Lange hat Aaron Günsberger nicht darüber nachgedacht, ob ein glatzköpfiger, bis zum Hals tätowierter Kämpfer die ideale Werbefigur für seine Süßigkeiten ist. In seinem Geschäft direkt neben dem alten jüdischen Friedhof in Prag hat er einfach das Handy gezückt und den Film gedreht: Günsberger selbst steht dem bekannten tschechischen UFC-Kämpfer bedrohlich gegenüber, die beiden überziehen einander mit Flüchen – aber kurz bevor die Fäuste fliegen, reicht ihnen jemand einen Trdelnik, ein süßes Gebäck, gefüllt mit Softeis mit Erdbeerstückchen, darüber Schokosoße. Zucker senke die Aggressivität, heißt es in dem Filmchen, und der Kämpfer fragt nur: »Ist das denn auch koscher?« – und steckt sich beherzt einen Löffel Eis in den Mund. So funktioniert die Welt von Aaron Günsberger.
Mit seinen Videos ist der 51-Jährige zum Held auf Instagram geworden. Manche seiner Beiträge erreichen 800.000 Klicks. Er hat Fans überall auf der Welt. »Wenn ich mich nur filmen würde, wie ich hinter der Theke stehe und das Gebäck mit Erdbeeren verziere, würde das niemanden interessieren«, sagt er und grinst.
Deshalb geht er hinaus und sorgt mit gezielten Provokationen und überraschenden Drehs für Aufmerksamkeit. Und das immer mit einem Augenzwinkern. Das gelingt ihm so gut, dass selbst Hollywoodstars wie Leonardo DiCaprio, Harvey Keitel und Dustin Hoffman bei ihm vorbeischauen, wenn sie für Dreharbeiten in Prag sind, und sich mit seinen »heimishe Trdelaich« fotografieren lassen.
»Machen wir das doch in einer koscheren Version«
Das mit dem Namen ist ein weiterer Schachzug, typisch für Günsberger. »Trdelnik« heißt das Gebäck in Tschechien üblicherweise, eine Art Baumstriezel, über dem Feuer gebacken. Zuletzt wurde es vor allem zum Touristennepp, verkauft als »altböhmischer Trdelnik« an Ständen entlang der üblichen Besichtigungsrouten in Prag.
»Manche sagen, sie würden ursprünglich aus Ungarn kommen, aber in der alten Habsburgermonarchie haben sich die Speisen sowieso vermischt«, sagt Günsberger. Und als das Ladenlokal gegenüber dem jüdischen Friedhof und der Pinkas-Synagoge frei wurde, beschloss er, die ganze Sache auf die Schippe zu nehmen. »Ich habe gesagt: Machen wir das doch in einer koscheren Version und benennen den ›Trdelnik‹ auf Jiddisch in ›heimishe Trdelaich‹ um.«
Markenzeichen: die gewaltige Figur des Golem, die er an eine Wand bauen ließ.
Anderthalb Jahre ist das jetzt her, und sein Plan ist aufgegangen: Im Sommer, wenn sich die Touristen durch das jüdische Viertel in Prag schieben, bilden sich öfter Menschentrauben vor der Theke, wo die »Trdelaich« gebacken werden und jeder seine eigene Füllung zusammenstellen kann: mit Nutella und Eis, mit Apfelstrudel und Schlagsahne, mit Erdbeeren und in etlichen weiteren Geschmacksrichtungen, die auf bunten Tafeln angepriesen werden.
Jetzt sitzt Günsberger gerade im Restaurant vor seinem Mittagessen, ein paar Häuser entfernt vom Laden mit den Süßigkeiten. Vier Spiegeleier liegen auf seinem Teller, daneben ein Stapel scharf angebratenes Hühnerfleisch. Sportlernahrung, Günsberger kommt gerade vom Training: Dreimal pro Woche geht er zum brasilianischen Ju-Jutsu, jeden Morgen zusätzlich ins Fitnessstudio, Gewichte stemmen.
Dass er Kampfsportler ist, sieht man Günsberger an: Das breite Kreuz und die baumstammdicken Oberarme verraten, dass man sich besser nicht mit ihm anlegt. Er selbst spielt mit diesem Image: Es gibt Fotos von ihm, ein paar Jahre sind sie alt, die zeigen ihn neben seinem schweren Geländewagen. Darauf zu sehen ist das Autokennzeichen, das man in Tschechien gegen Aufpreis frei wählen kann: »PAN RAMBO« hat er darauf schreiben lassen, »Herr Rambo«.
Wenn man ihn heute danach fragt, schüttelt er den Kopf. Das Kennzeichen habe er inzwischen wieder abgemeldet: »Einmal musste ich an der Grenze nach Deutschland zwei Stunden warten, die Polizei hat das ganze Auto durchsucht, weil sie dachten, Herr Rambo hat Waffen dabei.«
»Eine Art Familientradition«
Auch das Restaurant »5. District« gehört ihm. Es ist eines der beliebten koscheren Lokale in Prag. Eigentlich ist Günsberger Kaufmann, »aber in der Gastronomie bin ich schon, seit ich 17 Jahre alt bin, also seit 1000 Jahren«. Er lacht und erzählt von seiner Mutter, die während des Kommunismus in mehreren Prager Luxushotels arbeitete, und von seinem Großvater und seinem Cousin, die ebenfalls in der Gastronomie tätig waren – »das ist eine Art Familientradition«.
Den eigenen Einstieg in die Branche fand er, als ihn die jüdische Gemeinde nach der politischen Wende fragte, ob er nicht koschere Lebensmittel importieren wolle. Über den Import kam er zur Herstellung und schließlich zur Gastronomie, berichtet er. Die »heimishen Trdelaich« sind sein jüngstes Projekt. Markenzeichen: die gewaltige Figur des Golem, die er überlebensgroß an einer Wand im Geschäft hat aufbauen lassen. In der Faust hält er, wie sollte es anders sein, einen Trdelaich, aus dem an beiden Enden die Schlagsahne herausquillt.
Günsbergers Instagram-Account lebt davon, dass er dort seine Meinung kundtut, dass er Antisemitismus anprangert – und dass er bei alledem kein Blatt vor den Mund nimmt. Neulich zum Beispiel: Da stellte er sich vor die Altneuschul, die älteste Prager Synagoge, und erzählte von einem Gottesdienst ein paar Tage zuvor in der Synagoge, an dem er teilgenommen hatte. Als er danach auf die Straße trat, führte gerade die Prague-Pride-Demonstration mit Tausenden Teilnehmern in der Nähe vorbei. »Und da war eine Gruppe von vielleicht 100 Leuten dabei, die sehr aggressiv waren und antisemitische Slogans gebrüllt haben«, erzählt er in dem Video. »Selbst in unserem Land, wo der Antisemitismus nahezu null ist, gibt es solche Dumpfbacken, die uns provozieren. In diesem Fall waren es ausländische Touristen.«
Einer der Aggressoren habe gerufen: »Kill the IDF.« Günsberger reagierte sofort: »Ich habe mich vor ihn gestellt und gesagt: ›Ich bin Jude. Willst du mich töten? Dann versuch’s doch mal!‹«, beschreibt er die Konfrontation. Zu seinen Videos gehört auch, dass er die Situation am Ende immer auflöst – in diesem Fall mit einem Satz über den Schreier: »Was ihn gerettet hat, war die örtliche Polizei, die ihm geholfen hat zu entkommen.«
»Die netten Juden habt ihr alle ermordet. Wir sind die, die noch übrig sind.«
T-Shirt-Aufdruck
Mit seinen Süßigkeiten haben diese Posts nichts zu tun, aber sie verschaffen ihm und seinem Geschäft Bekanntheit. »Halt dich wacker«, schreiben ihm seine Fans in die Social-Media-Kommentare, oder auch: »Ich komme aus Israel und schaue mir schon länger an, was du machst. Bald komme ich nach Prag und freue mich darauf, deine Trdelaich zu probieren.«
Zu seinen bislang meistgeklickten Videos gehört eines, auf dem er vor seinem Geschäft steht und wieder irgendetwas erzählt – was genau, war gar nicht entscheidend. Stattdessen schlug das T-Shirt, das er trug, besonders hohe Wellen. Schwarz ist es, darauf hat Günsberger in großen weißen Lettern und auf Englisch drucken lassen: »Die netten Juden habt ihr alle ermordet. Wir sind die, die noch übrig sind.« Die Welle hat ihn dann regelrecht überrollt. Tausende Kommentare sammelten sich unter dem Clip. Viele davon waren die üblichen antisemitischen Beschimpfungen und Drohungen, aber etliche User fragten – flankiert von Tränen lachenden Emojis –, wo es denn dieses T-Shirt zu kaufen gebe. Günsberger reagierte sofort. Heute hängen sie in seinem Trdelaich-Geschäft zum Verkauf aus, und in seinem Onlineshop gibt es dazu auch noch Baseballcaps, die er ebenfalls mit seinen Sprüchen verziert.
»Make Josefov Jewish Again«
»Ich mache das so wie der amerikanische Präsident«, sagt er und holt ein rotes Modell aus dem Regal. »Make Josefov Jewish Again« steht darauf – Josefov ist das alte jüdische Viertel in Prag. Die Mütze habe er inzwischen 5000-mal verkauft, vor allem an die neuen Bewohner des alten Quartiers.
Beliebt ist auch die Mütze mit der Aufschrift »Kosher Fighting Club«, die tragen viele von Günsbergers Trainingspartnern und Sportsfreunden, so wie jener Käfigkämpfer, der mit ihm das Werbevideo gedreht hat. Die oft vorlauten, aber immer auch witzigen Sprüche – sie sind zum Markenzeichen geworden für den selbst ernannten Herrn Rambo.
Und bisweilen retten sie ihn auch aus dem Schlamassel des Prager Alltags: Seit einigen Wochen zum Beispiel ist das ganze Haus eingerüstet, sein Trdelaich-Geschäft nur noch über einen schmalen Gang erreichbar. Und was macht Günsberger? Er hat spontan das Baugerüst mit Plakaten bekleben lassen. Auf einem steht: »Wir haben Pharao überlebt. Wir überleben auch das Gerüst.« Dazu ein großer Pfeil zum Eingang seines Geschäfts. Und schon kommen sie wieder, die Gäste.