Ausstellung

Ein Buchladen als säkulares Bethaus

Die Ausstellung ist nicht groß. Sie zieht sich über nur zwei, drei ineinander übergehende Räume der Monacensia, dem Literaturarchiv der Stadt München im Hildebrandhaus. Das »Haus« ist eine Villa aus dem Jahr 1900 (mit eigener jüdischer Geschichte), in ihrer architektonischen Großzügigkeit und dem Zwiebelturm ein Blickfang im Stadtteil Bogenhausen, und unten fließt schon immer die Isar.

Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv ist im Mai mit viel städtischer, aber auch landesweiter Aufmerksamkeit eröffnet worden. Die Schau, die bis ins Jahr 2028 zu sehen sein wird, ist ein Kleinod. Sie birgt viel, und man wundert sich, wie das möglich ist auf so wenigen Quadratmetern und angesichts der Tatsache, dass es sich hier um die Sichtbarmachung eines Archivs handelt, in dessen Zentrum Hunderte (»40 laufende Meter«) über Jahrzehnte von Rachel Salamander angelegte rote Aktenordner stehen.

Großformatige Porträtfotografien von Autorinnen und Autoren

Das kuratierende Team (Anke Buettner, Leiterin der Monacensia, Patrick Geiger und Sylvia Schütz) fand zu einem klugen, vitalen Konzept, das Zugänglichkeit, Offenheit und auch mediale Vielgestaltigkeit offeriert. Für die Besucher stellen großformatige Porträtfotografien einen schnellen Kontakt zu einzelnen Autoren und Autorinnen her.

Die Abbildungen von Rachel Salamander selbst, wunderbare Fotografien, die sie in Aktion in ihrer »Literaturhandlung« vor, neben oder zwischen Büchern zeigen, lassen Zeiten und Orte wiederaufleben. Auch die vielsagenden Zitate der Autorinnen und Autoren, alle irgendwann einmal Gäste der Literaturhandlung, die in abgerundeten Rechtecken die Wände bespielen, bringen Leben ins altehrwürdige Ambiente.

Wenn am Abend gelesen wurde, war die Stimmung eine ganz besondere.

Anordnung und Farbgebung unterstützen die Ideen der Kuration auf der ästhetischen Ebene, lassen einen authentischen, atmosphärischen Raum entstehen, der nachfühlbar über Jahrzehnte zurück bis in die alte Bundesrepublik reicht, der aber integrierbar und offen fürs Heute bleibt. Worte wie »Das heißt reden, reden, reden und Fremdheitsgefühle abbauen« hallen nach (denn Audiostationen und Videos gibt es natürlich auch). Rachel Salamander hat das gesagt, 2024, auf die Frage hin, was sie zur Literaturhandlung motiviert habe, und damals weiter erklärt: »Ich wollte dem Jüdischen in der nichtjüdischen Öffentlichkeit einfach Präsenz geben und der jüdischen Erfahrung Relevanz.«

Einfach war damals wahrscheinlich nichts. Salamander »riskierte« eine »Grenzüberschreitung«, wie das der Historiker Dan Diner in seiner Festrede zur Ausstellungseröffnung sagte. In Deutschland wurde viel geschwiegen, weggesehen und unter den dicken Teppich gekehrt, und dann gab es da auf einmal in der Fürstenstraße 17 einen ebenerdigen Laden mit großen Schaufenstern und mit »unverstellter Darbietung jüdischer Zeichen, Symbole und Gegenstände in Gestalt von Büchern oder rituellen Objekten«.

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Hell war er gehalten, mit weißen Regalen an den Wänden, ein durchgestylter Ort, wie man heute sagen würde, mit eigenem Logo, einer durchgängigen Typografie, modern eben. Und auch davon erfährt man in der Ausstellung, und dass sich dahinter die Künstlerin Sarah Pelikan verbarg, die eben all das designt und die Literaturhandlung und ihre Erscheinungsform »stets im Blick« hatte.

Die erste Buchhandlung für Literatur zum Judentum in Deutschland nach 1945

1982 hatte die Publizistin und Literaturwissenschaftlerin Salamander in München die Literaturhandlung eröffnet, die erste Buchhandlung für Literatur zum Judentum in Deutschland nach 1945. Über die Jahre hinweg kamen Filialen in Berlin, Frankfurt am Main, Wien und weiteren, auch eher kleineren Orten und in der KZ-Gedenkstätte Dachau dazu.

Geboren wurde Rachel Salamander 1949 im jüdischen DP-Lager Deggendorf. 2022 hatte sie der Stadt München ihr umfangreiches Archiv, das die Vorgänge in und um 40 Jahre Literaturhandlung, die über 1000 Lesungen dort, dokumentiert und widerspiegelt, übergeben und ihr Ansinnen hinterhergeschickt: »Mein bislang unsichtbares Archiv soll hier sichtbar gemacht werden und Synergien mit Beständen der Monacensia erzeugen.«

In den roten Ordnern darf geblättert werden (das sind natürlich extra angefertigte Duplikate, gefüllt mit Kopien). Anhand von nach Themen geordneten Unterlagen, Zeitungsartikeln, Korrespondenzen kann studiert und (auch digital) recherchiert und nachempfunden werden.

Goldhagen-Debatte und Walser-Rede

Um was ging es da in der Daniel-Goldhagen-Debatte, wie wurde um das Berliner »Denkmal für die ermordeten Juden Europas« diskutiert, was war los mit dieser Martin-Walser-Rede? Auch ins fulminante Gästebuch kann ein Blick geworfen werden, und viele von den Gästen kamen ja mehrmals, auch weil man sich hier wohlfühlte. »Für Rachel, die Einzige, bei der mir Lesungen wirklich Spaß machen«, schrieb Maxim Biller. Und Ruth Klüger: »Vielen Dank für die Ermutigung zum Weiterschreiben, -leben und -wurschteln.« Auch Henry Kissinger war da, ein Eintrag beweist das.

»Für Rachel, die Einzige, bei der mir Lesungen wirklich Spaß machen«, schrieb Maxim Biller.

In Schaukästen lässt sich auch Behördliches verfolgen. War ja auch für die Polizei neu, so ein Buchladen, und sie zeigte auf grauem Behördenpapier Bedenken wegen der Sicherheit, auch weil dieses Geschäft mehr war als nur ein Buchladen. Es war ein Treffpunkt der jüdischen Münchner Gemeinschaft, war ein »säkulares Bethaus« (Dan Diner), und wenn am Abend gelesen wurde, war die Stimmung eine ganz besondere.

Es ging um Texte, weniger um die Ware Buch, und am Ende redete, redete, redete man. Die Ausstellung ordnet räumlich nach Autorinnen und Autoren, die zur Überlebenden-Generation gehörten und deren Stimmen und Erinnerungen lange auf kein öffentliches Interesse gestoßen sind. Weiter geht es mit den Nachgeborenen, die mit Leerstellen zu kämpfen und zu leben hatten, schließlich den Autoren und Autorinnen aus Israel, von denen viele, gerade Anfang der 80er-Jahre, noch nie in Deutschland gelesen hatten.

Physisches Zeugnis großer Rührigkeit und eines weitsichtigen Blicks

Ein physisches Zeugnis großer Rührigkeit wie eines weitsichtigen Blicks geben mitten im Raum eine Menge von auf dem Rücken handschriftlich beschrifteten Kassetten ab, diesen klapperigen Dingern, mit denen Salamander, anfänglich noch mithilfe eines mobilen Kassettenrekorders, die Lesungen (600 Mitschnitte) aufgenommen hat und in die in Teilen (auch online abrufbar) hineingehört werden kann.

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Dann ist man wieder oder zum ersten Mal dort, in der Fürstenstraße, mit allen Nebengeräuschen, und eng ging es da meistens zu. Es war oft Schwere mit im Raum, aber manchmal blitzte sie auf, die Zuversicht, und man ließ sich mitreißen von Rachel Salamanders Willen, etwas zu verändern, etwas sichtbar und hörbar zu machen, dem jüdischen Leben seinen Platz zu geben, ein Start aus einem schmerzlichen Nichts.

Was aus dieser Zuversicht geworden ist, aus dem, was Stück für Stück – kein einfacher Balanceakt – aufgebaut wurde? Auch darüber lässt sich wieder einmal nachdenken, in der Hoffnung, dass sich viele packen lassen von Rachel Salamanders Archiv.

Die Ausstellung »Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv« ist bis zum 31. März 2028 in der Monacensia München zu sehen.

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