durch die Landschaft, als wäre er mit dem falschen Fuß aufgestanden.
Neurotisch-komödiantische Grundstimmung
Sein ängstlicher Begleiter, das Ferkel Pjatatschok (russische Koseform für Schweinerüssel), verstärkt die neurotisch-komödiantische Grundstimmung. Als Puch, sich an einem fliegenden Luftballon festhaltend, einem aggressiven Bienenschwarm zu entschweben versucht, unterstützt Pjatatschok die Tarnung seines Freundes als Wolke durch das demonstrative Aufspannen eines Regenschirms und die mantraartige Beteuerung, es würde wohl gleich regnen.
Wie bei einigen sowjetischen Trickfilmen wirkten auch bei Winni Puch hochkarätige Künstler mit. So lieh der Starschauspieler Jewgeni Leonow dem titelgebenden Bär seine Stimme. Die Musik komponierte Moissei Vainberg, der dem deutschen Opernpublikum unter dem Namen Mieczysław Weinberg bekannt ist. Der aus einer polnisch-jüdischen Familie stammende Komponist überlebte die Schoa in der Sowjetunion und wurde von Dmitri Schostakowitsch protegiert. Während Weinbergs Oper Die Passagierin seit 2010 auf zahlreichen Bühnen im deutschsprachigen Raum inszeniert wurde, ist seine Tätigkeit als sowjetischer Trickfilm- und Filmmusikkomponist eher unbekannt.

Kaum bekannt ist hierzulande eine weitere Kultfigur der sowjetischen Trickfilmindustrie: Tscheburaschka, ein niedliches, bärenähnliches Wesen mit riesigen Ohren und Kulleraugen. Seinen ersten Auftritt hatte das »der Wissenschaft unbekannte Tier« in dem 1966 erschienenen Kinderbuch Krokodil Gena und seine Freunde von Eduard Uspenski. Das gängige Bild von Tscheburaschka prägte die zwischen 1969 und 1974 nach der Buchvorlage entstandene Puppentrickfilm-Trilogie um das Krokodil Gena. Die künstlerische Leitung oblag dem Zeichentrickfilmer Leonid Schwarzman, der aus einer jüdischen Familie stammte und vor wenigen Jahren im Alter von 101 starb.
2025 outete der russische Duma-Abgeordnete Andrej Makarov das bärenähnliche Wesen mit den großen Ohren: »Tscheburaschka ist Jude.«
Eigentlich könnte ich auch Tscheburaschka schauen, wenn draußen einmal wieder judenfeindliche Stürme toben. Doch auch dieser scheinbar harmlose Trickfilm ist unlängst zum Objekt ideologischer Kämpfe geworden: Im Herbst 2025 outete der russische Duma-Abgeordnete Andrej Makarov das bärenähnliche Wesen mit den großen Ohren. »Tscheburaschka ist Jude«, sagte er in einer Ausschusssitzung. Dass die Figur in Buch und Trickfilm zufällig in einer Orangenkiste entdeckt wird, verleitete Makarov zu der Schlussfolgerung, Tscheburaschka sei aus Israel in die Sowjetunion importiert worden. Ob die Duma ihm geheimdienstliche Agententätigkeit vorwarf, weiß ich nicht mehr. Schließlich bin ich bloß eine Regenwolke und kein Bär.