Fußball-Weltmeisterschaft

Die Wut der Pharaonen

Hossam Hassan (in schwarz) diskutiert mit dem Schiedsrichter Foto: picture alliance / Xinhua News Agency

Sichtlich aufgebracht verließ Ägyptens Fußball-Nationaltrainer Hossam Hassan nach der 2:3-Niederlage seiner Mannschaft gegen Argentinien das Stadion in Atlanta. Zu allem Überfluss hielt ein argentinischer Fan auf der Tribüne dem 59-Jährigen eine Israel-Flagge entgegen. Hassan spuckte aus und rief »Fuck you«. Dann arbeitete er sich an einem Pressefotografen ab.

Nach dem Sieg seiner Mannschaft gegen Australien im Sechzehntelfinale am Wochenende war der Coach noch ganz anders aufgelegt und mit einer Palästinenserfahne auf den Platz gestürmt. »Ich widme diesen Sieg unseren Brüdern aus Palästina. Möge Gott die Überlebenden schützen und Gnade haben mit den Märtyrern«, hatte Hassan ausgerufen.

Vor dem Spiel gegen Argentinien brachte er erneut seine Solidarität mit den Palästinensern zum Ausdruck. Während sich in Europa alle aufregten, wenn ein Tier zu Schaden käme, sei es allen egal, wenn »2000 oder 3000 Menschen an einem Tag sterben durch eine Rakete«, sagte der ägyptische Coach auf der Pressekonferenz.

Unrecht und Verschwörung

Als seine Mannschaft dann ihren 2:0-Vorsprung nicht über die Zeit retten konnte und in der Nachspielzeit noch mit 3:2 gegen die Argentinier um Superstar Lionel Messi verlor, kannte Hassan kein Halten mehr. Eine Verschwörung des Schiedsrichters und der FIFA gegen sein Land, sei das, schimpften er und andere ägyptische Offizielle. Immer wilder wurden ihre Vorwürfe. Ägypten sei Unrecht angetan worden, meinte Hassan.

Zielscheibe der Anfeindungen war Schiedsrichter François Letexier aus Frankreich. Er und seine Assistenten hätten absichtlich weggeschaut und Ägypten einen Strafstoß verwehrt, so der Vorwurf. Und auch dem Ausrichter der Weltmeisterschaft galt eine Tirade Hassans. Die FIFA habe Messi wegen dessen Popularität unbedingt im Turnier halten wollen. Hassan wörtlich: »Es geht nur ums Geld. Die wollen, dass Messi im Turnier bleibt.« Seine Mannschaft habe weder Respekt noch Fair Play erlebt, so der Trainer in Anspielung auf die beiden von der FIFA hochgehaltenen Werte.

Der Präsident des ägyptischen Fußball-Verbands, Hany Abo Rida, forderte gar den Ausschluss des gesamten Schiedsrichterteams von der WM. Und Coach Hassan schwor hoch und heilig, sich kein einziges der verbleibenden acht WM-Partien mehr im Fernsehen anzuschauen.

Schon während des Argentinien-Spiels hatte er mehrfach getobt – so sehr, dass ihn die eigenen Assistenten auf die Bank zurückdrängen mussten. Auch Lionel Messi war sichtlich irritiert über Hassan. »Was stimmt nicht mit Ihnen?« rief der Argentinier ihm zu, wie auf Videos, die in den sozialen Medien kursieren, zu sehen und zu hören ist.

Vor allem dort ließen viele Ägypten-Fans nach der knappen Niederlage ihren Frust aus – auch mit eindeutig antisemitischen Äußerungen. Schiedsrichter Letexier wurde als »Zionist« bezeichnet, sein englischer Wikipedia-Eintrag durch einen User namens »Thepharaoh17« verändert. Plötzlich hieß es nun, Letexier stamme aus einer »orthodoxen jüdischen Familie« und zu seinen Vorfahren zählten auch Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten.

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Es war eine Falschinformation, die sich trotz Löschung in Windeseile in den sozialen Netzwerken verbreitete. Der Unparteiische musste wegen der Hass-Welle, die ihm entgegenschlug, sogar seinen Instagram-Account löschen.

Auch Bilder von Lionel Messis Besuch an der Klagemauer 2014 wurden wieder fleißig geteilt. Der Argentinier sei von den Zionisten gekauft, hieß es in vielen Posts. Der Betreiber einer Facebook-Gruppe mit dem Titel »Befreien wir Frankreich vom Zionismus« schrieb: »Der pro-israelische französische Schiedsrichter hat Ägypten den Sieg gestohlen und ihn Argentinien geschenkt. Was für eine Schande. Die FIFA wird von Zionisten dominiert.«

Ob die angekündigte Beschwerde der Ägypter gegen den Schiedsrichter und die Entscheidungen des VAR-Teams etwas bringen werden, darf bezweifelt werden. Die Nationalmannschaft des größten arabischen Landes fährt in den Augen vieler als schlechte Verliererin nach Hause – auch dank der Eskapaden ihres Trainers.

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