Essen

Vier Tage durch die Stadt

Der Zugang zu Essens Rathaus, dem höchsten der Republik, liegt am Übergang zu einem Einkaufszentrum, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Rolltreppen führen zur Stadtbahn, alles ist laut und hektisch. Anton Tsirin, Ilja Abramovich, David Scherman und Niklas Rudik vom »Kibbuz Zentrum für Kunst, Kultur und Bildung« versuchen, gemeinsam mit Marilena Gehrke, der Lehrerin der 9. Klasse der Frida-Levy-Gesamtschule, 20 Jugendliche irgendwie dazu zu bringen, zusammenzubleiben – was ihnen trotz aller Ablenkungen gut gelingt.

Tsirin überreicht jedem der Kids eine Urkunde, denn sie haben an dem Projekt »Tourguide der Vergangenheit und Zukunft« teilgenommen. Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) schaut vorbei, spricht mit den Kindern und gibt ein Eis aus.

Startpunkt war der Essener Hauptbahnhof

Vier Tage lang sind sie auf einem eigens gewählten Weg durch ihre Stadt zu Orten gewandert, die sie sich selbst ausgesucht hatten. Startpunkt des Projekts war der Essener Hauptbahnhof. Von dort ging es zur Frida-Levy-Schule. Die Namensgeberin Frida Levy war Jüdin und Sozialdemokratin, wirkte auch in Essen, setzte sich besonders für Bildung und die Gleichberechtigung von Mädchen ein und wurde 1942 von den Nazis im Ghetto Riga ermordet.

Die Kids lernten, dass Essen einst die drittgrößte Synagoge Deutschlands beherbergte.

Von der Schule ging es zur Alten Synagoge. Dort lernten die Kinder, dass Essen einst die drittgrößte Synagoge Deutschlands beherbergte – ein bedeutender Ort für die Stadtgeschichte. Danach führte die Route weiter zum Essener Dom und zur Lichtburg. Viele wussten nicht, dass der Dom mehr als 1200 Jahre alt ist – das hat die Kinder beeindruckt. Auch die Lichtburg war für viele neu: das größte Kino Deutschlands in den 1920er-Jahren, betrieben von dem jüdischen Publizisten Karl Wolffsohn – ebenfalls Teil der Route.

Auch ein Besuch der Jüdischen Gemeinde stand auf dem Programm: »Dort haben sie respektvoll die Kippa getragen und viele Fragen gestellt«, sagte Anton Tsirin im Anschluss. Insgesamt zehn Orte in Essen wurden besucht, die sie interaktiv aufbereitet haben.

Initiiert wurde das von der »Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« (EVZ) unterstützte Projekt vom Essener Verein Kibbuz Zentrum für Kunst, Kultur und Bildung. »Wir gründeten den Verein am 14. Mai 2020 – mitten in der Corona-Zeit«, erinnert sich Anton Tsirin, der Beauftragte für Kunst und Kultur des Vereins. »Das war für uns auch ein bewusster Bruch mit der Isolation dieser Zeit. Unser Motto lautete damals: ›Ein Zuhause für dein Projekt‹. Wir hatten ein großes Netzwerk von motivierten Menschen, die uns kontaktierten, weil sie sich während der Pandemie langweilten und gern eigene Projekte realisieren wollten.«

Mehr als 40 Projekte wurden bereits verwirklicht

Seitdem wurden über 40 Projekte verwirklicht – teils eigene, teils Projekte aus dem Netzwerk. »Allein in den vergangenen fünf Jahren haben wir rund zehn Theateraufführungen organisiert«, sagt Tsirin. Bei der Zusammenarbeit mit der Frida-Levy-Schule sei es sowohl um Erinnerungskultur als auch um Zukunftsgestaltung gegangen.

»Natürlich spielte der jüdische Hintergrund eine Rolle – das lässt sich in Deutschland gar nicht ausklammern. Aber das war nicht der zentrale Fokus. Im Vordergrund stand vielmehr, dass sich die Kinder mit der Vergangenheit auseinandersetzen, die aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen in Essen verstehen – und erkennen, dass die Zukunft nicht einfach passiert, sondern gestaltet werden kann«, so Tsirin. Dafür brauche es Menschen, die bereit seien, Verantwortung zu übernehmen.

Anton Tsirin trägt seine Kippa offen – auch bei den Spaziergängen. An der Frida-Levy-Schule wurde er vor vier Jahren während eines Seminars bespuckt und antisemitisch beleidigt. Der Vorfall sei damals mit dem betreffenden Schüler aufgearbeitet worden.

Nun hat er mit der 9. Klasse ganz andere Erfahrungen gemacht: »Die Klasse war deutlich offener. Natürlich bringen viele Kinder Vorprägungen von zu Hause oder aus sozialen Medien wie TikTok mit – entsprechend zurückhaltend waren sie zunächst. Aber durch die intensive Arbeit in diesen drei Tagen, mit jüdischen Betreuern und mir sichtbar als jüdische Person im Stadtzentrum, haben sich viele Barrieren gelöst.« Ein Moment ist ihm in ganz besonderer Erinnerung geblieben: »Ich wollte im Stadtzentrum meine Kapuze aufsetzen, aber ein Schüler sagte: ›Nein, alles cool. Sie sind mit uns. Sie gehören zu uns.‹ Das war ein starkes Zeichen der Akzeptanz.«

Für die Schüler war es eine intensive Woche, Barrieren wurden gelockert.

Für Tsirin wie für die Schüler war es eine sehr intensive Woche. Manche seien begeistert gewesen, andere froh, dass es vorbei war. »Aber ich glaube, viele werden erst später wirklich verstehen, was sie da erlebt haben und wie besonders das war. Und zwar nicht nur für sie, sondern auch im größeren Zusammenhang. Denn wir alle – unabhängig von Herkunft oder Religion – leben zusammen in dieser Stadt. Unsere Aufgabe ist es, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.«

Und aus dieser Zukunft im Jahr 2045 schickte Essens OB eine Videobotschaft an die Schüler: »Ich wünsche mir, dass ihr in einem Essen lebt, das offen, gerecht und menschlich geblieben ist. Denkt daran: Wir müssen die Vergangenheit kennen, um die Zukunft zu gestalten – frei von Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus. Passt aufeinander auf, bleibt eine Gemeinschaft.«

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