Berlin

Offener Brief zu Gaza: Berlinale-Chefin weist Zensurvorwürfe zurück

Berlinale-Chefin Tricia Tuttle Foto: picture alliance / dpa

Berlin

Offener Brief zu Gaza: Berlinale-Chefin weist Zensurvorwürfe zurück

»Es stimmt nicht, dass wir Filmemacher zum Schweigen gebracht hätten«: Festivalchefin Tricia Tuttle reagiert auf harsche Kritik aus einem offenen Brief aus dem Branchenblatt »Variety«

 20.02.2026 09:22 Uhr

Als Reaktion auf einen offenen Brief mehrerer Filmschaffender zum Nahostkonflikt hat Berlinale-Chefin Tricia Tuttle Zensurvorwürfe zurückgewiesen. Es stimme nicht, dass sie Filmemacher »zum Schweigen gebracht« oder »eingeschüchtert« hätten, sagte Tuttle. Sie sei von dem Brief überrascht worden und es sei »unglaublich hart« gewesen, ihn zu lesen. Einige der Unterzeichner kenne sie und sie habe sich gewünscht, dass sie sie zuerst kontaktiert hätten.

Das Branchenblatt »Variety« hatte einen offenen Brief Dutzender Filmschaffender veröffentlicht, in dem Künstler wie Tilda Swinton der Berlinale eine mangelnde Positionierung im Gaza-Krieg vorgeworfen hatten. Sie seien entsetzt über das »institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern«. Israel streitet ab, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen. Das ist auch die Position der Bundesregierung.

Zur Frage, wie ihre Position sei, sagte Tuttle, sie sei zutiefst betroffen über den Verlust von Menschenleben in der Zivilbevölkerung. »Ich fordere Israel nachdrücklich auf, sich an das Völkerrecht zu halten. Ich bin auch der Meinung, dass die Regierungen und Partner Israels dafür sorgen müssen, dass sie sich an das Völkerrecht halten, um das Leben der Zivilbevölkerung zu schützen.« Aber dies sei eine komplexe Angelegenheit. »Es ist keine Angelegenheit, deren Komplexität und Sensibilität man in einem kurzen Statement vermitteln kann.«

Lesen Sie auch

Am 7. Oktober 2023 waren Terroristen der Hamas und des Islamischen Dschihad in den Süden Israels eingedrungen und hatten etwa 1200 Menschen ermordet, 251 wurden in den Gazastreifen verschleppt. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu begründete den Krieg mit den Zielen, die Hamas zu zerschlagen und die Geiseln zu befreien.

Laut Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden in Gaza seit Kriegsbeginn am 7. Oktober 2023 mehr als 70.000 Menschen getötet. Diese Zahl lässt sich nicht unabhängig überprüfen und unterscheidet nicht zwischen Zivilisten und Hamas-Kämpfern. Israels Armee hat nach eigenen Angaben etwa 25.000 Terroristen getötet und etwa weitere 1600 Terroristen am 7. Oktober 2023. 

Ausschnitt herausgegriffen

»Wir wissen, dass die Darstellung von Menschen als «pro-palästinensisch» oder «pro-israelisch» die komplexe Bandbreite an Perspektiven verengt und den Diskussionen, die wir über eines der schwierigsten und polarisierendsten Themen unserer Zeit führen müssen, nicht gerecht wird«, sagte Tuttle. »Ich halte es für sehr gefährlich, wenn das Festival Stellung bezieht, weil es damit Raum nimmt und Menschen signalisiert, dass sie nicht zu dieser Diskussion eingeladen sind und ihre Meinung nicht äußern dürfen.«

Die Unterzeichner des Briefs hatten auch Jurypräsident Wim Wenders kritisiert, der bei einer Pressekonferenz zur Positionierung im Nahostkonflikt befragt worden war. Der Regisseur (»Perfect Days«, »Paris, Texas«) hatte gesagt, sie könnten sich nicht auf das Feld der Politik begeben. Filmschaffende müssten sich aus der Politik heraushalten, sie seien ein Gegengewicht zur Politik.

Tuttle kritisierte, es sei nur ein Ausschnitt herausgegriffen worden, was sie traurig mache. »Denn dieser Mensch zeigt seit 50 Jahren mit unglaublichen Filmen eine immense Empathie für die Menschen. Er hat uns Menschen sehen lassen, die vielleicht sonst unsichtbar geblieben wären. In seinen Werken steckt immer ein politisches Element.« Sie halte es für ungerecht, dass Leute einen »Ausschnitt herausgreifen, ihn falsch darstellen und daraus eine virale Kampagne machen«, sagte Tuttle. dpa/ja

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Europatournee

Bob Dylan kommt im Herbst nach Deutschland

Der jüdische Sänger und Songschreiber wird sieben deutsche Bühnen in Beschlag nehmen. Heute beginnt der Vorverkauf

 22.07.2026

Paris

Berührend: Was seine Tochter dem »Asterix«-Schöpfer schreibt

Millionen kennen René Goscinny wegen »Asterix«. In »Das Klimpern der Schlüssel« schreibt ihm seine Tochter Anne als Erwachsene einen Brief. Daraus entstand ein berührendes Buch, nun auch auf Deutsch

von Sabine Glaubitz  21.07.2026

Musik

»Bombentalent und schäbiger Charakter«

150 Jahre Bayreuther Festspiele: Warum Gespräche über Richard Wagner und seinen Judenhass auch heute noch notwendig sind

von Maria Ossowski  21.07.2026

Musikgeschichte

Die Rückkehr der vergessenen Namen

Was die Nationalsozialisten aus dem Musikleben verbannten, ist bis heute oft vergessen. Ein Langzeitprojekt arbeitet daran, dass sich das ändert.

von Evelyn Sander  20.07.2026

Die DJ Sama’ Abdulhadi bei der Arbeit, 2025 in London

Hamburg

Techno-Festival lässt Hamas-Sympathisantin auflegen

Obwohl sie die Massaker vom 7. Oktober verteidigt hat, durfte DJ Sama’ Abdulhadi beim Habitat-Festival auflegen. Die Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez hatte zuvor ihre Ausladung gefordert

 20.07.2026

Debatte

Danger Dan und Igor Levit: So reagiert »Die Anstalt« in ihrer Sendung auf die Absage des ZDF

In seiner Jubiläumssendung geht das »DieAnstalt«-Team ausführlich auf den Streit ein

 19.07.2026

NRW

Minister sieht bei Danger Dan-Song Nähe zu Extremisten

Der Rapper Danger Dan darf einen neuen Song nicht in der Satiresendung »Die Anstalt« präsentieren. Nun meldet sich der NRW-Medienminister zu Wort, der auch im ZDF-Fernsehrat sitzt

 18.07.2026

Zahl der Woche

70 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 18.07.2026