Wäre Michelangelo von der Jury der Kunstbiennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden? Ein Künstler, der gegen seinen Willen für Papst Julius II., den der Judenfeind Martin Luther einen »Blutsäufer« nannte, die Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan bemalt hat? Ich fürchte, der Bildhauer und Maler würde leer ausgehen.
Denn bespielte Michelangelo heute den Pavillon des Heiligen Stuhls der Kunstbiennale von Venedig, wäre ihm kein Preis, sondern ein Shitstorm auf Instagram gewiss. »Art Not Genocide Alliance« würde schon vorab dazu aufrufen, den Künstler und seine Werke zu boykottieren. Und falls die Kampagne keinen Erfolg erzielen sollte, würde er von der Preisverleihung ausgeschlossen, mit Verweis auf seinen kriegstreiberischen Auftraggeber und dessen Verbrechen im Namen der Kirche.
Statt einer Preisverleihung hätte man wohl Michelangelos »David«, und zwar sowohl virtuell als auch in der Galleria dell’Accademia in Florenz, eine Kufiya umgehängt und dem Kämpfer mit der Steinschleuder einen neuen Vornamen verpasst – »Dschihad«. Hochrenaissance hin oder her: ein Hoch auf die internationale Intifada! Hätte Michelangelo nicht schon immer deren Vorkämpfer sein müssen? Und ist es nicht verdächtig, dass er seine Statue ausgerechnet »David« nannte?
Wohin man sich auch wendet – überall maßlose Politisierung und selbstgerechte Eiferer.
Ach, die Kunst. Geht es irgendwo zwischen Venedig, Kassel, Berlin und New York noch um sie? Wohin man sich auch wendet – überall maßlose Politisierung und selbstgerechte Eiferer. Die »documenta fifteen« mutierte, angeblich im Namen des »Globalen Südens«, zum BDS-Tribunal und Schauplatz antisemitischer Kunstwerke, die – unter anderem – Juden mit Vampirzähnen zeigten. Die Preisverleihung beim Filmfestival von Venedig im vergangenen Sommer: ein palästinensisches Flaggenmeer. Auch die Abschlussgala der Berlinale im Winter wurde wieder von Aktivisten gekapert, was nichts Gutes für das kommende Jahr verheißt.
Für den Bildhauer Belu-Simion Fainaru, der Israels Pavillon in Venedig gestaltet, gibt es allerdings eine erfreuliche Nachricht. Die überforderte Jury, die verkündet hatte, dass israelische und russische Künstler nicht am Wettbewerb um die Goldenen Löwen teilnehmen dürften – Begründung: die Anklagen gegen Wladimir Putin und Benjamin Netanjahu vor dem Internationalen Strafgerichtshof –, ist zurückgetreten.
Nun steht der Präsident der Biennale selbst in der Kritik. An dieser Stelle wird es leider kompliziert. Denn Italiens Kulturminister Giuli wirft Biennale-Chef Buttafuoco vor, Russland mehr als vier Jahre nach Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine wieder ermöglicht zu haben, einen Pavillon zu bespielen. Das sei »Neben-Außenpolitik«. Der Biennale-Chef, behauptet der Kulturminister, sei »Opfer einer pazifistischen Fantasie« geworden.
Wieso baut Katar für viel Geld einen permanenten Pavillon in den Giardini? Warum scheidet der Iran erst jetzt aus?
War es also doch eine gute Idee der Jury, die Russen wenigstens von der Preisverleihung auszuschließen? Zumal angeblich Regime-nahe Künstler den russischen Pavillon bespielen, der für die breite Öffentlichkeit nicht zugänglich ist? Fragen über Fragen. Wieso baut Katar für viel Geld einen permanenten Pavillon in den Giardini? Warum scheidet der Iran erst jetzt aus? Wer hält die Biennale davon ab, Dissidenten einzuladen? Und wer nimmt nach Redaktionsschluss überhaupt noch teil?
Michelangelo hat Glück: Er muss nicht miterleben, was sich heute in der »Kunstszene« abspielt. Aber wie sollen junge israelische Künstler damit klarkommen, dass sie in Galerien nicht willkommen sind, auch wenn sie Netanjahu hassen? Wenn ich darauf eine Antwort wüsste.