Hamburg

Viel mehr als Klezmer

Was sich als Erfolgsrezept erwiesen hat, darf man durchaus wiederholen – vor allem deshalb, wenn es durch neue Formate und weitere Impulse erweitert wird. Das dachten sich wohl auch die Organisatoren der zweiten Jüdischen Kulturtage, zu denen die Jüdische Gemeinde der Hansestadt dieser Tage einlädt. Mahr als 40 Veranstaltungen stehen auf dem ambitionierten Programm, das am Dienstag begonnen hat und bis zum 14. Dezember andauert. Unterstützt werden die Kulturtage von der Hermann Reemtsma Stiftung, sie sollen Einblicke in die jüdische Kunst und Kultur, Musik und Film, Theater und Tanz sowie Bildende Kunst, Geschichte, Religion und Wissenschaft geben – in Vergangenheit, Gegenwart und natürlich auch in der Zukunft.

Das Ganze hat System. Alle sieben Sparten des Programms spiegeln das reiche Erbe des Hamburger Judentums wider. In einer von dem Designer Oliver Hahn entworfenen Menora, die zugleich eine Hommage an den expressionistischen Maler Wassily Kandinsky darstellt, soll das ebenfalls farblich zum Ausdruck kommen. Auf diese Weise, so die Hoffnung der Macher, soll dem Dialog zwischen den Kulturen und Religionen, zwischen Juden und Nichtjuden, neuer Schwung verliehen werden.

»Viele Künstlerinnen und Künstler haben schon angefragt, ob sie beim nächsten Mal wieder mit dabei sein können«, hatte Koordinatorin Elisabeth Friedler, Kulturreferentin der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, bereits nach der Premiere des Formats vor knapp zwei Jahren berichten können. Jetzt also geht es in die zweite Runde – wieder mit vielen bekannten Namen.

Ein weiterer prominenter Name ist Zeruya Shalev

Einer davon ist der Film- und Fernsehschauspieler Roman Knižka, der am 6. Dezember mit dem Ensemble Opus 45 unter dem Leitspruch »Ich hatte einst ein schönes Vaterland« von Heinrich Heine im Rolf-Liebermann-Studio des NDR gastiert. Knižka selbst wird dann Texte unter anderem von Mascha Kaléko, Rahel Varnhagen und Moses Mendelssohn rezitieren. Musikalisch wird dies umrahmt mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy, Pavel Haas und Alexander Zemlinsky.

Ein weiterer prominenter Name ist Zeruya Shalev. Die israelische Schriftstellerin liest am 2. Dezember im Lichthof der Staats- und Universitätsbibliothek aus ihrer jüngsten Erzählung »Wer ist Dir gestorben, Rachel?« sowie aus ihrem neuesten Roman Schicksal.
Auch der Autor Dmitrij Kapitelman konnte für eine Lesung bei den Kulturtagen gewonnen werden, und zwar im Rahmen des »Weihnukka-Abends« am 8. Dezember im Institut für die Geschichte der deutschen Juden in der Staats- und Universitätsbibliothek. Konzipiert ist dieser als eine Synthese zweier Feste der jüdischen und der christlichen Tradition.

Überhaupt nehmen Lesungen diesmal einen breiten Raum ein. Thomas Sparr präsentiert im Gespräch eine Biografie über Amos Oz, und Silja Behre stellt ihr Buch Ephraim Kishon – Ein Leben für den Humor vor. Dabei fragt sie, warum Kishon ausgerechnet in der alten Bundesrepublik so erfolgreich war. Ein weiterer Höhepunkt dürfte das Konzert des international gefeierten Klezmer-Ensembles Dobranotch am 10. Dezember im St. Pauli-Bunker sein, und zwar mit Unterstützung des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Jetzt geht es in die zweite Runde – wieder mit vielen bekannten Namen.

Mit Konzerten in mehr als 20 Ländern und zehn Alben steht die Gruppe für lebendige jüdische Musiktradition mit jüdischen Liedern auf Russisch, Jiddisch und Hebräisch, mit aschkenasischen Freylekhs und chassidischen Nigunim. Thematisch hochaktuell ist die Lesung Die Suche der Töchter. Kronheims Zeiten von Frank A. Stern und seiner Tochter Tamara Stern am 27. November in der Talmud-Tora-Schule am Grindelhof. Dabei kommen deutsch-jüdische Lebenserfahrungen aus der Vergangenheit zur Sprache, aber auch aus der Gegenwart.

Gleich zu Beginn des Festivals am 8. November bringt das Duo Leonore von Falkenhausen und Georg Thauern mit Chor und Orchester die jiddisch-hebräische Oper Di viderbagegenish (Die Wiederbegegnung) des Komponisten und Musikwissenschaftlers Jean Goldenbaum und des Literatur-Nobelpreisträgers Isaac Ba­shevis Singer auf die Bühne, und zwar in den Rolf-Liebermann-Studios im einstigen jüdisch-liberalen Tempel an der Oberstraße.

Zugleich ist die Oper der Auftakt zu den Gedenkveranstaltungen zur Pogromnacht vom 9. November 1938, darunter die Lesung Zufall, Überlebenswille und Mut, die auf der Biografie von Lucille Eichengreen, einer nach Lodz deportierten Hamburgerin, beruht. Die große Gedenkfeier unter dem Motto »Tot sind nur die, die man vergisst« der Jüdischen Gemeinde und der Stiftung Bornplatzsynagoge findet um
17 Uhr auf dem Joseph-Carlebach-Platz statt, dort, wo einst die Bornplatzsynagoge stand – und bald auch wieder stehen soll.

Jiddisch nimmt viel Raum im Programm ein

Wie in der Oper zu Beginn der Kulturtage nimmt Jiddisch viel Raum im Programm ein, beispielsweise im Stadtrundgang »Jiddisch in Hamburg« oder einem »Schnupperkurs Jiddisch«, in dem der Reichtum, die Wandlungsfähigkeit und der Einfluss dieses Idioms gezeigt werden soll. Zudem ist ein Jubiläumskonzert mit dem Titel Tsuzamen – Di gantse  velt iz a teater anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Salomo-Birnbaum-Gesellschaft mit dem Duo Morgenstern, dem Duo Mandos & Kaatz und dem Ensemble A Mekhaye geplant.

Einblicke in das aktuelle jüdische Leben in Hamburg vermitteln Rundgänge und Besuche, unter anderem in der Synagoge Hohe Weide, dem Betty-Heine-Saal der Reformsynagoge, dem Ida-und-Richard-Dehmel-Haus oder dem Museum der Bildungsstätte Israelitische Töchterschule und über den historischen jüdischen Friedhof Königstraße in Hamburg-Altona mit sefardischen und aschkenasischen Gräbern. Ferner sollen historische Stadttouren die Geschichte der Fußballvereine HSV und St. Pauli in der Zeit des Nationalsozialismus vermitteln.
Mit Kafka’s Last Trial des israelischen Regisseurs Eliran Peled, der den Streit um den Nachlass des Schriftstellers im Besitz seines früheren Freundes Max Brod zum Gegenstand hat, kommt auch das Genre Film nicht zu kurz.

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