Köln

Die Kraft des Schofars in der gegenwärtigen Weltlage

Virtuoser Hornist: Bar Zemach Foto: Blickauslöser

Köln

Die Kraft des Schofars in der gegenwärtigen Weltlage

Das Festival »Shalom-Musik.Koeln« geht in die vierte Auflage – und präsentiert erstmals ein Antilopenhorn

von Ulrike Gräfin Hoensbroech  15.06.2026 16:45 Uhr

Behutsam bläst Bar Zemach die Töne seines Schofars in den großen Gebetsraum der Synagoge. Das Klangbild gewinnt immer mehr an Volumen und verdichtet sich rasch zu der nicht nur in Köln bekannten Vereinshymne des einheimischen Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln.

Das eingängige Lied – ein traditioneller schottischer Song – bekommt bei der Aufführung in diesem musikalischen Gewand eine zutiefst be- und anrührende, beinahe spirituell anmutende Tiefe. Es sind solche Aufführungen und Interpretationen, mit denen der in Berlin lebende Hornist Bar Zemach eines der ältesten biblischen Instrumente populärer machen möchte. Wen wundert es, dass bei diesem geradezu unerhörten Hörerlebnis bereits bei der offiziellen Vorstellung des Programms für das Musikfestival »Shalom-Musik.Koeln« die Gäste ergriffen lauschten.

»Zuhören«: Das ist auch das Leitmotiv der Veranstaltung, die vom 1. bis 10. September die Vielfalt jüdischen Lebens musikalisch neu entdecken will. Schirmherr der nunmehr vierten Auflage dieses längst weit über Köln hinaus bekannten Ereignisses ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst.

Der Schofar, Bar Zemach und das Jewish Chamber Orchestra Hamburg sind mit dabei

An mehr als 25 Spielorten findet das Festival statt, von sakraler Tradition bis zu moderner Avantgarde sind alle Musikrichtungen vertreten: »Jiddische Evergreens« von Sharon Brauner & The ToyGoys und »Jiddische Lieder« mit Shura Lipovsky & Ensemble Novaya Shira, »Jazz meets Klassik« mit Avi Avital & Omer Klein, Folksongs aus den USA, »Aus dem Leben des Kölschen Genies Jacques Offenbach« oder das Abschlusskonzert »Mizmor Le David – Psalmen Davids« mit Dame Emma Kirkby. Beim Eröffnungskonzert stehen Uraufführungen nach Texten der Kölner Lyrikerin Hilde Domin auf dem Programm. Am 6. September lädt ein »Langer Tag mit jüdischer Musik« an 15 Orten in der Innenstadt bei freiem Eintritt mit mehr als 50 Kurzkonzerten dazu ein, neue musikalische Räume zu entdecken – das Programm wird im August bekannt gegeben.

Der Schofar, Bar Zemach und das Jewish Chamber Orchestra Hamburg spielen dabei eine herausragende Rolle. Das aus dem Horn eines koscheren Tieres gefertigte Blasinstrument soll im Rahmen unterschiedlicher musikalischer Formate künstlerisch neu gedeutet werden. Es klingt für viele Musikinteressierte nicht nur überraschend, sondern entfaltet, wenn es von Virtuosen wie Zemach gespielt wird, verschiedenste Ausdrucksmöglichkeiten.

Bar Zemach spielt ein Schofar aus dem Horn einer Antilopenart, ein Erbstück seines Großvaters, das er schon als Kind lieben und später spielen gelernt hat. Neben seinem Bestreben, das Instrument aus der Synagoge in die Welt zu tragen, hat der erste Hornist des West-Eastern Divan Orchestra unter Dirigent Daniel Barenboim noch eine übergreifende Botschaft dabei: »Ich möchte die Kraft des Schofars mit einer friedlichen Botschaft verbinden, gerade in der gegenwärtigen Weltlage«, sagt Zemach und betont mit Blick auf Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie und die darin vertonte »Ode an die Freude« von Friedrich Schiller: »Wir sind alle eins, wir sind alle Brüder – und der Schofar ist ein religiöses Instrument, das mit seinem Ruf daran erinnert.«

Ganz in diesem Sinne verstehen auch die Veranstalter von »Shalom-Musik.Koeln« ihre Intention für das diesjährige Festival. »Mit der Sprache der Musik wollen wir in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen bewusst Räume für Austausch und Begegnung schaffen«, unterstreicht Claudia Hessel, Vorsitzende des Vereins Kölner Forum für Kultur im Dialog, der das Festival zusammen mit der Synagogen-Gemeinde Köln (SGK) veranstaltet. Bei der Auflage vor zwei Jahren hatten mehr als 10.000 Besucher bei den Veranstaltungen zugehört. »Jüdische Musik ist keine bestimmte Stilrichtung – sie ist die klingende jüdische Geschichte«, erklärt SGK-Vorstand Micha­el Rado. »Eine Geschichte von Migration, Spiritualität, Verlust und Zuversicht, Trauer und Hoffnung, Erinnerung und Vielfalt.« Im Rahmen des Festivals werde jüdische Musik als lebendiger kultureller Ausdruck hörbar, der Jahrhunderte überdauert habe und bis heute inspiriere.

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