Interview

»Ein jüdischer Film braucht keinen jüdischen Regisseur«

»Boykottaufrufe gegen uns missverstehen das Wesen des Festivals«: Daniella Tourgeman Foto: Jerusalem Cinematheque

Interview

»Ein jüdischer Film braucht keinen jüdischen Regisseur«

Leiterin Daniella Tourgeman über das »Jerusalem Jewish Film Festival«, eine Hommage an israelische Krankenschwestern und Boykottaufrufe in der Kunstwelt

von Joshua Schultheis  11.12.2025 09:57 Uhr

Frau Tourgeman, was ist ein jüdischer Film?
Ein jüdischer Film ist ein Film, der die jüdische Geschichte und Identität beleuchtet. Filme über jüdische Kunst, Kultur, Literatur und Philosophie oder Filme über bekannte jüdische Persönlichkeiten sind jüdische Filme. Es könnte auch ein Film über den Holocaust, den Zweiten Weltkrieg sein, oder über jüdische Gemeinschaften auf der ganzen Welt. Auch Filme, die das Leben in Israel und Fragen der jüdischen Identität erforschen, gehören dazu. Was bedeutet es, jüdisch oder israelisch zu sein? Ist es eine kulturelle Frage, eine religiöse, spirituelle, politische, nationale oder geografische?

Muss ein jüdischer Film also nicht von einem Juden gemacht sein?
Absolut nicht. Ein jüdischer Film braucht keinen jüdischen Regisseur. Zum Beispiel werden viele der Filme über den Zweiten Weltkrieg in Deutschland gedreht und hauptsächlich von Nichtjuden gemacht. Das liegt daran, dass für viele Europäer das jüdische Schicksal und die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ein fester Bestandteil ihrer eigenen Identität sind. Und deshalb sehen wir so viele europäische Filmemacher, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen.

Sie leiten das »Jerusalem Jewish Film Festival« (JJFF), das vom 13. bis zum 18. Dezember in der Jerusalem Cinematheque stattfindet. Der Eröffnungsfilm ist »The Soundman« des belgischen Regisseurs Frank Van Passel. Warum haben Sie entschieden, dass er das Festival eröffnen soll?
»The Soundman« spielt im Mai 1940 in Brüssel, als Nazi-Deutschland Belgien überfallen hat. Die Geschichte handelt von einem jungen jüdischen Mädchen, das anfängt, bei einem Radiosender zu arbeiten und sich dort in einen Tontechniker verliebt. Gemeinsam erschaffen sie eine Fantasiewelt, die ihnen hilft zu überleben und mit dem, was um sie herum geschieht, fertig zu werden. Wir haben den Film für die Eröffnung gewählt, weil er wunderschön, ungewöhnlich, künstlerisch einzigartig und kreativ ist. Ich denke, es ist heutzutage besonders wichtig, Filme zu zeigen, die etwas anders machen, Filme, die die Kamera auf neue Weise nutzen, die künstlerisch darüber nachdenken, wie man ein Set baut, wie man eine Geschichte konstruiert, wie man die Welt aus einer anderen Perspektive betrachtet. Und wir haben ihn auch ausgewählt, weil er eine sehr wichtige Geschichte erzählt, eine über Kunst und Widerstandsfähigkeit.

»Im vergangenen Jahr gab es einen merkwürdigen Anstieg des Interesses an Filmen über jüdische Themen.«

daniella tourgeman

Was sind die auffälligsten Themen, die die für das Festival ausgewählten Filme miteinander verbindet?
Wie in »The Soundman« ist auch in anderen Filmen das Erschaffen von Kunst in Kriegszeiten und allgemein in schwierigen Situationen ein Thema. Wir zeigen zum Beispiel Dokumentationen über Steven Spielberg, Hannah Arendt und Elie Wiesel, die alle auf die eine oder andere Weise unter verschiedensten Umständen gewirkt haben. Ein weiteres Thema ist der Pflegeberuf. Wir arbeiten eng mit dem Archiv der Cinematheque zusammen und haben aus historischem Filmmaterial eine Hommage an die Krankenschwestern zusammengestellt, die das Gesundheitssystem dieses Landes mitgestaltet haben. Die Geschichte des Gesundheitswesens in Israel ist ein Spiegel der Geschichte des Landes.

Interessanterweise behandeln nur sehr wenige der Filme des Festivals direkt die globalen Folgen des Hamas-Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023 und des Krieges in Gaza. Warum ist das so?
Wir haben einige Beiträge, die sich mit dem 7. Oktober befassen, zum Beispiel »Some Notes on the Current Situation« von Eran Kolirin. Und in vielen unserer Vorträge und Diskussionen wird das ein wichtiges Thema sein. Aber in der Tat gibt es einfach noch nicht viele Filme, die sich mit dem Thema befassen. Ich denke, es wird noch etwas dauern, bis mehr Filme über den 7. Oktober und seine Auswirkungen herauskommen.

Wie hat der Hamas-Angriff auf Israel das jüdische Filmschaffen verändert?
Im vergangenen Jahr gab es einen merkwürdigen Anstieg des Interesses an Filmen über jüdische Themen. Filme wie »A Real Pain« von Jesse Eisenberg, Julia von Heinz’ »Treasure« oder »The Brutalist« von Brady Corbet, die sich alle auf die eine oder andere Weise mit der Schoa befassen, waren äußerst erfolgreich. Obwohl keiner dieser Filme den 7. Oktober zum Thema hatte, kann man durchaus die Frage aufwerfen, ob ihr Erfolg irgendwie mit diesem Ereignis zusammenhängt.

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In der Kunstwelt gibt es viele Aufrufe zum Boykott israelischer Filme und Institutionen. Hat das auch die Arbeit des JJFF in irgendeiner Weise beeinflusst?
Glücklicherweise waren wir davon nicht stark betroffen. Ich denke, das hat damit zu tun, dass wir ein jüdisches Filmfestival sind und die meisten Filmemacher, die sich mit Judentum, jüdischer Identität oder dem Zweiten Weltkrieg befassen, ihre Filme auch wirklich in Israel und in der Jerusalemer Cinematheque zeigen wollen. Im Übrigen missverstehen Boykottaufrufe gegen uns das Wesen dieser Institution grundlegend.

Inwiefern?
Die Cinematheque setzt sich schon immer gegen Zensur ein, und wir sind überzeugt, dass schwierige Gespräche auf offener Bühne mit Menschen stattfinden sollten, die sich auf extreme Weise uneinig sind. Diejenigen, die zum Boykott gegen uns aufrufen, verstehen nicht, was die Cinematheque über Jahre hinweg für so viele Menschen symbolisiert hat, nicht zuletzt für Palästinenser. Wir stehen für künstlerische Exzellenz, kulturelle Vielfalt und Meinungsfreiheit.

Mit der Künstlerischen Leiterin des »Jerusalem Jewish Film Festival« sprach Joshua Schultheis.

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