Stuttgart

Whisky, Workshop, Wirklichkeit

Es ist ein Mammutprogramm: Die Jüdischen Kulturwochen Stuttgart bieten vom 3. bis 16. November 32 Veranstaltungen an 14 Tagen – unter anderem Konzerte, Lesungen, Theater, Filme, Informationen, Diskussionen und Kulinarisches. Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) hat mit ihren Jüdischen Kulturwochen »ein Erfolgsprojekt« geschaffen, bilanziert Bärbel Mohrmann.

Sie ist mit Michael Rubinstein, dem Gemeindedirektor der IRGW, und Siwan Niermann für die Organisation zuständig. Die Jüdischen Kulturwochen finden zum 22. Mal statt. Passend zum Motto »Mitten dabei – 80 Jahre jüdisches Leben in Stuttgart« sollen diesmal noch mehr Menschen aus allen Generationen erreicht werden. Angesichts des wachsenden Antisemitismus und der erstarkenden AfD gelte das Motto »Jetzt erst recht«, sagt Bärbel Mohrmann: »Wir müssen Gegenwind schaffen und laut und präsent sein.«

Zusammen mit dem Whisky-Sommelier Jens Ölkrug, der Chef einer Whisky-Bar ist, lädt er zum »Whisky-Tasting« ein.

Was hat Whisky mit Jüdischsein zu tun? Ganz einfach: Der Stuttgarter Rabbiner Yehuda Pushkin mag Whisky. Zusammen mit dem Whisky-Sommelier Jens Ölkrug, der Chef einer Whisky-Bar ist, lädt er zum »Whisky-Tasting« ein (10. November). Neben Erkenntnissen zur Whisky-Kunde gehören unterhaltsame Einblicke ins Judentum dazu. Kulinarisches bieten die Jüdischen Kulturwochen öfters – meist aber mit spezielleren jüdischen Bezügen: Die Sozialpädagogin Binah Rosenkranz von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit präsentiert Gerichte zu jüdischen Festen (8. November). Und Zalman Shamailov, der Leiter des koscheren Restaurants »Eretz« im jüdischen Gemeindezentrum, lädt zum koscheren Kochen ein (10. und 25. November).

Die Jüdischen Kulturwochen sollen möglichst niederschwellig sein, um viele Menschen anzusprechen, sagt Bärbel Mohrmann. Da helfen solche Aktionen. Und es sollen verstärkt jüngere Menschen teilnehmen, wünscht sie sich. Ähnlich wie bei vielen jüdischen Gemeinden bundesweit sei auch in Stuttgart das Stammpublikum der Jüdischen Kulturwochen in die Jahre gekommen.

Doch das muss auf keinen Fall so bleiben: Die IRGW, von deren rund 2500 Mitgliedern etwa 1800 in Stuttgart wohnen, hat mit ihren Zweigstellen unter anderem in Heilbronn, Reutlingen, Esslingen oder Ulm eine große geografische Spannbreite. Und durch die Beteiligung der Jüdischen Studierenden-Union Württemberg sei garantiert, dass junge Menschen erreicht werden, betont Bärbel Mohrmann.

Darauf konzentriert sich auch gleich die Eröffnungsveranstaltung am 3. November im Stuttgarter Rathaus mit einem hochkarätigen Podiumsgespräch zum Thema »Mitten dabei – Jüdisches Leben aus drei Generationen«: Neben dem 1973 geborene Frankfurter Rechtsanwalt Daniel Neumann und dem prominenten 80 Jahre alten Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit wird auch ein/e Vertreter/in der Jüdischen Studierenden-Union Württemberg über ihr Jüdischsein sprechen – unter der Moderation der »Tagesschau«-Redakteurin Ilanit Spinner.

Noch gezielter an Jüngere richtet sich ein Podiumsgespräch über »Hoffnung, Anspruch und Wirklichkeit des jungen jüdischen Lebens heute« (Dienstag, 4. November). Dass es auch bei Jüngeren ohne jüdischen Hintergrund großes Interesse gibt, zeigt sich für Bärbel Mohrmann daran, dass es viele Nachfragen gab für die Klub-Veranstaltung »Jews and friends« (15. November) – viele hätten angefragt, ob sie auch ohne Begleitung von jüdischen Freundinnen und Freunden kommen können.

Ein Mammutprogramm und »Erfolgsprojekt«: 32 Veranstaltungen an
14 Tagen.

Die Geschichte hat weiter ihren festen Platz: Unter anderem vermittelt eine Führung im Hospitalviertel am 6. November, wie sich dort die Israelitische Gemeinde im 19. Jahrhundert nach und nach etabliert hat, bis hin zum Bau der später zerstörten Synagoge. Bei einem historischen Symposium am 13. November geht es um die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft seit 1945. Ein Workshop und ein Podiumsgespräch zur Frage »Wie erinnern wir?« (10. November) weisen in die Zukunft der Gedenkarbeit nach dem Wegfallen sämtlicher Zeitzeugen.

Möglich seien die Jüdischen Kulturwochen nur dank eines großen Netzwerks, der finanziellen Unterstützung durch die Stadt Stuttgart und vieler »toller Kooperationspartner«, sagt Bärbel Mohrmann. Sie selbst ist keine Jüdin, sondern in der evangelischen Kirche engagiert und zum ersten Mal im Organisationsteam der Jüdischen Kulturwochen. Sie hat als Eventmanagerin schon sehr vieles organisiert – auch die Jüdischen Kulturwochen kennt sie bestens, weil sie bis 2017 die Veranstaltungen auf städtischer Seite begleitet hat.

Was sind diesmal ihre Favoriten? Sie empfiehlt das Theaterstück »Alice – Spiel um dein Leben« (2. November), das die Geschichte der Pianistin Alice Herz-Sommer aufgreift, die das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte, später nach Israel und schließlich nach London zog.

Außerdem verweist Bärbel Mohrmann auf die sehr niederschwellige Ausstellung »Schlamassel Tov – wie jüdisch ist Deutsch?« im Foyer des Stuttgarter Rathauses (3. bis 16. November): Plakate mit bekannten deutschen Redewendungen zeigen, wie viele davon aus dem Jiddischen stammen.

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