Merken Sie es? So langsam geht der Sommer auf sein kleines Ende zu. Vorbei sind die extra langen und hellen Tage im Juni, die extra heißen und extra schwitzigen im Juli. Ich feiere das, da mir der Sommer schon immer unheimlich auf den Keks ging. Schon damals, als ich als Sechsjährige im Waldbad nach dem Schwimmen dem Kartoffelsalat entgegenlief und auf eine Wespe trat. Oder als ich beim Fahrradfahren auf dem Schotter im Hinterhof nicht nur einmal, nein zweimal auf dieselbe Stelle aufs Knie fiel und das Abgeschubberte dann wochenlang nicht heilte. Nee, nee, Sommer, dachte ich schon damals: Kannste abloofn.
Und was soll ich sagen? Auch 40 Jahre später hat sich an meiner Überzeugung, dass diese Jahreszeit massiv überbewertet wird, nichts geändert. Kürzlich war ich mit meiner kleinen Nichte in einer Ausstellung, in der sich kleine, große, junge und alte Menschen mit zehn Mal zehn Zentimeter großen, glaube ich, Holzklötzen beschäftigen können. Es war super! Die Halle roch nach einer Tischlerei, die Angestellten des Museums hatten unheimlichen Spaß, erst einmal alle Bauten vom Vortrag erlaubt umzuwerfen, und Erwachsene wie Kinder spielten ernsthaft mit Bauklötzen. Also wie früher, nur, dass hinterher niemand das Zimmer aufräumen musste.
Irgendwie nur am Aufräumen
Na, jedenfalls bauten wir gerade so schön, als ich, ach nein, Moment, ich muss vorher noch eine Beobachtung loswerden. Mir fiel nämlich auf, wie unterschiedlich Menschen bauen. Die einen strebten offenbar hohe Türme an, andere bauten im Mauerverbund, wieder andere im löchrigen Mauerverbund, einige stapelten enge Quader, einige mauerten sich selbst ein, was schon recht merkwürdig ist, aber gut. Jeder schob also so seinen eigenen Baufilm. Ich, bemerkte ich, war irgendwie nur am Aufräumen. Da gibt es ja durchaus eine Menge zu tun, wenn Hunderttausende Holzklötze herumliegen.
Als ich bei gefühlten 100 Grad dachte: »Warum hast du auch so dicke Sachen in dieser Halle an?«, gab es neben mir Tränen.
Ich räumte aber nicht die Halle auf, sondern in der heißen, holzigen Halle Klötze für meine Nichte aus dem Weg. Nicht etwa, weil sie das gesagt hätte, nein. Ich dachte eher voraus und sah sie schon fallen. Und als ich bei gefühlten 100 Grad dachte: »Warum hast du auch so dicke Sachen in dieser Halle an?«, gab es neben mir Tränen. Oh Schreck, was war passiert? Ein rotes Ohr und 120 Krokodilstränen später war klar: Eine Wespe hatte es sich zwischen den holzigen Quadern bequem gemacht (wahrscheinlich war auch ihr viel zu warm …) und war nun durch die kreativen Bestrebungen meiner kleinen Nichte unsanft geweckt worden.
Wespen können ja nicht sprechen, daher stach sie in das kleine Ohr
Menschen würden herumnörgeln, aber Wespen können ja nicht sprechen, daher stach sie in das kleine Ohr. Wir sausten zur nächsten Apotheke, und nach etwas Kühlgel und einem Eis zur inneren Kühlung (es ist ja medizinisch nachgewiesen, dass Schokoeis gegen Wespenstiche hilft), war alles wieder vergessen.
Nur unser Gebilde, bei dem wir mitten am Aufbauen waren – wir nannten es den »Turmus Besonderus«, weil wir alle Würfel, die einen Spalt hatten oder so halbiert waren, dafür nahmen –, das stand unfertig herum. Gut, viele Gebäude, die auch diesen Namen verdient hätten, stehen in Berlin unfertig herum, aber der Punkt ist: Wäre diese doofe Sommerwespe nicht gewesen, dann hätten wir den coolsten Turm gebaut. Allerdings weiß ich schon, wann wir das nächste Mal hingehen: am 21. September. Dann ist Herbstanfang. Doch ein Blick in den Insektenkalender verrät: Wespen gibt es bis Oktober. Wie bitte? Dieser Stich schmerzt jetzt wirklich. Ich muss sofort ein Eis essen.