Die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) hat auch in diesem Jahr wieder zu einer Feier anlässlich von Jom Haazmaut geladen, dem israelischen Unabhängigkeitstag. Während man in Israel selbst den Tag bevorzugt mit Picknick und Grillen im Freien genießt, wurde heuer der Geburtstag des Staates wieder mit Buffet und Musik im Hubert-Burda-Saal gefeiert.
Automatisch stellte die gute Stimmung sich dabei nicht ein. Seit jeher, und ganz besonders seit dem 7. Oktober 2023, ist die Freude des Unabhängigkeitstags überschattet von der Trauer um die Gefallenen und Opfer von Terror. Ganz ausdrücklich erinnern daran der Staat Israel und die jüdische Gemeinschaft in aller Welt am Vortag, dem Jom Hasikaron.
Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG, begann den Festabend daher mit einer Schweigeminute. Wohl kaum ein Land sah sich nach seiner Gründung einem vergleichbaren Widerstand und Hass ausgesetzt, lebte derart prekär in ständiger Bedrohung durch seine Nachbarn und unter so kritischer internationaler Beobachtung. Verlieren sich Nationalfeiertage anderswo im Rituellen, so sind an Jom Haazmaut stets noch der Kraftakt, die Willensstärke und der Stolz zu spüren, die Israel gemeinsam am Leben erhalten.
Auf den Stolz ging Charlotte Knobloch besonders ein. »Wir sagen es ganz deutlich«, unterstrich sie in ihrer Begrüßung, »wir sind stolz auf Israel, das sich und seine Bürger schützt. Stolz auf einen Staat, der in 78 Jahren seit seiner Gründung Unglaubliches geleistet hat. Wir sind stolz darauf, dass ein jüdischer Ort auf dieser Welt geschaffen, befestigt, erbaut und verteidigt wurde.«
»Wir sind stolz auf Israel, das sich und seine Bürger schützt.« Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG
Besorgt zeigte sich die Präsidentin angesichts des andauernden Krieges mit dem Iran und der schweren Last, an der Israel weiterhin trage: »Es betrübt uns, dass Israel nicht so feiern kann, wie es das eigentlich will. Die Menschen in Israel können bis heute nicht in dem Frieden leben, den sie sich so sehr wünschen.« Das aber, so erklärte Knobloch mit Nachdruck und sprach damit gewiss vielen im Saal aus der Seele, »ist nicht Israels Schuld. Es bleibt unsere Pflicht, diese einfache Tatsache wieder und wieder nach außen zu tragen.«
Die Präsidentin prangerte das Gewirr von Halbwahrheiten und Desinformationen an, welche über das Land verbreitet würden, und betonte die »Kraft der Fakten«, die der Polemik und Propaganda gegenübergestellt werden müssten. Israel sei schließlich eine »Notwendigkeit, ein Wunder und ein Glück für diese Welt«.
IKG-Geschäftsführer Steven Guttmann verband in seiner Moderation die Feier des modernen Staats, in dem Hebräisch zur Alltagssprache werden konnte, mit der langen Geschichte der hebräischen Literatur: Sowohl in einem Gedicht der Pionierin der modernen hebräischen Lyrik, Lea Goldberg, als auch in den mittelalterlichen Versen von Yehuda Halevi fand er dabei Hoffnungen ausgedrückt, die auch die heutigen jüdischen Menschen innerhalb und außerhalb Israels bewegen würden.
Die israelische Gesellschaft beweise einmal mehr ihre Fähigkeit zu enormer Resilienz
Nachdem sich die Gäste am vom Gemeinderestaurant Einstein bereitgestellten Buffet voller israelischer Köstlichkeiten bedient hatten, ging im Keynote-Vortrag des Abends die Politanalystin und Kommunikationsberaterin Melody Sucharewicz auf die politische Situation Israels im internationalen Kontext ein. »Der erste Jom Haazmaut wurde im Krieg gefeiert«, führte sie dabei aus, »der heutige in einem Kriegszustand. Und dazwischen war nie wirklich Frieden.«
Trotzdem habe Israel seither in Wirtschaft, Wissenschaft und vielen anderen Bereichen Erstaunliches erreicht, wobei die Zahl der Erfindungen und Errungenschaften weiter stetig anwachse. Sie kritisierte zugleich, dass im aktuellen Konflikt der apokalyptische und mörderische Charakter des iranischen Regimes in der hiesigen Debatte zu bereitwillig ausgeblendet und damit auch die Bewertung des Krieges sachlich beeinträchtigt werde. Die israelische Gesellschaft auf der anderen Seite beweise einmal mehr ihre Fähigkeit zu enormer Resilienz.
Melody Sucharewicz ging auf die politische Situation Israels ein.
Kantor Tzudik Greenwald trug an diesem stimmungsvollen Abend außerdem das Gebet für den Staat Israel, »Avinu Schebaschamajim«, in der bekannten Vertonung von Sol Zim vor. Greenwalds kraftvolle Stimme machte das Mikrofon geradezu überflüssig, regte er doch noch die Gäste in der letzten Reihe zum Mitsingen an. Auch den Klassiker »Jeruschalajim schel Sahav«, im deutschsprachigen Raum vor allem als »Jerusalem of Gold« bekannt, musste Greenwald nicht ohne Unterstützung des Publikums intonieren.
Im weiteren Verlauf des Abends übernahm schließlich die Noya International Showband gemeinsam mit dem israelischen Sänger Imri Ziv, der beim Eurovision Song Contest 2017 für Israel angetreten war, das musikalische Programm. Nach Zivs Darbietung der israelischen Nationalhymne, der »Hatikva«, war das Tanzparkett für die vielen Feierfreudigen freigegeben.