Berlin

Dieter Nuhr erhält den Leo-Baeck-Preis

»Dieter Nuhr sagt seine Meinung, ohne sich vorher um Befindlichkeiten zu sorgen. Ohne Angst vor dem Shitstorm. Ohne sich anzupassen«: Ahmad Mansour, Dieter Nuhr, Josef Schuster Foto: Gregor Matthias Zielke

In einer Zeit, in der Antisemitismus eine Normalisierung erfährt, stehe er an der Seite der jüdischen Gemeinschaft: Dieter Nuhr sei daher ein würdiger Träger der höchsten Auszeichnung, die der Zentralrat der Juden zu vergeben hat. Mit diesen Worten würdigte Zentralratspräsident Josef Schuster den Kabarettisten, der am Mittwochabend in Berlin mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet wurde.

Schuster betonte, Judenhass mache sich auf den Straßen, in den Schulen und Hochschulen, in der Kunst- und Kulturszene und in den Medien breit. »Die zunehmende Normalisierung dieses Hasses fordert Entschlossenheit. Sie fordert Haltung. Politisch, aber insbesondere aus unserer Gesellschaft«, machte der Zentralratspräsident deutlich. Dieter Nuhr beweise Zivilcourage und folge mit seinem Mut dem Beispiel des Namensgebers des Preises, Rabbiner Leo Baeck.

»Nicht der Antisemitismus ist auf dem Rückzug aus der Öffentlichkeit. Vielmehr ist es das jüdische Leben, das aus ihr verdrängt wird.« Mit diesen eindringlichen Worten beschrieb Schuster die gesellschaftliche Lage, vor deren Hintergrund die Verleihung des Leo-Baeck-Preises diesmal stattfand.

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Die Laudatio hielt der Psychologe und Autor Ahmad Mansour. Er beschrieb Dieter Nuhr als jemanden, der einen feinen Blick für die Widersprüche des Alltags habe, und die Fähigkeit besitze, Menschen gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken zu bringen. Ob es um Klima-Aktivismus, linken Antisemitismus, Identitätspolitik, Cancel Culture oder den Nahostkrieg gehe: »Dieter Nuhr sagt seine Meinung, ohne sich vorher um Befindlichkeiten zu sorgen. Ohne Angst vor dem Shitstorm. Ohne sich anzupassen.«

Und genau dadurch sei er zu einer Stimme für all jene geworden, die ähnlich denken, sich aber nicht trauen, es zu sagen. Er sei froh, so Mansour, eine Stimme wie Dieter Nuhr in diesem Land zu haben. Dessen Arbeit habe in diesen Zeiten »eine seltene, eine notwendige, eine rettende Relevanz«.

In seiner Dankesrede sagte Dieter Nuhr, dass er bereits einige Auszeichnungen erhalten habe, ihn diese jedoch am stolzesten mache. Dieser Preis sei etwas Besonderes. »Weil er mir nicht als Komiker verliehen wird, sondern als Mensch, für meine Haltung gegen Intoleranz, gegen Radikalismus, gegen Antisemitismus.« Es sei »ein bisschen gruselig«, dass man in Deutschland einen Preis dafür bekomme, kein Antisemit zu sein. Gerade in Berlin erscheine einem Antisemitismus in der Kultur manchmal als folkloristische Eigenart. Das sei »grauenhaft«. Und dass Antisemitismus nicht nur bei Rechtsextremen, sondern auch unter Linken und Kulturschaffenden »gefühlt eher die Regel als die Ausnahme ist«, mache ihn fassungslos.

Nuhr betonte, dass heute wieder zu erleben sei, dass Menschen mitlaufen, und sich offensichtlich gedankenlos in eine sich moralisch überlegen fühlende Menge einfügen. »Und genau da entsteht ein Raum. In dem sich das Böse entfaltet. Und wir können nicht mehr tun, als dagegenhalten, argumentieren – und Witze machen.«

Dieter Nuhr wurde 1960 in Wesel geboren und wuchs in Düsseldorf auf. Er studierte in Essen Bildende Kunst und Geschichte auf Lehramt und wechselte Mitte der 80er-Jahre auf die Bühne. Seit 1994 ist er mit einem Soloprogramm auf Tour. Er ist einer der erfolgreichsten Kabarettisten des Landes. Seit 2011 moderiert er die Sendung Nuhr im Ersten. Er bezeichnet sich selbst als kabarettistischen Zeitzeugen: Dieter Nuhr kommentiert in seinem satirischen Bühnenprogramm das Tagesgeschehen und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. Der Kabarettist wurde mit dem Deutschen Kleinkunstpreis und dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet, ist Münchhausen-Preisträger und erhielt 2017 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen.

Die Verleihung des Leo-Baeck-Preises an Dieter Nuhr fand am Mittwochabend in einer Eventlocation in Berlin-Reinickendorf in Anwesenheit von rund 300 Gästen statt, darunter FDP-Chef Wolfgang Kubicki, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sowie Israels Botschafter Ron Prosor.

Seit 1957 zeichnet der Zentralrat der Juden Persönlichkeiten aus, die sich in besonderem Maße für die jüdische Gemeinschaft eingesetzt haben. Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung bewahrt das Andenken an Rabbiner Leo Baeck sel. A. Zu den Preisträgern zählen der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker, die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Verlegerin Friede Springer sowie der Präsident von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke.

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