Geburtstag

Andreis Glück

Andrei Moiseenkow Foto: picture alliance / newscom

Eine karge Küche mit Gasherd, das Teewasser dampft. Brot, Milch, Butter. Andrei Iwanowitsch bereitet sein Frühstück vor, es laufen Nachrichten eines belarussischen Senders. Ein Blick aus dem Fenster auf kahle Birken und parkende Autos, auf der Straße ist noch niemand zu sehen.

»Mein Name ist Andrei Iwanowitsch Moiseenkow. Ich wurde am 1. Mai 1926 geboren, in der Ukraine in der Oblast Czernowitz unweit der Städte Konotop und Bachmatsch, wenn Sie sich für Geografie interessieren.« So beginnt der Film von Hannes Farlock, der zum 90. Geburtstag des ukrainischen Zeitzeugen in die Kinos kam. Von leicht zitternder Hand fließt das heiße Wasser auf den Teebeutel in einem alten Senfglas. Die Zärtlichkeit und der ruhige Fluss der Stimme des Mannes nehmen den Zuhörer gefangen.

Seit 1945 lebt Moiseenkow in Minsk. Dort schloss der damalige 19-Jährige zunächst die 10. Klasse ab, denn weiter als bis zur siebten war er vor dem Zweiten Weltkrieg nicht gekommen. Im Alter von 15 Jahren wurde er zur Zwangsarbeit nach Leipzig verschleppt. Er arbeitete bei der HASAG, dem größten Rüstungsbetrieb Sachsens, in der Produktion und wurde später in ein Ersatzteillager versetzt. Als er verdächtigt wurde, Anführer einer Gruppe junger Aufständischer zu sein, kam er in ein Gestapo-Gefängnis in Leipzig und wurde letztlich im Mai 1944 ins KZ Buchenwald deportiert, wo er in einem Steinbruch arbeiten musste.

Vor zehn Jahren entstand der Dokumentarfilm über sein Leben und seine Geschichte. Jetzt wird Moiseenkow 100 Jahre alt. Der Film erzählt davon, wie er die Schoa überlebte. Wie in den Nachkriegsjahren fast alle seine Familienangehörigen starben.

Unermüdlich erzählt er seine Geschichte, hört zu, besichtigt, staunt, lacht und tanzt.

Und er erzählt davon, dass er nie aufgab. Es ist ein Film über die ungebrochene Heiterkeit eines Menschen, der Schlimmstes erlebt hat und dennoch »jedem Menschen, jedem Tag mit großer Neugier begegnet – leidgeprüft, aber nicht verbittert«, so der Filmemacher, der ihn ein Jahr mit der Kamera begleitet hat. »Ich wollte Andrei mit dem Thema nicht quälen. Ich wollte etwas schaffen, das nah am Leben ist – etwas, das Andreis heiteren Geist widerspiegelt«, sagt der Regisseur Hannes Farlock.

Aus diesem Film heraus entsteht ein zweiter: Alles, was ich immer wollte, war alles. »Auf der Tour zeigen wir einen Trailer und suchen Partner für Produktion, Förderung und Auswertung«, heißt es auf der Website »Andrei wird 100«. Denn seit Anfang April befindet sich Moiseenkow auf einer Deutschlandtournee – trotz seines hohen Alters.

Von Weimar über die Gedenkfeier in Buchenwald zu Filmvorführungen in Berlin, Leipzig, Zwenkau, Dresden, Chemnitz, Hoyerswerda oder Bautzen zurück zur Geburtstagsmatinee im Deutschen Nationaltheater in Weimar. Fünfzehn Stationen in nicht einmal vier Wochen, das wäre auch für bedeutend Jüngere ein Marathon. Unermüdlich erzählt er seine Geschichte, hört zu, besichtigt, staunt, lacht und tanzt. Stets trägt er ein Baseballcap, wird fotografiert, begrüßt, umarmt. Filmemacher Hannes Farlock arbeitete seinerzeit als Freiwilliger der Geschichtswerkstatt in Minsk, die sich um ehemalige Zwangsarbeiter kümmert. Dort engagiert sich Moiseeinkow, und er ist unter anderem Aktivist des »Clubs der Liebhaber der deutschen Sprache«. So hatten sich die beiden damals kennengelernt.

Im Trailer zum neuen Film von Hannes Farlock und Hendrick Hillebrecht singt Andrei, nun schon fast hundertjährig, am DJ-Pult eines Clubs zum Beat.

»Er ist ein bemerkenswerter Mensch. Er arbeitet viel körperlich und rennt herum wie ein junger Kerl«, erzählt die Lebensgefährtin dem Filmemacher beim gemeinsamen Geburtstagskuchen und einem Gläschen, »er ist immer aktiv«. 18 Jahre haben sie zusammen gearbeitet, er war Abteilungsleiter. Und seit zehn Jahren sind sie zu diesem Zeitpunkt ein Paar. Jeden Tag fährt er Fahrrad.

Die Kamera begleitet ihn in der S-Bahn, im Zug, auf langen Wegen zu Fuß. »Sieh, heute lebst du, existierst, und morgen schon gibt es dich nicht mehr. Ich hatte ein sehr schweres Leben. Bis zum heutigen Tag. Meine Kindheit in irgendeinem Dorf erscheint mir jetzt so grau und arm«, erinnert sich Andrei.

Früh verlor er seine Mutter. Sein Vater fiel 1941 im ersten Kriegsjahr nach dem deutschen Überfall. Bald darauf besetzte die Wehrmacht die Ukraine und Andrei wurde mit knapp 16 Jahren zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. »Ich hatte, bis ich 14 Jahre alt war, noch nicht einmal eine Eisenbahn gesehen.« Auf die Zwangsarbeit folgte das KZ, Andrei wurde der Gefangene 19852. »Alle, die du liebst, sterben. Deine Frau, dein Sohn. Die Einsamkeit holt uns alle zu einer Zeit des Lebens ein.« Nach der Befreiung diente er sechs Jahre in der sowjetischen Armee. Neben der Arbeit in einem Baukombinat und einem Konstruktionsbüro holte er seine Schulbildung nach und studierte.

Er arbeitete über 40 Jahre als Projektingenieur in Minsk. Neben der Geschichtswerkstatt in Belarus reist er bis heute für Zeitzeugengespräche nach Deutschland, insbesondere nach Sachsen und Thüringen, um jungen Menschen und Schülern von seinen Erfahrungen zu berichten. In Belarus gilt er heute als der letzte Überlebende der Schoa. Allein in Deutschland lief die Dokumentation in 120 Kinos und Schulen.

Im Trailer zum neuen Film von Hannes Farlock und Hendrick Hillebrecht singt Andrei, nun schon fast hundertjährig, am DJ-Pult eines Clubs zum Beat und auf der Straße zu Hardrock-Klängen. Mit 98 Jahren bereiste Andrei noch einmal Asien, besichtigte Orte, von denen er immer geträumt hatte. Er sah Tokio, den Fujiyama, Hiroshima. Darüber berichteten die japanischen Abendnachrichten: »Es ist kalt, aber das stört ihn nicht. Er betete für die vielen Seelen derer, die am Ende des Krieges von einer einzigen Waffe getötet wurden.«

Mit 98 bereiste er Asien, Orte, von denen er immer geträumt hatte. Er sah Tokio, den Fujiyama.

Im dortigen Peace Memorial Museum trifft er auf Jugendliche und Studenten. Er sagt: »Niemand sollte einem anderen etwas antun, das ihn verletzt. Wenn wir diesem Prinzip folgen, wird das Leben für jedermann gut sein.« Am Tag der Arbeit nun sind die Bürgerinnen und Bürger Weimars, dessen Ehrenbürger Andrei ist, zur öffentlichen Geburtstagsfeier ins Deutsche Nationaltheater Weimar (DNT) eingeladen. Weitere Gastgeber sind die Gedenkstätte Buchenwald und das Museum Zwangsarbeit, die Stadt Weimar sowie Regisseur Hannes Farlock. Filmausschnitte, Musik und eine Diskussionsrunde mit Andrei und seinen Wegbegleiterinnen und -begleitern sowie Gratulanten aus Kultur und Gesellschaft werden noch einmal Stationen seines Lebens beleuchten, moderiert von dem Filmkritiker, Drehbuchautor, Regisseur und Moderator Knut Elstermann.

»Ich hatte Glück«, sagt Andrei Iwanowitsch Moiseenkow auch. »Glück, bevor ich nach Buchenwald kam. Glück, als ich nach Buchenwald kam. Mein Schutzengel beschützt mich bis zum heutigen Tag.«

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