Aktivismus

Wie politisch ist Mode?

In Istanbul tragen Models während des »Laleli Fashion Shopping Festival« die Kufiya als Zeichen der Unterstützung für Palästinenser in Gaza. Foto: picture alliance / Anadolu

Für die einen ist es das sprichwörtlich rote Tuch, das sie zur Weißglut bringt, für die anderen das traditionelle Symbol ihres nationalen Freiheitskampfes. Die Rede ist von der Kufiya, ebenfalls bekannt als Palästinenser- oder Arafat-Tuch. Und auch dieser Tage sorgt es wieder für Diskussionen.

Unlängst musste sich das Thüringer Oberverwaltungsgericht mit dem gemusterten Stück Stoff beschäftigen. Der Anlass: Einer Besucherin wurde der Zutritt zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald verweigert, weil sie dort mit einer Kufiya erschien.

Die Richter entschieden, dass die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora das nicht hinnehmen müsse – schließlich habe die Antragstellerin selbst angegeben, dass sie mit dem Tragen der Kufiya eine politische Botschaft gegen die ihrer Ansicht nach einseitige Parteinahme der Gedenkstätte für die Politik der israelischen Regierung zeigen will. »Dass daraus gerade auf dem Gelände der Antragsgegnerin eine Gefährdung des Sicherheitsgefühls vieler Jüdinnen und Juden folgt, steht nicht infrage«, hieß es weiter in der Begründung.

Fischnetzmuster in Schwarz oder Rot

Natürlich kann man die Kufiya, in der Regel ein quadratisches weißes Tuch aus Baumwolle mit einem Fischnetzmuster in Schwarz oder Rot, auch aus rein modischen Gründen tragen. Derzeit ist es aber aus ganz anderen Gründen omnipräsent, und das hat viel mit den israelischen Reaktionen auf die Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023, dem Krieg und den Protesten dagegen zu tun.

So gehört die Kufiya zur Grundausstattung all derer, die zu anti-israelischen Demonstrationen gehen oder an Campus-Besetzungen teilnehmen. Auch konnte man im Vorfeld der großen Palästina-Solidaritätskundgebung vom 14. Juni in Berlin beobachten, wie sich Teenager die Kufiya ehrfurchtsvoll gegenseitig um den Hals legten, was dem Akt den Charakter einer Zeremonie verlieh. Das gemusterte Stück Stoff erfährt eine quasi-religiöse Aufladung und ist somit mehr als nur ein bloßes Symbol.

Das gemusterte Stück Stoff erfährt eine quasi-religiöse Aufladung und ist somit mehr als nur ein bloßes Symbol.

Manche wollen damit provozieren – so wie die Linken-Abgeordnete Cansın Köktürk, die mit einer um den Hals gewickelten Kufiya im Mai einen Eklat bei der Konstituierung des Bundestags verursachte.

Prominente lassen sich ebenfalls gern damit blicken, wenn sie für die Palästinenser Partei ergreifen wollen, beispielsweise die Hollywood-Schauspielerin Susan Sarandon oder das amerikanische Model Bella Hadid. Im Winter schaffte das gemusterte Tuch es sogar in den Vatikan, wo Papst Franziskus vor einer in Bethlehem gefertigten Krippe betete, in der das Jesus-Kind auf einem Palästinensertuch lag.

Doch die wenigsten Träger der Kufiya dürften mit der Geschichte ihres Tuchs vertraut sein, auch jene, die es sich ganz bewusst aus politischen Motivationen wahlweise um Hals, Kopf oder Hüfte wickeln.

Beduinen- oder Bauerntuch

Denn eigentlich müsste man Beduinen- oder Bauerntuch dazu sagen, weil es genau diese beiden Gruppen waren, die das Tuch seit vielen Jahrhunderten aus ganz pragmatischen Gründen nutzten, und zwar als Schutz vor Wind und Sonne in der Wüste. Und es stammt nicht aus Palästina, sondern aus Mesopotamien, von wo aus sich diese Kopfbedeckung in der gesamten nahöstlichen Region verbreitete. So verweise das Wort »Kufiya« auf die sich im heutigen Irak befindende Stadt Kufa.

Eine politische Bedeutung erhielt das Stück Stoff erst in den 30er-Jahren, und zwar in der Zeit des arabischen Aufstands gegen die britische Herrschaft im damaligen Mandatsgebiet Palästina sowie gegen die dort lebenden Juden, initiiert von Hadj Amin al-Husseini, Mufti von Jerusalem und einem späteren Bündnispartner Adolf Hitlers. »Die arabische Kopfbedeckung wurde zum Markenzeichen der Revolte«, schreibt der britische Historiker Simon Sebag Montefiore. »Husseini-Anhänger trugen das karierte Kufiya-Tuch, die Nashashibis, den Tarboush des Kompromisses.«

Der Hintergrund: Die Nashashibis waren eine prominente arabische Familie in Jerusalem, die sich um eine Verständigung mit den Zionisten bemühte und damit im wahrsten Sinne des Wortes in die Schusslinie des Muftis geriet. Und der Tarboush, besser bekannt als Fez, war die traditionelle, noch aus osmanischer Zeit stammende Kopfbedeckung, die von der arabischen Stadtbevölkerung und den Eliten in Palästina getragen wurde.

Doch auch damals hätte niemand von einem Palästinensertuch gesprochen. Das geschah erst in den 60er-Jahren, als Jassir Arafat als Chef der »Palestine Liberation Organisation« (PLO) die Weltbühne betrat und es bewusst immer so anlegte, dass der vom Kopf herabhängende Teil an die Umrisse Palästinas erinnern sollte.

Nicht nur Männer tragen es

Aber nicht nur Männer trugen es. Auch eine andere Ikone des palästinensischen »Freiheitskampfes« aus dieser Zeit sorgte für einen erhöhten Bekanntheitsgrad, und zwar Leila Chaled, eine mehrfache Flugzeugentführerin und notorische Terroristin der »Volksfront zur Befreiung Palästinas«, die sich gern mit dem Palästinensertuch in Kombination mit einer Kalaschnikow ablichten ließ. »Die Tatsache, dass sie (die Kufiya) als Frau wie einen Hidschab um den Kopf trug, erregte große Aufmerksamkeit und viel Popularität in der ganzen Welt, aber auch in der palästinensischen Gemeinschaft und der Diaspora«, sagte die palästinensische Modehistorikerin Wafa Ghnaim dem Magazin »Time«.

Jassir Arafat legte die Kufiya bewusst immer so an, dass der vom Kopf herabhängende Teil an die Umrisse Palästinas erinnern sollte.

In diesen Jahren wurde das Tuch ebenfalls in der westlichen Welt beliebt. Die Ersten, die es dort trugen, waren Studenten, die gegen den Vietnamkrieg protestierten, sich dann aber mit dem Befreiungskampf zahlreicher Gruppierungen in Lateinamerika, Afrika oder in der arabischen Welt solidarisierten.

Wer immer sich als unangepasst sah oder gegen Atomkraftwerke und NATO-Doppelbeschluss 1979 demonstrierte, griff irgendwann auf dieses Tuch zurück, weshalb es zugleich zum Symbol per se für zahlreiche Protestbewegungen mutierte und aus dem rein palästinensischen Kontext herausgelöst wurde. Zugleich soll es die besonders radikale Haltung seiner Träger symbolisieren – wobei das Alter keine Rolle spielt, wie die 81-jährige Angela Davis bewies, ein Urgestein der Kommunistischen Partei der USA, die im Juli mit Kufiya bei einer Zeremonie der Universität Cambridge erschien.

Sub- oder Gegenkultur

Und wie so vieles, das aus dem Bereich der Sub- oder Gegenkultur stammt, wurde es irgendwann auch zu einem reinen Fashion Item oder bewusst eingesetzten Mittel, um Aufmerksamkeit zu generieren, so wie die amerikanischen Fashion-Designer Michael Sears und Hushi Mortezaie, die 2001 gleich ein ganzes Kleid aus der Kufiya machten.

Insofern teilt das Palästinensertuch, das ungefähr alle zehn Jahre eine neue Konjunktur erfährt, weil Fashion-Designer ihre Models damit auf den Laufsteg schicken, das Schicksal der abgerissenen Lederjacke der Punks. So empfahl das Lifestyle-Magazin »Elle« vor 15 Jahren: »Ein Schal wie das Palästinensertuch ist diese Saison das Mode-Accessoire Nummer eins.«

Immer wieder ist es angesagt, man kann das Tuch entweder beim Textildiscounter für wenige Euro erwerben oder für mehrere Hundert die Edelvariante im Nobelkaufhaus. Oder, wie jetzt die »Vogue Arabia« von der Copenhagen Fashion Week berichtete, als Handtasche und Bluse.
Im politischen Kontext hat es ebenfalls längst neue Anhänger gefunden. Nach der Jahrtausendwende entdeckten Neonazis oder die Neue Rechte das Palästinensertuch und deuteten es für sich um. Was nach Einschätzung der Amadeu Antonio Stiftung wenig überraschend ist, weil es schon in der linken Szene »antiamerikanische und antisemitische Konnotationen« habe.

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