Neulich hatte ich so einen Kurt-Krömer-Moment. Kennen Sie Kurt Krömer? Den Berliner Comedian, der mit seinen Shows, Interviews und seinem Podcast bekannt geworden ist? Er hat mit seinem Programm »Na, du alte Kackbratze« aus dem Jahr 2006 und dem darin enthaltenen Stück »Wir Berliner sind ja quasi die Erfinder der Freundlichkeit« den ganz normalen Alltag beim Einkaufen in der schönen Stadt an der Spree festgehalten – mit all seinen Herausforderungen.
In diesem Stück also gibt es diese Szene, in der er sich bei einem Besuch im Allgäu (das ist außerhalb von Berlin) in eine Kneipe setzt, ein Bier bestellt, und der Wirt sagt: »Ja, bitte, kommt sofort.« Krömer beschreibt ob dieser sofortigen Bejahung der Bestellung den Gemütszustand folgendermaßen: »Ick zuckte zusammen. Passense ma auf: Verscheißern kann ich mich alleine. Sie müssen mich doch erstmal fragen: ›Ach, hamwa Durst?‹ ›N kleines oder n großes Bier?‹ ›Wollnwa ausn Händen trinken oder n Glas haben?‹« Na, und so weiter.
»Haben Sie alles gefunden, wonach Sie gesucht haben?«
So. Und dieses Gefühl von »Ick zuckte zusammen« hatte ich kürzlich in einem Bioladen, in dem ich regelmäßig einkaufen gehe, obwohl ich das eigentlich nicht will, denn alles an diesem Laden nervt. Da der Mensch aber ein seltsames Tier ist und dann doch den Weg des geringsten Widerstands (oder in diesem Fall der geringsten Entfernung) geht, renne ich also nach wie vor in diesen überteuerten und unfreundlichen Laden und denke nach jedem Einkauf: Das war das letzte Mal. Neulich aber – und jetzt kommt der Krömer-Moment, der dann von einem Modi-Rosenfeld-Moment, einem anderen Comedian, abgelöst wird – fragte mich ein Mitarbeiter an der Kasse: »Haben Sie alles gefunden, wonach Sie gesucht haben?« Meine Reaktion? »Ick zuckte zusammen!« Aber wie.
So viel Interesse, Entgegenkommen und Freundlichkeit war ich nicht gewohnt. Er muss neu hier sein, dachte ich und musste sofort grinsen, da mich dieser Satz an einen Sketch von Modi Rosenfeld erinnerte. Rosenfeld erzählt darin von einem Besuch bei Trader Joe’s, dem Lebensmittelgeschäft. Nach seinem Einkauf also (»Alles kostete einen Dollar neunundsechzig« – schöne Grüße an den Bioladen …) geht er zur Kasse und wird mit eben dieser Frage konfrontiert: »Haben Sie alles gefunden, wonach Sie gesucht haben?«
In den USA ist Freundlichkeit im Einzelhandel – auch wenn sie vielleicht nicht immer aus dem Bauch kommen mag – vollkommen normal. Das ist hierzulande gebietsweise etwas bis ganz anders. Modi Rosenfelds Antwort jedenfalls war: »Ich habe Dinge gefunden, von denen ich nicht wusste, dass ich sie gesucht habe.«
Der Mensch ist nun einmal ein seltsames Wesen ...
Mir lag es in dem Moment an der Kasse ein bisschen auf den Lippen, dieses Modi-Zitat, aber ich hätte es komisch gefunden, es zu sagen, denn es wäre ja etwas geschwindelt gewesen. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich dort etwas kaufe, was nicht auf meinem Zettel oder in den Notizen meines Smartphones steht. Also ließ ich es, wurde noch mit zwei, drei anderen Freundlichkeiten durch den Bezahlprozess begleitet und ging lächelnd (sic!) in den Laden nebenan. Der wiederum ist super! Alle dort sind entspannt, nett, zuvorkommend. Allerdings möchte ich dort eigentlich nicht so oft hingehen, weil Baguette, Käse und Wein sehr teuer sind und etwas weniger vollwertig.
Aber der Mensch ist ein seltsames Wesen, und je nach (politischer) Weltlage … na, Sie wissen schon. Die bittere Erkenntnis ist nur: Sich etwas Schönessen – oder trinken – wird immer schwieriger. Da höre ich lieber nochmal etwas Altes von Kurt Krömer.