Frankfurt

Wieder zusammen

Keine zwei Jahrzehnte liegen zwischen diesen Bildern. 1919 verewigte Max Beckmann die Börneplatz-Synagoge in einem ikonisch-expressiven Gemälde als einen selbstverständlichen Teil des Frankfurter Stadtbilds. Ebendiese, an ihrer markanten Kuppel auf Anhieb wiedererkennbare Synagoge ist auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie vom 10. November 1938 in dichten schwarzen Rauch gehüllt zu sehen. Die darin gelegten Flammen wurden nicht bekämpft. Vielmehr schauten unzählige Passanten teilnahmslos der Zerstörung der Börneplatz-Synagoge zu.

Während Beckmanns Gemälde heute zu den zentralen Werken in der Sammlung des Städel Museums zählt, erinnert im Straßenbild kaum noch etwas an die 1882 eingeweihte, für über 800 Menschen ausgelegte konservative Synagoge der einstigen Israelitischen Gemeinde. Das beim Novemberpogrom verwüstete und ausgebrannte Gebäude wurde 1939 bis auf die Grundmauern abgerissen. Die nach den Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs wiederaufgebauten Straßenzüge entstellten jeden verbliebenen Bezug zur Börneplatz-Synagoge – wie auch zur nahe gelegenen, ebenfalls 1938 zerstörten Hauptsynagoge.

Das Jüdische Museum zeigt das Objekt als Leihgabe.

Seit Jahrzehnten ringen Gemeinde, Kommunalpolitik und Stadtgesellschaft um die Sichtbarkeit der früheren Judengasse und der auf ihrem Areal errichteten Gebetshäuser. Die Ausgrabung und teilweise Zerstörung dort liegender Fundamente im Zuge eines Großbauprojekts führte 1987 zum bundesweit beachteten Börneplatz-Konflikt, der in der zeitweiligen Besetzung der Baustelle kulminierte. Letztlich wurden die Stadtwerke, ergänzt um das 1996 eröffnete Museum Judengasse, gebaut. Heute stößt man vor Ort lediglich auf den im Boden markierten, nicht überbauten Teil des Grundrisses der früheren Börneplatz-Synagoge.

Noch weniger im öffentlichen Bewusstsein verankert ist ihr Stellenwert als orthodoxes Kraftzentrum der von einer starken liberalen Strömung geprägten Israelitischen Gemeinde. Nach dem am Börneplatz amtierenden Rabbiner wurde sie auch als Horovitz-Synagoge bezeichnet. Die heutige Jüdische Gemeinde sieht sich nicht nur rechtlich in der Nachfolge der Israelitischen Gemeinde und der als Abspaltung gegründeten neo-orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft. »Für uns besteht eine ganz andere Verbundenheit mit den Vorgängergemeinden als noch vor drei, vier Jahrzehnten«, sagt Marc Grünbaum.

Der Ankauf des Toraschilds wurde mit kommunalen Mitteln finanziert.

Als orthodox geprägte Gemeinde habe man einen besonderen Bezug zur Börneplatz-Synagoge, unterstreicht der seit 2024 in einer Doppelspitze mit Benjamin Graumann amtierende Vorstandsvorsitzende. Daher spricht Grünbaum an diesem Montag im Jüdischen Museum von einem Kreis, der sich nun schließe: Knapp 88 Jahre nach der Zerstörung der Börneplatz-Synagoge wird erstmals der Silberschmuck einer ihrer Torarollen wieder in Gänze präsentiert. Das vom Silberschmied Leo Horovitz gefertigte Set besteht aus zwei Rimonim in Form von Bäumen mit vergoldeten Äpfeln im Laub sowie einem Toraschild und einem Anhänger. »Der Toraschmuck wurde der Synagoge von ihrem Rabbiner, Marcus Horovitz, anlässlich des 25. Jubiläums gestiftet und von dessen Sohn gefertigt«, lautet die auf dem Anhänger in hebräischer Schrift angebrachte Widmung.

Die in Anlehnung an den Jugendstil gestalteten, teils vergoldeten Ritualgegenstände wurden während des Novemberpogroms neben anderen Kunstwerken und Objekten aus der Börneplatz-Synagoge entwendet und tauchten in der Nachkriegszeit auf dem Kunstmarkt auf. Den Tora-Anhänger erhielt die Jüdische Gemeinde bereits 1950 von der Jewish Cultural Reconstruction (JCR). Das Jüdische Museum zeigt das Objekt als Leihgabe. 1989 erwarb das Museum im Kunsthandel die dazugehörigen Rimonim. Nun konnte es auch den von Leo Horovitz gefertigten Toraschild erwerben und auf diese Weise das Set vervollständigen.

Der Ankauf des Toraschilds wurde mit kommunalen Mitteln finanziert. Bei der Präsentation des synagogalen Silberschmucks betont Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig den Stellenwert der Objekte als »religiöse und kulturelle Zeugnisse einer lebendigen Gemeinde«. Als Stadt trage man »eine bleibende und nie abreißende Verantwortung«, so die SPD-Politikerin. Diese Verantwortung bedeute »nicht nur Erinnerung, sondern auch konkretes Handeln«. Hartwig dankt zugleich der Jüdischen Gemeinde, die das an sie restituierte Set samt Toraschild dem städtischen Jüdischen Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung stellt.

Wie wenig selbstverständlich der Erwerb des Toraschilds aus William L. Gross’ Kollektion gewesen ist, unterstreicht Mirjam Wenzel: Der bekannte Judaica-Sammler habe das Objekt zu dem ursprünglichen Kaufpreis aus den 60er-Jahren verkauft, anstatt es in eine Auktion zu geben. Dadurch habe Gross auf Profit verzichtet. »Darauf haben wir insistiert«, sagt die Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt. Ihr Haus sieht Wenzel in diesem Fall in einer Mittlerrolle.

Die Gemeinde möchte die Fragmente in einem Erinnerungsort präsentieren.

Die einst von den nun zusammengetragenen Objekten geschmückte Torarolle ist indessen laut Wenzels Stellvertreterin Eva Atlan »mit Sicherheit verbrannt«. Wie geht es weiter mit dem Bestreben, die Börneplatz-Synagoge wieder stärker im Bewusstsein von Gemeinde und Stadtgesellschaft zu verankern? Eine Rolle könnten dabei die 1990 auf der Großbaustelle Börneplatz entdeckten und geborgenen Fragmente des imposanten Toraschreins der früheren Synagoge spielen. Die mitunter sichtbare Spuren von Ruß und vorsätzlicher Zerstörung tragenden Steine wurden teilweise schon öffentlich präsentiert.

Die Jüdische Gemeinde möchte die Fragmente künftig in einem eigenen Erinnerungsort präsentieren. Im Januar 2024 wurde mit dem damaligen Architekturstudenten Benedikt Benker der Sieger eines eigens ausgeschriebenen Ideenwettbewerbs gekürt. Die damals angekündigte Umsetzung scheint sich allerdings zu verzögern. »Wir bemühen uns weiterhin darum, eine Form zu finden, diese Fragmente zu integrieren«, betont Marc Grünbaum. Das damals formulierte Ziel, die materiellen Zeugnisse der Börneplatz-Synagoge »wieder zu einem zentralen Teil der Geschichte und Identität der Jüdischen Gemeinde Frankfurt zu machen«, besteht schließlich weiterhin fort.

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