Redezeit

»Beim Fahrradfahren komme ich ins Denken«

Lea Streisand Foto: Stephan Pramme

Frau Streisand, Ihr Roman »Im Sommer wieder Fahrrad« ist im November vergangenen Jahres erschienen. Worum geht es?
Es ist ein Buch über eine junge Frau namens Lea, die an Krebs erkrankt, und ihre Großmutter, genannt Mütterchen. Die Geschichte baut auf realen Ereignissen auf – ich war selbst vor einigen Jahren schwer krank, Mütterchen gab es wirklich – aber das Buch ist ausdrücklich ein Roman. Das ist mir sehr wichtig.

Wie sind Sie darauf gekommen, diese beiden Geschichten miteinander zu verflechten?
Mütterchens Geschichte wollte ich schon immer aufschreiben. Sie war Jahrgang 1912, Schauspielerin, eine begnadete Erzählerin. Aber in den letzten Jahren kam mir beim Nachdenken über ihr Leben mit Verfolgung, Krieg, Schoa immer wieder das Thema Krebs in den Kopf. Die Assoziationen und gesellschaftlichen Zuschreibungen bei Krebs und Krieg sind nämlich ganz ähnlich. Beide sind mit Schrecken und Todesangst konnotiert, mit ausgemergelten Leibern, kahlen Köpfen, Fremdbestimmung. Das fand ich interessant. So entstand die Idee, dass Lea sich durch die Erinnerung an Mütterchen Kraft holt während der »Scheißkrankheit«, wie ich sie im Buch nenne.

Das Motiv des Fahrrads zieht sich durch den Roman. Was bedeutet es Ihnen, mit dem Rad unterwegs zu sein?
Fahrradfahren ist für mich der Inbegriff von selbstbestimmter Fortbewegung – und zwar im weitesten Sinne. Die Protagonistin Lea hat – wie ich selbst – eine leichte Gehbehinderung. Ich wollte dem als »Intellektuellensport« angesehenen Spazierengehen, wie es Walter Benjamin und Thomas Mann beschrieben haben, mein Fahrradfahren gegenüberstellen – als Antwort auf den Flaneur, der beim Spazieren seine Umwelt beobachtet und wahrnimmt. Ich kann mich beim Gehen nicht selbst vergessen, sondern muss mich immer konzentrieren, sonst stolpere ich und falle hin. Beim Fahrradfahren hingegen komme ich ins Denken. Ich habe es sehr spät gelernt und war unheimlich stolz, dass ich das geschafft habe.

Trotz des vielen Radfahrens nimmt der Leser zu Beginn des Buches aber erst einmal Platz – und zwar auf Mütterchens Sofa. Wie erinnern Sie sich an das rot-weiß gestreifte Möbelstück?
Das Sofa war mein Platz in Mütterchens Wohnung, immer, wenn ich zu ihr kam. Deshalb habe ich auch meine Wiederbegegnung mit ihr im Schreiben genau so begonnen. Wenn ich den Prolog vorlese, in dem es um das rot-weiße Sofa geht, ist es jedes Mal wie ein Besuch bei ihr. Dann sehe ich meine Großmutter wieder vor mir, wie sie in ihrem Sessel sitzt und mit mir plaudert. Ich habe den Geruch ihrer Wohnung in der Nase: Blumen, Chlorreiniger und der köstliche Duft leicht angebrannter Eierkuchen. Ich wollte auch einen Roman über das Festschreiben und In-Frage-Stellen von Erinnerungen schreiben. Und ich wollte die vielen lustigen Geschichten aufschreiben, die sie mir erzählt hat.

Im Roman findet Lea Mütterchens Nachlass in einem Koffer. Was hat Sie im richtigen Leben am Erbe Ihrer Oma überrascht?
Ich habe ja mit authentischem Material gearbeitet. Als ich vor fünf Jahren mit der Recherche begann und die Dokumente erstmals sichtete, kannte ich zum Beispiel die Briefe, die sich meine Großeltern geschrieben haben, noch gar nicht. Durch sie habe ich überhaupt erst meinen Großvater kennengelernt. Er starb kurz nach meiner Geburt. Erst durch die Briefe habe ich verstanden, was die beiden aneinander fasziniert hat.

Wie haben Sie Ihren Großvater kennengelernt?
Als jungen Mann. Als sehr intellektuellen, ziemlich eingebildeten, aber auch verzweifelten Menschen und leidenschaftlichen Romantiker.

Ihre Großmutter hat ihrem Mann das Leben gerettet. Wie geschah das?
Mit viel Bauernschläue und einer gehörigen Portion Chuzpe – sie hat letztendlich Dokumente gefälscht. Mein Großvater war als sogenannter Halbjude ab 1944 in einem Arbeitslager der Organisation Todt in Jena interniert. Seine Schwester war als Putzhilfe im Berliner Büro von Manfred von Ardenne angestellt und lies dort einen Briefbogen mitgehen, auf den meine Großmutter zuhause mit Schreibmaschine tippte: »Joachim Streisand reist im Auftrag der Firma Ardenne von Berlin nach Jena zu Schott & Zeiss. Zweck der Reise: Auslieferung eines kriegswichtigen Fotoobjektivs.« Damit kaufte Mütterchen eine Fahrkarte Berlin-Jena und zurück, schmiss die Hinfahrkarte gleich weg und schickte die Rückfahrkarte meinem Großvater. Es gab dann noch unglaublich viele Zufälle und brenzlige Situationen, aber letztendlich kam er heil nach Hause.

Die Lea im Buch hat ihr Mütterchen, an das sie denkt, wenn es ihr schlecht geht. Wer oder was hat Ihnen durch die Krankheit geholfen?

Bei Krankheit blüht die Neurose. Krebs ist ein Ausnahmezustand, der dafür sorgt, dass du dich selbst sehr genau kennenlernst. Bei mir sieht Konfliktbewältigung zum Beispiel so aus, dass ich immer vom Schlimmsten ausgehe, was zugegebenermaßen bei einer schweren Erkrankung nicht gerade vorteilhaft ist. Ich habe mich schrecklich allein gefühlt mit meiner Angst. Es wäre schön gewesen, wenn ich etwas gehabt hätte, was mich von mir selbst hätte ablenken können. Allerdings denke ich auch von Jahr zu Jahr anders über diese Krankheitsphase. Meine Großmutter hatte zeitlebens so ein irrsinniges Selbst- und auch Gottvertrauen, darum habe ich sie immer beneidet, besonders damals.

Hat die Krankheit Ihr Schreiben verändert?

Man braucht keine große Katastrophe, um ein guter Schriftsteller zu sein. Das ist dieser Selbstoptimierungstrend heutzutage. Alles soll immer positiv umgeschrieben werden. Ich kann das nicht leiden. Es muss einfach Sachen geben, die nicht gut sind. Und Krebs gehört dazu.

Mit der Berliner Schriftstellerin sprach Katrin Richter.

Lea Streisand: »Im Sommer wieder Fahrrad«, Roman, Ullstein Berlin, 2016, 272 S., 20 Euro

Geschichten aus der großen Stadt gibt es jeden Montag bei Radio1: www.radioeins.de/programm/sendungen/der_schoene_morgen/war-schoen-jewesen/index.html

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