Frau Tuttle, vor einem Jahr haben Sie auf dem roten Teppich der Berlinale mit anderen Filmschaffenden die Freilassung von David Cunio gefordert. Wie haben Sie es erlebt, als der ehemalige Berlinale-Schauspieler, der am 7. Oktober 2023 von der Hamas als Geisel nach Gaza verschleppt wurde, nach zwei Jahren freikam?
Ich war außer mir vor Freude, dass er wieder zu Hause bei seiner Familie ist. Durch den Regisseur Tom Shoval, der bei der Berlinale 2025 seinen Film »A Letter To David« gezeigt hat, haben wir ihm eine Nachricht zukommen lassen und sind auch weiterhin in Kontakt.
Sie sind klar in Ihrer Forderung nach Dialog. Gerade wurden Sie mit den Worten zitiert, dass die Berlinale unter Ihrer Führung niemals Menschen oder Länder boykottieren werde aufgrund von deren Nationalität. Wie schwer ist es durchzuhalten?
Schwer und auch wieder nicht, wenn man empathisch ist. Ich bin umgeben von Menschen, die genauso denken. Empathie bedeutet für uns, einen Ort zu schaffen, wo ein komplexer Dialog möglich ist. Es gibt eine Million Meinungen zum Gaza-Krieg, nur zwei Seiten zu sehen, halte ich für gefährlich, weil es eine Unterhaltung unmöglich macht. Wir wollen die Komplexität aushalten.
Glauben Sie, Filme und ein Festival können Narrative ändern?
Das ist jedenfalls das Ziel und eine große Teamleistung, den Diskurs rund um das Festival zu verändern, die Aufregung aus der Diskussion zu nehmen und den Menschen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt und man nicht aufpasst, wird man leicht in ein Narrativ verstrickt, das um einen herum zirkuliert. Wir stehen für Pluralität und Fairness, für unterschiedliche Perspektiven und die Offenheit zum Dialog.
Wie sehr beunruhigt Sie die derzeitige Polarisierung?
Sehr! Dass die Art und Weise, wie wir Kultur konsumieren, immer weiter zerfällt, trägt dazu bei, dass die Gesellschaft zunehmend zerfällt. Kultur verbindet uns und hilft, ein Gefühl der Gemeinschaft zu entwickeln. Das ist etwas, das ich an der Berlinale so liebe, und was es aktiv zu fördern gilt: Hier trifft sich eine Gemeinschaft von Menschen, die sich nicht immer einig sind, die aber alle das Kino lieben. Deshalb laden wir Menschen ein, anstatt sie auszuschließen. Ich finde das wirklich wichtig.
Sowohl der israelische Film »Where to?« als auch der in Afghanistan spielende Eröffnungsfilm »No good men« kombinieren harte Themen mit subtilem Humor. Ist das ein Weg, mit der Situation umzugehen?
Ich denke, dass es viele Wege gibt, und dass die Welt des Kinos weitläufig genug ist, um möglichst viele einzuschlagen. Ich will von allem etwas. Es geht um die Balance, die sowohl dem subtilen Humor als auch der kantigen Wut oder anderen Perspektiven Platz einräumt. Und wenn wir dann auch noch darüber reden, haben wir die Chance, die Komplexität der Welt besser zu verstehen.
»Where to?« ist der einzige israelisch produzierte Film in diesem Jahr. Wo sehen Sie Israels Filmszene momentan?
Wir haben auch israelische Regisseure im Programm, deren Filme in anderen Ländern finanziert wurden. Wie viele Künstler weltweit haben israelische Filmemacher es derzeit schwer, das Geld für ihre Projekte zusammenzubekommen. Es ist keine ausreichend große Branche, um das kommerzielle Filmemachen ohne öffentliche Förderung aufrechtzuerhalten. Vor allem im nationalen Kino braucht es öffentliche Investitionen, um sicherzustellen, dass eine Vielfalt an Stimmen zu Wort kommt.
Im Programm ist auch Anat Evens »Zusammenbruch« vertreten, in dem sie nach dem 7. Oktober 2023 den zerstörten Kibbuz Nir Oz besucht, wo sie einst gelebt hat.
Ja, Even ist eine intelligente, nachdenkliche Film-Essayistin. Ihre Arbeit ist beeindruckend und lädt zum Gespräch ein.
Mit der Berlinale-Leiterin sprach Sophie Albers Ben Chamo.