Vereinte Nationen

Welche Chancen hat diese Frau?

Hat mit 70 Ambitionen auf das wichtigste UN-Amt: Rebeca Grynspan Foto: picture alliance / REUTERS

Wird erstmals eine Frau das wichtigste Amt übernehmen, das die Vereinten Nationen zu vergeben haben? Um die Nachfolge von UN-Generalsekretär António Guterres, der seit 2017 amtiert und nicht mehr für eine dritte Amtszeit antritt, bewerben sich neben zwei Männern – dem argentinischen Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde, Rafael Grossi, und dem früheren Präsidenten des Senegal, Macky Sall – auch zwei Frauen.

Da ist zum einen die zweimalige chilenische Staatspräsidenten Michelle Bachelet (74), die auch innerhalb des UN-Systems bereits hohe Posten bekleidete, darunter den der Hochkommissarin für Menschenrechte. Zum anderen könnte die in Europa eher unbekannte Rebeca Grynspan aus Costa Rica das Rennen machen.

Auch die heute 70-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin verbrachte die letzten 25 Jahre bei den Vereinten Nationen und ihren Unterorganisationen. Zuvor war Grynspan als Politikerin in ihrem Heimatland aktiv, diente in Costa Rica unter anderem als Wirtschafts- und Sozialministerin sowie von 1994 bis 1998 als Vizepräsidentin.

Tochter polnischer Holocaustüberlebender

2021 ernannte Guterres sie zur ersten weiblichen Generalsekretärin der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf. Dort ist sie Chefin von rund 400 Mitarbeitern. Aufgabe der UNCTAD ist die Förderung des Handels zwischen Industrie- und Entwicklungsländern.

Vor einigen Wochen nun wurde Grynspan von der Regierung Costa Ricas offiziell als neue Generalsekretärin der Vereinten Nationen vorgeschlagen. Die Tochter polnischer Holocaustüberlebender, die nach dem Zweiten Weltkrieg in das mittelamerikanische Land auswanderten, wäre, sofern der Sicherheitsrat und die Vollversammlung der Staaten sich hinter sie stellen, nicht nur die erste Frau im wichtigsten UN-Amt, sondern auch die erste jüdische Person. Sie hat Familienangehörige, die in Israel leben.

António Guterres ernannte Rebeca Grynspan 2021 zur UNCTAD-GeneralsekretärinFoto: picture alliance/KEYSTONE

Auch Grynspan selbst studierte in jungen Jahren in Israel. An der Hebräischen Universität Jerusalem erwarb sie einen Abschluss in Chemie. Später wechselte sie jedoch das Fach und ließ sich zur Ökonomin ausbilden. Sie sitzt auch im Aufsichtsrat der 2016 gegründeten staatlichen Stiftung Fundación Hispano Judía (FHJ), deren Ziel es ist, die 2000-jährige jüdische Geschichte Spaniens und Lateinamerikas zu beleuchten. Hauptprojekt der FHJ ist der Bau eines Museo Hispano-Judío in Madrid.

»Pragmatische Liberale«

Grynspans fünf Jahre älterer Ehemann Saúl Weisleder weist ein ähnliches Profil wie sie auf: Auch er ist Wirtschaftswissenschaftler und war als Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Nationalen Universität von Costa Rica sowie als Berater im Finanz- und Bankensektor tätig.

Und auch er war in der Politik aktiv: Zeitgleich mit Grynspans Amtszeit als Vizepräsidentin saß Weisleder als Abgeordneter im Parlament und stand der Gesetzgebenden Versammlung Costa Ricas von 1997 bis 1998 sogar vor. Zuvor diente er als UN-Botschafter seines Landes bei den Vereinten Nationen in New York.

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Im Gegensatz zu der sehr israelkritischen Linken Bachelet gilt Rebeca Grynspan eher als »pragmatische Liberale«. Zum Nahostkonflikt hielt sie sich bislang eher zurück. »Mein Profil passt genau zu diesem Moment. Ich kenne die UN gut genug, um sie zu reformieren, und gut genug, um sie zu verteidigen«, sagte Grynspan bei einer Vorstellung vor UN-Journalisten im Februar.

Wichtigste Hürde Sicherheitsrat

Ihr größter Widersacher könnte Rafael Grossi sein, dessen Ambitionen auf das Amt des UN-Generalsekretärs seit Jahren bekannt sind. Dass der nächste »Chef« der Weltorganisation diesmal aus Lateinamerika kommt, dürfte eher wahrscheinlich sein, denn das Amt rotiert nach den Gepflogenheiten der Vereinten Nationen zwischen den Kontinenten, was die Chancen des senegalesischen Kandidaten Sall deutlich verringert.

UNCTAD-Generalsekretärin Rebeca Grynspan bei einer Pressekonferenz in Genf 2024Foto: picture alliance/KEYSTONE

Die wichtigste Hürde ist der UN-Sicherheitsrat. Denn dieses Gremium schlägt der Vollversammlung die Personalie vor. Die Mitgliedstaaten müssen sie dann mit Zweidrittelmehrheit bestätigen. Die fünf ständigen Mitglieder im Sicherheitsrat – China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA – haben zudem ein Vetorecht und können einzelne Bewerber blockieren. Ein allzu deutliches politisches Profil der Kandidaten ist deswegen eher unerwünscht, was Grynspan zusätzlich zu ihrem Geschlecht durchaus in die Karten spielen könnte, denn Bachelet gilt als Linke und dürfte für die USA nicht vermittelbar sein.

Vergangene Woche stellten sich die vier Bewerber in New York den Mitgliedsstaaten und den bei der UN akkreditierten zivilgesellschaftlichen Organisationen vor. Den Vorsitz führte die Präsidentin der Vollversammlung, die frühere Bundesaußenministerin Annalena Baerbock. Auch sie hat sie dafür ausgesprochen, dass der zehnte UN-Generalsekretär eine Generalsekretärin wird. Welche der beiden Kandidatinnen Baerbock bevorzugt, hat sie bislang noch nicht verraten.

Ähnlich wie bei einer Papstwahl ist das Prozedere eher undruchsichtig. Ernst werden dürfte es im Sommer, wenn es im Sicherheitsrat zu Probeabstimmungen über die vier Bewerber kommt. Sollte keiner eine Mehrheit finden oder die ständigen Mitglieder ihr Veto eingelegen, könnte auch eine Person das Rennen machen, die bislang nicht auf dem Wahlzettel steht.

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