Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Der beste Fußballer der Welt hat eine Verbindung zu Israel qua Geburt. Das liegt an der Adresse seiner Kindheit: Diese verbrachte Lionel Andrés Messi Cuccittini in der Staat-Israel-Straße im Viertel La Bajada in der Stadt Rosario im Zentrum Argentiniens. Dort lernte er Fußballspielen und Beten, denn Messi ist – anders als Social-Media-Gerüchte unzufriedener und offensichtlich hasserfüllter Fans anderer besiegter Mannschaften immer wieder rumoren – nicht jüdisch, sondern Katholik, wie nach jedem Tor zu sehen ist, wenn er sich bekreuzigt und gen Himmel blickt.

Dennoch hat der meistausgezeichnete Ballakrobat eine relativ stete Verbindung zum jüdischen Staat. Er hat ihn bereits mehrfach besucht und sich vielleicht auch deshalb nie politisch vereinnahmen oder von israelfeindlichen Boykottaufrufen kirre machen lassen. Mal kam er zum Training, mal zu Freundschaftsspielen oder Trainingscamps für israelische und palästinensische Kinder. 2013 besuchte er, damals noch beim FC Barcelona unter Vertrag, die Kotel, um seine sehnlichsten Wünsche auf Zetteln zwischen die heiligen Steine zu schieben. Sollten sie mit Fußball zu tun gehabt haben, sind sie wohl alle in Erfüllung gegangen.

Rettender Name am 7. Oktober

2020 unterschrieb Messi einen Drei-Jahres-Vertrag als Markenbotschafter für das israelische Unternehmen OrCam, dessen Produkte Blinden und Sehbehinderten mehr Selbstständigkeit im Alltag ermöglichen. Und sein Name hat während der Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 vielleicht sogar das Leben der 90-jährigen Esther Cunio gerettet, die einen Terroristen, der in ihr Haus im Kibbuz Nir Oz eindrang, mit der Feststellung, dass sie daher komme, »wo Messi herkommt«, besänftigte, woraufhin der ein Video mit ihr drehte und online stellte, anstatt sie zu töten oder zu entführen, wie es bei acht ihrer Familienmitglieder der Fall war.

Doch soll es hier nicht nur um Messi gehen, sondern um die gesamte argentinische Nationalmannschaft, genauer gesagt, um deren Trikots. Denn in deren Geschichte hat jüdische Vorstellungskraft eine entscheidende Rolle gespielt.

Wie unter anderem die »Jewish Telegraph Agency« (JTA) berichtet, war es ein Jude aus Buenos Aires, dem anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 1974 auffiel, dass alle anderen Fußballteams leicht erkennbare Wappen auf ihren Spielshirts tragen – die Deutschen den Adler, die Italiener ihre Trikolore, die Schotten den Löwen –, nur nicht Albiceleste, die Argentinier. Also hat Norberto »Toto« Rud, selbst begeisterter Fußballer und Mitglied des jüdischen Sportklubs Náutico Hacoaj, eines erfunden. Der damals 27-jährige Grafikdesigner und Journalist schickte 1976 gleich 20 Entwürfe an den argentinischen Fußballverband mit dem Hinweis, dass so auch die argentinische Mannschaft im damals noch verbreiteten Schwarz-Weiß-Fernsehen besser zu erkennen sei.

Laut dem Bericht von JTA und einem älteren Interview mit Ruds Sohn Guido mit dem argentinischen Fußballportal »3Olé« ein Argument, das den Vorstand überzeugte. Am 22. November 1976 schickte der Fußballverband Rud einen vom damaligen Präsidenten Alfredo Cantilo unterzeichneten Brief, in dem stand: »Der Vorstand hat beschlossen, den Vorschlag anzunehmen, und entschieden, dass die Spieler der Nationalmannschaft von nun an Trikots mit dem offiziellen Wappen der AFA tragen werden.« »Sie können sich vorstellen, wie begeistert mein Vater war …«, sagt der Sohn, der als Filmproduzent arbeitet.

Einem Juden aus
Buenos Aires fiel auf, dass seine Nationalmannschaft kein Wappen hat.

Am 28. November 1976 liefen die Argentinier im Freundschaftsspiel gegen die Sowjetunion in Buenos Aires erstmals mit Ruds Logo auf der Brust aufs Spielfeld: ein Wappenschild, unten von Lorbeerzweigen umrankt, mit den Buchstaben AFA in der Mitte, für Asociación del Fútbol Argentino. Seitdem hat sich das Logo kaum verändert, seit 1978 kamen Sterne dazu, für jeden Weltmeistertitel einer, und wurde und wird nicht nur von Stars wie Diego Maradona, Messi und der Nationalmannschaft, sondern auch von Millionen Fans auf aller Welt voller Stolz getragen. »Das Tolle war, dass er das Wappen schon vor der WM 1978 entworfen hatte. Wir wurden also mit seinem Design Weltmeister«, so Guido Rud.

Den dritten Weltmeistertitel seiner Mannschaft und Messis unaufhaltsamen Aufstieg hat der Vater tragischerweise nicht mehr erlebt. Er starb 2010 im Alter von nur 61 Jahren und wurde in La Tablada in Buenos Aires beigesetzt, dem größten jüdischen Friedhof Lateinamerikas. Doch bleibt er auch wegen seines Wappens nicht nur der Familie unvergesslich. »Alle meine Freunde aus der Schule fragten mich danach, und eigentlich jeder, den ich traf. Wirklich jeder wusste davon – was auch gut so ist, denn es ist eine wunderschöne Geschichte«, so Guido Rud.

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Das sieht sein jüngerer Bruder Oliver genauso: »Jedes Mal, wenn ich das Wappen sehe, staune ich«, zitiert ihn die JTA. »Als Sohn und Mitglied der jüdischen Gemeinde sowie als Argentinier macht mich das sehr stolz.«
Der jüngste Spross erzählt auch, dass die Mutter seines Vaters einst aus der Ukraine nach Argentinien gekommen sei – ein Weg, den jüdische Einwanderer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts häufig nahmen. Die haben im Jahr 1935 denn auch den Klub Náutico Hacoaj (vom hebräischen Hakoach, Stärke) gegründet, der heute rund 10.000 Mitglieder zählt und eine der wichtigsten sozialen Institutionen der jüdischen Gemeinschaft ist.

Weltweit anerkanntes Emblem

Auf dem Gelände des Klubs wurde zu Ehren seines Vaters ein Baum gepflanzt, fährt Sohn Oliver fort. »Für Hacoaj ist es eine enorme Quelle des Stolzes, dass eines unserer Mitglieder das Wappen des argentinischen Fußballverbands entworfen hat«, wird Vereinspräsident Osvaldo Ofman zitiert. »Es gibt uns das Gefühl, dass ein kleiner Teil von Hacoaj und der jüdischen Gemeinde in einem weltweit anerkannten Emblem weiterlebt.«

Und deshalb sind die Spiele Argentiniens während dieser Weltmeisterschaft für Norberto Ruds Söhne nicht nur eine Gelegenheit, um Messi anzufeuern, sondern auch, um sich seinem Vater nahe zu fühlen. »Für mich ist das Wappen alles. Die Nationalmannschaft ist alles. Wann immer ich ein Spiel Argentiniens verfolge, denke ich an meinen Vater, der seit 2010 vom Himmel aus über mich wacht«, sagt Guido Rud. »Ich weiß, dass sein Vermächtnis bedeutend war, und deshalb erzähle ich diese Geschichte – um seinen Beitrag für die Albiceleste bekannt zu machen.«

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