Berlinale

»Free Palestine« auf der Bühne

Abdallah Alkhatib (l.) und Taqiyeddine Issaad (r.) Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Als sich der schwere rote Vorhang im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz um kurz nach 20 Uhr senkte, lagen neun Tage voller Film hinter den Besucherinnen und Besuchern. Die Preisträger standen fest – das Politdrama Gelbe Briefe des Berliner Regisseurs İlker Çatak gewann den Goldenen Bären, Sandra Hüller erhielt für ihre Hauptrolle in Rose den Silbernen Bären, der Große Preis der Jury ging an Kurtuluş von Emin Alper, der Preis der Jury an Queen at Sea von Lance Hammer, um nur einige der Ausgezeichneten zu nennen.

Auch der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib erhielt einen Preis, den GWFF Preis für das Beste Spielfilmdebüt für Chronicles From the Siege. Seine Dankesrede nutze der Regisseur, der über der rechten Schulter eine Kufiya trug, für ein politisches Statement. Chronicles From the Siege erzählt davon, wie Menschen versuchen, eine Besatzung zu überleben.

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Alkhatib warf der deutschen Regierung vor, sie sei Partner »des Völkermords im Gazastreifen«. Im Wortlaut sagte Alkhatib, dessen Dankesrede simultan übersetzt wurde: »Einige Menschen haben mir gesagt: ›Vielleicht musst du ein wenig vorsichtig sein, bevor du das sagst, was du jetzt sagen möchtest, weil du ein Flüchtling in Deutschland bist. Und es gibt so viele rote Linien.‹ Aber darum geht es mir nicht. Mir geht es um meine Menschen und um Palästina. Und deswegen sage ich, dass meine letzten Worte hier an die deutsche Regierung sind: Sie machen mit beim Genozid Israels in Gaza. Und ich glaube, dass sie intelligent genug sind, um diese Wahrheit zu erkennen. Aber sie wählen, dass es ihnen nicht wichtig ist. Free Palestine – von jetzt an bis zum Ende dieser Welt.«

Alkhatib, der eine palästinensische Flagge von einem Begleiter mit auf die Bühne brachte, die umgedreht gehalten wurde, sagte, eines Tages werde es ein wunderbares Filmfestival in Gaza geben. »Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.« Im Saal waren Applaus und auch Zwischenrufe zu hören.

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat sich von der Rede bei Alkhatibs distanziert. Er sei als einziger Vertreter der Bundesregierung bei der Gala gewesen, teilte ein Sprecher seines Ministeriums der Deutschen Presse-Agentur mit. Während der Rede des syrisch-palästinensischen Filmemachers Abdallah Alkhatib habe Schneider den Saal verlassen.

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Zuvor hatte bereits die libanesische Filmemacherin Marie-Rose Osta, die den Goldenen Bär für den besten Kurzfilm gewann, auf der Bühne die israelische Kriegsführung kritisiert. Die Regisseurin eines Films über ein Kind mit Superkräften sagte: »In der Realität ist es so, dass die Kinder dort in Gaza, in Palästina und im Libanon keine Superkräfte haben, damit sie geschützt werden vor israelischen Bomben, die seit über zwei Jahren herunterfallen.«

Vier Kinder seien erst gestern im Libanon getötet und der Waffenstillstand werde, so Osta, im Gazastreifen und den Libanon nicht geachtet. »Der Völkermord geht voran, auch trotz des Völkerrechts. Wenn dieser Preis irgendetwas bedeutet, – außer dass ich natürlich sehr glücklich bin über diesen Preis –, dann bedeutet das, dass die Kinder aus Gaza und Libanon keine Verhandlungsmasse sind.«

Moderatorin Désirée Nosbusch sagte anschließend: »Und ich bin mir sicher, dass unsere Herzen bei all den Menschen sind, die leiden, sei es durch Kriege oder durch Terrorismus.«

Die kanadische Filmemacherin Geneviève Dulude-de Celles, die für Nina Roza ausgezeichnet wurde, trug einen Anstecker mit einer palästinensischen Flagge in Herzform. Der Gewinner des Großen Preises der Jury, Emin Alper, rief den Palästinensern von der Bühne am Potsdamer Platz zu: »Die Palästinenser*Innen (lt. dt. Übersetzung) in Gaza und die dort leben und sterben unter den schrecklichsten Bedingungen. Ihr seid nicht allein.«

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) distanzierte sich von der Rede Alkhatibs - und verließ demonstrativ den Saal.

Bereits während der Berlinale gab es Kritik: 80 Künstler, darunter auch Tilda Swinton und Javier Bardem hatten der Berlinale in einem Offenen Brief eine mangelnde Positionierung im Gaza-Krieg vorgeworfen hatten. Sie seien entsetzt über das »institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern«.

Berlinale-Chefin Tricia Tuttle hatte als Reaktion auf diesen Brief Zensurvorwürfe zurückgewiesen. Es stimme nicht, dass sie Filmemacher »zum Schweigen gebracht« oder »eingeschüchtert« hätten, sagte Tuttle. Sie sei von dem Brief überrascht worden und es sei »unglaublich hart« gewesen, ihn zu lesen. Einige der Unterzeichner kenne sie und sie habe sich gewünscht, dass sie sie zuerst kontaktiert hätten. dpa/kat

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