Marian Wajselfisz (88), Berlin
Tag und Nacht werde ich die WM verfolgen. Leider nur am Fernseher. Achtmal bin ich zu den Austragungsorten gereist, unter anderem nach England, Mexiko und Argentinien. 1998 fuhren mein Sohn und ich nach Frankreich, um die Spiele zu sehen, 2006 war die WM endlich wieder in Deutschland. Wir folgten den Fußballern nach Hamburg, Gelsenkirchen und ins Berliner Olympiastadion.
Bei der vergangenen WM gewann Argentinien, und da ich nach der Schoa einige Jahre in dem Land lebte, drücke ich den Südamerikanern die Daumen.
Als ich 1970 zurück nach Berlin kam, war ich Diskothekenbesitzer und wurde gefragt, ob ich die Fußballabteilung bei Makkabi leiten könnte. Ich zögerte keine Sekunde. Seitdem weiß ich, wie schwer so etwas ist. Aber ich habe nie für Makkabi gekickt, sondern nur in der Fußballmannschaft von Rolf Eden.
Ich wurde in Warschau geboren, überlebte das Ghetto Otwock, konnte als Vierjähriger mit meiner Familie fliehen und harrte zwei Jahre versteckt in einem Keller aus, bis wir von der Roten Armee befreit wurden. Schließlich gingen wir nach Deutschland. Später emigrierte ich für einige Jahre nach Argentinien.
Marik Wainstejn (58), Berlin
Wenn man Fußball spielt, kann man alle Sorgen und Probleme vergessen. Dann ist man begeistert und gut gelaunt. Man lernt, mit einem verlorenen Spiel umzugehen, und freut sich über einen Sieg. Jeder kämpft auf dem Spielfeld für den anderen. Das mag ich an dem Sport.
Nun steigt die Freude: Die WM verbindet Menschen aus verschiedenen Ländern. Gemeinsam ist allen, dass sie spätestens beim Anpfiff ihren Alltag hinter sich lassen. Auch wir Israelis werden unsere Sorgen vorübergehend vergessen und uns begeistern lassen.
Mit zwölf Jahren fing ich an, Fußball zu spielen. Als ich älter war, stand ich für die erste Makkabi-Mannschaft auf dem Platz, dann für die zweite und schließlich für die Seniorenmannschaft. Ab 35 Jahren zählt man dazu. Zwischendurch war ich auch Jugendtrainer und Vorstandsvorsitzender.
Heute spiele ich nicht mehr Fußball. Nach der letzten Partie hatte ich drei Tage lang starke Schmerzen. Da wusste ich, dass ich mir einen anderen Sport suchen muss, und bin beim Beachvolleyball gelandet. In Tel Aviv spiele ich am Strand auch gern Beachsoccer.
Mein Favorit: Argentinien.
Ilana (31), Köln
Wenn ich an einem Kiosk Panini-Sammelbilder für die Fußball-WM sehe, dann kaufe ich sie hin und wieder für meine jüngeren Cousins, die eifrige Sammler sind. Meine Familie ist sehr sportaffin. Als Mädchen habe ich getanzt und war in der Leichtathletik aktiv. In der Schule fiel ich auf, weil ich sehr schnell war. Meine Klasse war damals sehr jungenlastig. Die Jungs überredeten unseren Sportlehrer, mich in ihrer Fußballmannschaft mitspielen zu lassen. Jahrelang, bis zur zehnten Klasse, war ich das einzige Mädchen, das mit ihnen kickte. Es gefiel mir so gut, dass ich als Teenager ab und zu bei einer Frauenmannschaft in Mönchengladbach mitspielte. Doch dann lockten mich andere Sportarten: Schwimmen, Jazzdance, CrossFit, Tennis, Basketball, Krav Maga und jetzt Padel und Karate. Ich schaue Fußballspiele im Fernsehen – wenn überhaupt – nur mit meinem Opa. Ich bevorzuge Zusammenfassungen. Mein Sieger im Herzen wird Deutschland, aber wahrscheinlich sind Frankreich oder Spanien stärker.
Roman Wolfson (54), Baden-Baden
Als Kind bin ich oft mit meinem Vater in Wolgograd ins Stadion gegangen, um die Spiele zu sehen. Die Atmosphäre gefiel mir. Ich wurde Fan der Mannschaft Rotor Wolgograd. Sie gehörte in den 90er-Jahren zu den Spitzenclubs der jeweils höchsten russischen Liga und wurde zweimal russischer Vizemeister.
Seitdem mochte ich diesen Sport. Lange Zeit trainierte ich dreimal pro Woche und war schon etwas professionell dabei. Doch mit 16 Jahren war Schluss. Ich hatte mich entschieden, zum Militär zu gehen. Aber mein ganzes Leben verfolge ich die Europa- und Weltmeisterschaften. Seitdem ich in Deutschland lebe, schaue ich mir auch die Bundesliga an.
Noch immer mag ich die Stadion-Atmosphäre. Neulich war ich bei der Partie Hoffenheim gegen Mönchengladbach, da habe ich jede Sekunde genossen.
Da ich im Nachtdienst arbeite, weiß ich noch nicht, welche Partien ich mir bei der WM überhaupt anschauen kann. Mein Favorit: Deutschland.
Zachary (9), Frankfurt am Main
Bei uns zu Hause liegen überall Bälle herum, es sind mindestens zehn. Natürlich kicken meine zwei Brüder und ich sie viel. In meiner Makkabi-Mannschaft bin ich defensiver Mittelfeldspieler. Bisher trainiere ich zweimal die Woche, künftig aber dreimal. Dazu kommt das Konditionstraining.
Noch trainiert uns mein Vater, der einsprang, als dringend ein Trainer gesucht wurde. Ich finde das super. Mit unseren Eltern haben wir einen kleinen Wettkampf am Laufen: Jedes Jahr zum Geburtstag rennen wir 50 Meter gegen meinen Vater.
Bisher gewann immer er den Sprint, aber ich freue mich auf den Tag, an dem ich schneller bin als er. Vielleicht schafft es Deutschland, die WM zu gewinnen? Aber auch Frankreich ist stark.
Yehuda Weltermann (60), Oldenburg
Freunde aus jüngeren Jahren, die hörten, dass ich inzwischen eine Jungs-Mannschaft trainierte, konnten sich das aufgrund meiner ungeduldigen Natur überhaupt nicht vorstellen. Doch sie irrten. Später übernahm ich eine Mädchen-Mannschaft. In den fast zwölf Jahren habe ich viel von den Spielerinnen gelernt, vor allem Geduld. Es war eine schöne Zeit für mich.
Ich führte außergewöhnliche Regeln ein. Jedes Mädchen, das zum ersten Mal ein Tor schoss oder Geburtstag hatte, musste einen Kuchen für alle backen. Die Zwölf- bis Dreizehnjährigen fanden das drollig. Spaß beiseite: Ich nahm meine Arbeit als Trainer sehr ernst. Wenn wir ein Spiel verloren, ging ich in unserer Küche fast die ganze Nacht auf und ab und grübelte darüber nach, woran es gelegen haben könnte. Ich kann nämlich nicht verlieren.
Mein jüngster Sohn ist schuld daran, dass ich überhaupt Trainer wurde. Wenn ich vor Jahren von der Arbeit nach Hause kam, musste ich in unserem Garten erst einmal 30 Bälle ins Tor schießen. Er war damals total fußballverrückt. Als seine Mannschaft einen Trainer suchte, sagte ich zu. Aber ich wollte die Aufgabe professionell angehen und machte gleichzeitig einen Trainerschein. Zu Hause studierte ich am Bildschirm das Spiel von Bundesligavereinen. Ich wollte wissen, wie sie taktisch vorgingen. Im Laufe der Zeit trainierte ich drei Mädchenmannschaften. Wenn die Spielerinnen 16 Jahre alt waren, gab ich die Mannschaft ab und arbeitete wieder mit jüngeren Jahrgängen. Die Trennung war für alle sehr schwer; da flossen schon mal Tränen.
Mit Corona kam für mich der Einbruch. Während der Pandemie konnten wir nicht in Präsenz trainieren, und irgendwie habe ich mich vom Trainerdasein entwöhnt. Außerdem werde ich nicht jünger. Also hörte ich auf. Meine Trainingsunterlagen kamen in einen Karton. Das war’s.
Einen Favoriten für die WM habe ich nicht.
Sharon Beck (31), Bremen
Mein Stiefvater trainierte früher eine Bambini-Mannschaft und nahm mich oft auf den Platz mit. Ich fand es schon als Dreijährige cool, dem Ball hinterherzurennen. Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass ich später Profi-Fußballerin werden würde. Fußball ist eine Mannschaftssportart, allein kann man nichts erreichen.
Genau das mag ich an diesem Sport. Ich habe im Laufe meiner Karriere für verschiedene Bundesligavereine gespielt, zuletzt bei Werder Bremen, und kam in Länderspielen sowie DFB-Pokalspielen zum Einsatz. Es erfüllt mich mit Stolz, für die israelische Nationalmannschaft zu spielen (22 Spiele/10 Tore). Das ist für mich etwas ganz Besonderes. Ein Traum würde für mich in Erfüllung gehen, wenn wir uns für die nächste WM qualifizieren könnten.
Mein Lieblingstrikot erinnert mich an unsere Partie gegen Estland in der UEFA Women’s Nations League, die wir gewinnen konnten. Ich war Top-Torschützin und konnte mit vielen Treffern dazu beitragen, dass wir aufstiegen.
Bei der vergangenen Frauenfußball-Weltmeisterschaft entwickelte sich ein richtiger Hype. Viele Menschen waren von unserem Spiel fasziniert. Doch ist die Begeisterung inzwischen wieder abgeflaut, was ich sehr schade finde. Schließlich trainieren wir mindestens genauso viel, wenn nicht sogar mehr als die Männer, und es wäre schön, wenn unser Einsatz entsprechend wertgeschätzt würde.
Bei der Maccabiah, die im Juli in Israel stattfindet, möchte ich dabei sein. Zur Erholung gehe ich mit meinem Hund spazieren. Leider hatte ich nicht genug Zeit, viele Spiele der Männer zu verfolgen. Ich denke, dass Frankreich, Brasilien oder England gute Chancen haben, Weltmeister zu werden.
Chanan (46), Frankfurt am Main
Mit Fußball bin ich groß geworden, ich kickte bis in die A-Jugend. Aber nach dem Abitur bin ich ins Ausland gegangen, nach London, und der Sport wurde nebensächlich. 2015 kehrten wir bereits zu dritt nach Frankfurt zurück. Seit ich Vater von drei Jungs bin, gehe ich so oft ins Stadion wie nie zuvor.
Wir mögen die Atmosphäre, dazu gehören auch das Essen und Trinken und die Gummibärchen. Es ist natürlich auch ein Vater-Sohn-Ding. Als bei Makkabi händeringend ein Trainer für die Mannschaft meines mittleren Sohnes gesucht wurde, bin ich eingesprungen und habe die Gruppe übernommen.
Es macht mir sehr viel Spaß, diese »Chaostruppe«, wie ich sie liebevoll nenne, zu trainieren. Aber es ist mitunter auch anstrengend und zeitaufwendig. Das Training muss ja vorbereitet werden. Wir haben schon sehr viele Turniere bestritten. Unser schönster Erfolg war ein Turnier, das von Makkabi organisiert wurde, es hieß »Budenzauber«. Zehn Mannschaften traten an, und obwohl wir Außenseiter waren, schafften wir es bis ins Finale. Doch leider haben wir knapp verloren.
Nach dieser Saison höre ich allerdings auf, da ich es mir zeitlich nicht mehr leisten kann. Mein Nachfolger ist der jetzige Co-Trainer. Mein WM-Tipp: Deutschland.
Daniil Gubkin (26), Rostock
Vor ein paar Monaten habe ich einen Fußballclub gegründet, den FC International United. Wir kicken in der Uni-Liga in Rostock, wo ich studiere, um den ersten Platz. Mittlerweile gehören 25 Mitspieler dem Verein an. Einige kannte ich bereits, weitere wurden von Freunden mitgebracht. Gemeinsam haben wir sehr viel Spaß – und genau das steht im Vordergrund.
Für uns ist es die erste Saison. Gegen 15 Mannschaften wollen wir uns durchsetzen.
Mit fünf oder sechs Jahren habe ich im Fußballverein angefangen zu spielen. Ich war begeistert. Zehn Jahre später fand ich andere Sportarten spannender. Aber vor vier Jahren hat mich das Fußballfieber wieder erwischt. Ich bin in eine-n Verein zurückgekehrt und trainiere nun zweimal pro Woche. Dazu kommen Pflichtspiele in der Liga.
Ich mag den Teamcharakter. Gemeinsam feiern wir unsere Siege oder denken nach einem schlechten Spiel über unsere Fehler nach.
Mein WM-Favorit: Deutschland. Wahrscheinlich gegen Portugal im Endspiel.
Jeremy (11), Frankfurt am Main
Meine Lieblingsaufgabe auf dem Spielfeld: das eigene Tor sichern. Aber ich versenke auch gern den Ball im Tor oder stehe selbst im Kasten. Mir wird nachgesagt, dass ich über gute Reflexe verfüge, die ein Torwart ja braucht. Seit ein paar Jahren trainiere ich an zwei Nachmittagen bei Makkabi.
An den Wochenenden finden oft Turniere statt. Da bin ich manchmal aufgeregt, aber sie machen auch sehr viel Spaß. Die Schule war schuld, dass ich meine Begeisterung für den Fußball entdeckte, denn in den Pausen spielen wir bis heute immer auf einem kleinen Feld. Irgendwann beschloss ich, mehr daraus zu machen, und kam zu Makkabi. Glücklicherweise finden ein paar WM-Spiele in unseren Ferien statt. Die können wir uns dann anschauen. Mein Tipp für die WM: Deutschland.