Porträt

An der Basis

»Seit mir meine Großmutter einen Davidstern geschenkt hat, trage ich ihn öffentlich«: Lea Rosenberg (50) lebt in Gießen und Frankfurt.

Porträt

An der Basis

Lea Rosenberg setzt sich beim Paritätischen Wohlfahrtsverband für Geflüchtete ein

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.05.2026 16:30 Uhr

Meine Arbeit als Fachreferen­tin für Migration, Flucht und Asyl beim hessischen Paritätischen Wohlfahrtsverband wird nie langweilig, denn mein Themengebiet ist total vielfältig. In der einen Woche führe ich Gespräche mit Vertreterinnen von Ministerien für Migration und Flüchtlingsarbeit über zentrale Fragen der Integration. Themen, die für Geflüchtete in unseren Mitgliedsorganisationen sehr wichtig sind. In der Woche darauf organisiere ich im Bündnis mit anderen Organisationen Veranstaltungen, wie unlängst einen großen Fachtag beim DGB in Frankfurt.

Der stand unter dem Motto »Bildung statt Abschiebung«. Es sind 120 Menschen zusammengekommen. Ich vertrete dort meinen Arbeitgeber in der Zusammenarbeit mit solchen Trägern wie der Diakonie, dem Hessischen Flüchtlingsrat, dem Landesausländerbeirat und der Schülerinnenvertretung in Hessen. Auf diesem Fachtag habe ich einen Workshop gehalten. Das passiert natürlich nicht jede Woche, weil es ja auch sehr anstrengend ist. Generell aber bin ich mit den verschiedenen Mitgliedsorganisationen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in einem ständigen Austausch.

Ich stelle auch digitale oder physische Räume zur Verfügung

Bei uns sind ungefähr 800 gemeinnützige Vereine oder eGmbHs Mitglied. Das reicht vom Kinderschutzbund über Pro Familia bis zum Arbeiter-Samariter-Bund. Und diejenigen, die im Bereich Migration und Flüchtlinge tätig sind, bekommen von mir als der zuständigen Fachreferentin jeweils eine individuelle Beratung. Oder wir suchen gemeinsam nach Problem­lösungen. Das betrifft etwa Migrationsberatungsstellen oder die soziale Betreuung in Flüchtlingsunterkünften. Ich stelle auch digitale oder physische Räume zur Verfügung, wo sie sich über bestimmte Themen oder Probleme, die momentan auf diesem Gebiet herrschen, untereinander austauschen können.

Da meine Mutter sehr früh erkrankt ist, bin ich zu meinen jüdischen Großeltern gekommen.

Darüber hinaus betätige ich mich aber auch ehrenamtlich in diesem Bereich. In regelmäßigen Abständen bin ich dann im Frankfurter Rechtshilfekomitee. Das ist ein Verein, der jeden Dienstagabend von 18 bis 20 Uhr in einer Frankfurter Kirche eine offene Sprechstunde abhält. Da kann jeder oder jede hinkommen, die als selbst betroffene Person eine Frage hat. Das ist nicht nur für Flüchtlinge. Es kommen auch EU-Bürger, die ein Problem mit der Ausländerbehörde haben. Die Beratung macht immer ein Tandem, bestehend aus einem Rechtsanwalt oder einer Rechtsanwältin im Bereich Migrationsrecht und einer Person aus einer NGO, wozu auch ich zähle.

Man muss sich das so vorstellen: Die Ratsuchenden kommen herein und schildern spontan ihr Anliegen, manchmal mit Unterlagen, oft aber auch ohne. Gemeinsam wird dann überlegt, wie am besten geholfen werden kann – mit Informationen und konkreten Ratschlägen. Im nächsten Schritt stellt sich die Frage, ob eine anwaltliche Unterstützung erforderlich ist oder ob es genügt, in klaren, einfachen Worten einen Brief an die Behörde zu formulieren.

Durch diese ehrenamtliche Tätigkeit bin ich in direktem Kontakt mit geflüchteten Personen. Das halte ich für sehr wichtig für meinen Job beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Ganz sicher, davon bin ich wirklich überzeugt, könnte ich meine hauptamtliche Arbeit nicht so gut machen, wenn ich nicht solche Ehrenämter wie das beim Frankfurter Rechtshilfekomitee hätte. Es liegt mir sehr am Herzen, die Arbeit an der Basis noch selbst zu machen.

Ich bin die Tochter eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter. Da meine Mutter sehr früh ernsthaft erkrankt ist, bin ich zu meinen jüdischen Großeltern gekommen. Sie hatten nicht nur drei Söhne großgezogen, wovon mein Vater der mittlere ist, sondern sich auch um Kinder von Angehörigen gekümmert, die während der Schoa oder in deren Folge gestorben waren. Sie sind also sehr kinderfreundlich gewesen und haben sich gefreut, als ich noch im Säuglingsalter zu ihnen gekommen bin. Mit diesem jüdischen Familienhintergrund bin ich in Gießen aufgewachsen.

Insbesondere zu meiner Großmutter Elisabeth Rosenberg hatte ich ein geradezu symbiotisches Verhältnis, wir waren unzertrennlich. Sie war nicht nur in der Familie die Chefin, sondern auch in den Tanzlokalen, die meine Großeltern in Gießen betrieben. Ich würde sagen, dass sie eine Feministin war, ohne dass sie sich selbst so bezeichnet hätte.

Als Kind habe ich ihn nachts manchmal aufschreien hören

Mein Großvater war ein polnischer Jude, der mit seinen Brüdern das Warschauer Ghetto überlebt hatte. Er sprach nicht gern und auch nicht viel über diese Zeit. Ich erinnere mich aber, dass er mir mal erzählte, dass er im Ghetto die Leichen der Verhungerten auf eine Karre packen und zu bestimmten Plätzen bringen musste. Später war es ihm gelungen zu fliehen, bevor die Nazis das Ghetto niedermachten. Im Osten wurde er dann von den Russen gefangengenommen. Sie glaubten, er sei ein deutscher Spion, und steckten ihn in ein Arbeitslager. All diese Erlebnisse führten dazu, dass er auch Jahrzehnte später noch Alpträume hatte. Als Kind habe ich ihn nachts manchmal aufschreien hören.

Meine Großmutter wiederum war von nichtjüdischen Bekannten ihrer Familie im Neandertal versteckt worden. Viel mehr hat sie über diese Zeit nicht erzählt. Nach dem Krieg kam sie nach Gießen und machte auf dem Schwarzmarkt mit den amerikanischen Soldaten Geschäfte.

Inzwischen war mein Großvater von den Russen an die Amerikaner übergeben worden und landete in einem DP-Camp in Wetzlar. Er kam schließlich auch nach Gießen und machte ebenfalls mit den GIs Geschäfte. Quasi auf dem Schwarzmarkt lernte er meine Großmutter kennen, und die beiden heirateten. Zufällig waren beide jüdisch. Sie wanderten Ende der 40er-Jahre nach Israel aus, wo bereits Brüder meines Großvaters lebten. Dort gab es nochmal eine Hochzeit unter der Chuppa.

Zu großen Festen wie Chanukka oder Purim ging ich mit meinen Großeltern in die Jüdische Gemeinde.

Nach einer Weile gingen sie nach Gießen zurück und bauten sich hier eine Existenz auf. Ich erinnere mich sehr gern an unsere gemeinsamen Israel-Reisen zur Familie meines Großvaters, als ich ein Kind war und auch später. Wir wohnten dann immer bei einem Onkel und seiner Frau in Bat Yam südlich von Tel Aviv. Auf der Suche nach Details unserer Familiengeschichte werde ich zwei Cousins meines Vaters in Israel besuchen, die von ihrem Vater, dem Bruder meines Großvaters, eine Menge erfahren haben.

Obgleich meine Großeltern überwiegend säkular lebten, besuchte mein Großvater gelegentlich die Gottesdienste, um seine jüdischen Freunde zu treffen. Dazu muss man wissen, dass es in Gießen zwar in den 80er-Jahren ein Gemeindezentrum, aber sehr lange noch keinen Synagogenbau gab. Zu großen Festen wie Chanukka oder Purim ging ich mit meinen Großeltern in die Jüdische Gemeinde, aber religiös gelebt haben sie ansonsten nicht.

Trotzdem habe ich mich als Kind immer als Teil der jüdischen Community verstanden. Sicher auch deshalb, weil wir viel bei der Familie in Israel waren, wo ich mich zu Hause fühlte.

Ich trug den Magen David auch vor der Kamera

Gegenüber meinen Mitschülerinnen habe ich nie verschwiegen, dass ich aus einer jüdischen Familie komme. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen, weil die Familie Rosenberg durch die Tanzlokale in Gießen stadtbekannt war. Seit meine Großmutter mir als junges Mädchen einen Davidstern geschenkt hat, trage ich ihn öffentlich. Als ich unlängst in meiner Eigenschaft als Expertin im Bereich Migration, Flucht und Asyl in die ZDF-Sendung »Volle Kanne« eingeladen war, trug ich den Magen David auch vor der Kamera.

Meiner Großmutter habe ich es zu verdanken, dass ich Abitur machen konnte. Sie selbst durfte nur sechs Jahre zur Schule gehen und hat Wert darauf gelegt, dass ich eine gute Schulbildung bekomme und studiere. Das habe ich an der Uni in Gießen auch getan: Politikwissenschaften und Geschichte. Damit bin ich die Erste in unserer Familie, die ein abgeschlossenes Studium hat.

Ich bin sehr froh, dass meine Großmutter das noch erlebt hat. Damit war nach ihrer berechtigten Ansicht die Voraussetzung gegeben, dass ich mich selbst ernähren kann und von keinem Mann abhängig sein muss. Nach meinem Studium habe ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni gearbeitet, bis ich dann zum Paritätischen Wohlfahrtsverband nach Frankfurt gewechselt bin.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg.

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