Porträt der Woche

»Mein Humor hält mich jung«

»Ich tanze regelmäßig in einer Disco«: Aaron Ben-Shlomo (82) mit seinen selbstgezogenen Avocados Foto: Rita Eggstein

In meinem Flur hängt ein sehr altes Schwarz-Weiß-Foto. Der kleine Junge in der Mitte, das bin ich. Neben mir sind meine vier Brüder und meine Schwester, im Hintergrund Zelte. In einem dieser Zelte in der Wüste haben wir in meiner Kindheit mehrere Jahre gelebt.

Wir sind 1950 vom Iran nach Israel ausgewandert. Geboren wurde ich 1944 in Teheran. 1963, mit 19 Jahren, bin ich in die israelische Armee gegangen und habe an drei brutalen Kriegen teilgenommen. 1979 kam ich nach Deutschland.

Zuerst fühlte ich mich hier frei, doch nach zehn Jahren hat mich ein Neonazi fast totgeschlagen. Trotz alledem hält mich mein Humor jung. Ich bin Atheist, Pazifist, Vegetarier und Pessimist. Das heißt nicht, dass ich die Welt negativ sehe. Ich sehe sie realistisch. Teil dieser Realität ist, dass Kriege zur menschlichen Mentalität gehören. Sie hören nicht auf. Man kann da nichts machen.

In dem Flugzeug gab es keine Sitzplätze

An den Iran habe ich kaum noch Erinnerungen. Ich weiß noch, dass wir mit einem niederländischen Flugzeug aus dem Iran nach Israel kamen. In diesem Flugzeug gab es keine Sitzplätze, wir saßen alle auf dem Boden. Zwischen 1948 und 1952 zogen Juden aus der ganzen Welt nach Israel. Meine Mutter war im Iran Lehrerin gewesen und mein Vater Soldat im kurdischen Teil des Landes. In Israel haben wir vier oder fünf Jahre lang in einem Zelt gelebt. Später konnten wir in ein kleines Steinhaus ziehen.

Wir waren sechs Kinder, mit unseren Eltern waren wir zu acht, unser Haus bestand aus anderthalb Zimmern. In dieser Enge bin ich aufgewachsen. Davor in der Wüste hatten wir inmitten von Skorpionen und Schlangen gelebt. Mich hat einmal ein Skorpion gebissen. Damals hat mein Lehrer die Stelle sofort aufgeschnitten, um das Gift zu entfernen. So etwas kam oft vor. Alle wussten, was zu tun ist. Trotzdem starben viele nach solchen Bissen.

Einmal sah ich einen vielleicht sechs Jahre alten Jungen am Boden liegen, der sich nicht mehr bewegte. Ich dachte, er wäre hungrig, und habe ihm zwei Äpfel gebracht, die ich davor extra für ihn geklaut hatte. Doch er bewegte sich immer noch nicht. Ein Paar, das vorbeikam, sagte: »Der Junge ist tot.« Ich wusste nicht, was das bedeutet. Die zwei Äpfel brachte ich dann nach Hause.

Ich hatte immer Hunger

Damals war das Essen sehr knapp. Ich hatte immer Hunger. Als ich eines Tages krank war und nicht die Schule besuchen konnte, ging meine Mutter drei Kilometer zu Fuß zur Schule, um mein Schulessen für mich abzuholen und mir zu bringen. Sie hat es aber nicht bekommen. Zum Glück wuchsen überall Kaktusfrüchte, Feigen und Datteln. Das hat uns gerettet. Und alle halfen einander, es war ein kollektives Zusammenleben: Alle für einen, einer für alle. Mit 14 Jahren bekam ich meine ersten Schuhe. Davor war ich immer barfuß gelaufen.

Mit 14 Jahren bekam ich meine ersten Schuhe. Davor war ich barfuß unterwegs.

Die Hälfte der Menschen, die ich als Kind in meinem Umfeld hatte, waren in Konzentrationslagern gewesen. Auf ihren Armen waren KZ-Nummern eintätowiert. Ich wusste nicht, was das bedeutet. Erst mit neun oder zehn Jahren habe ich es in der Schule erfahren. Ich habe damals gesagt: Nun gibt es sechs Millionen Jahre Wartezeit, bis wir wieder mit den Deutschen reden. Doch 1966 kam der deutsche Altbundeskanzler Konrad Adenauer nach Israel. Als ich hörte, dass Deutschland Israel beim Wiederaufbau hilft, bekam ich eine Gänsehaut.

1973 besuchte auch Willy Brandt Israel, ganz offiziell, als erster amtierender Bundeskanzler. Ich stand da und habe geweint. Es ging dann immer ähnlich weiter in der deutschen Politik. Angela Merkel sagte angesichts der Bedrohung Israels durch den Iran: »Wer Israel angreift, bekommt es mit uns zu tun.« Mir wurde klar, dass die Deutschen lernfähig sind.

Mit einem deutschen Konsul freundete ich mich an

Als Jugendlicher habe ich mich mit einem deutschen Konsul angefreundet. Ich war in Herzlija viel am Strand, und er ging dort immer mit seinem Schäferhund spazieren. Ich schloss mich ihm an. Alle waren entsetzt, weil ich einen deutschen Freund hatte, auch meine Eltern.

Als Soldat der israelischen Armee war ich an drei Kriegen beteiligt, der letzte war der Jom-Kippur-Krieg 1973. Inzwischen denke ich: Solange es Schlachthöfe gibt und die Menschen Tiere schlachten, wird es auch Kriege geben. Für mich war es sehr schwer, Soldat zu sein. Ich bin Pazifist. Schwierig in Israel waren für mich auch die Konflikte zwischen den orientalischen und den europäischen Juden. Mir sah man an, dass ich orientalischer Jude bin, und das habe ich oft zu spüren bekommen.

Genau wie die anderen, die aussahen wie ich, durfte ich nicht aufs Gymnasium gehen. Und als ich später eine blonde holländische Freundin hatte und mit ihr händchenhaltend spazieren ging, sagte ein Mann zu ihr: »Schämen Sie sich nicht, mit einem so Dunklen zusammen zu sein?« Sie schüttete ihm als Antwort ihren Milchkaffee ins Gesicht.

Weil ich nicht aufs Gymnasium durfte, wurde ich erst Busfahrer und dann Kfz-Mechaniker. Irgendwann traf ich am Strand drei junge Frauen. Sie waren Krankenschwestern und kamen aus Deutschland. Eine von ihnen hatte lange schwarze Haare. Wir freundeten uns an, und nach ihrer Rückkehr nach Deutschland besuchte sie mich ein paarmal.

Ich hatte mir für 500 Mark einen alten VW-Käfer gekauft

Schließlich blieb sie bei mir und arbeitete im Krankenhaus von Tel Aviv. Sie wurde meine Frau. Als der Bruder meiner Frau 1979 heiratete, machten wir einen Ausflug zu ihm nach Trier. Wir reisten getrennt hin. Ich hatte mir für 500 Mark einen alten VW-Käfer gekauft und fuhr eine Zeit lang allein in Deutschland herum. Nach der Hochzeit waren wir auf dem Weg nach Basel und kamen zufällig durch das südbadische Städtchen Emmendingen.

Dort machten wir eine Pause mit Kaffee und Kuchen. Meine Frau sah ein Schild, das auf das Kreiskrankenhaus hinwies. Ihr gefiel Emmendingen. Sie wollte bleiben. Sie ging zum Krankenhaus und bekam sofort eine Stelle und den Schlüssel für ein Zimmer im Schwesternwohnheim. So zogen wir nach Südbaden.

Ich fand Arbeit als Busfahrer. Die ersten zehn Jahre in Deutschland habe ich mich hier frei wie ein Vogel gefühlt. Doch 1989 wurde mein deutsches Paradies zerstört. Ein Nachbar, der Neonazi-Positionen vertrat, brach bei mir ein mit einem Totschläger in der Hand. Ich versuchte, meinen Kopf zu schützen. Das gelang, doch wegen meiner Verletzungen am ganzen Körper musste ich danach in die Klinik.

Ich bin Atheist, ich glaube nicht an Gott, sondern nur an das, was man beweisen kann.

Meine zwei kleinen Söhne schafften es zu fliehen. Dieser Mann saß danach keinen einzigen Tag im Gefängnis. Dass er Alkoholiker war, hat ihm geholfen. Die Schuld für seine Gewalt wurde auf den Alkohol geschoben, trotz seiner rechtsextremen Positionen. Da er arbeitslos war, bekam ich nicht mal Schmerzensgeld. Ich musste Tausende Mark für meine Anwälte bezahlen, dieses Geld erhielt ich erst viel später zurück. Es ist klar, dass es in Deutschland Nazis gibt. Ich ignoriere sie. Seit dem Mauerfall sind es deutlich mehr geworden.

Ich bin Atheist, ich glaube nicht an Gott, sondern nur an das, was man beweisen kann. Die Probleme in der Welt kommen durch Hass, Neid und Eifersucht, und auch die Religionen spielen eine Rolle. Ich bin immer in der Gegend rund um Freiburg geblieben, an verschiedenen Orten. Seit der Trennung von meiner Frau vor 25 Jahren lebe ich allein.

Ich bin ein Einzelgänger. Ich komme gut zurecht. Meine beiden Söhne sind erwachsen, ich habe einen kleinen Enkel und eine Enkelin. Nach einiger Zeit als Busfahrer habe ich als Schreiner gearbeitet. Handwerkliche Arbeit mag ich sehr. Einige meiner Möbel sind selbst geschreinert, außerdem habe ich Holzspielzeug hergestellt. Ich fahre täglich mit dem Rad. Auch im Winter. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.

Meist fahre ich an der Dreisam entlang, den Fluss auf und ab, rund 60 Kilometer. Zwischendurch esse ich Salat. Mein Humor und meine Witze halten mich jung. Im Sommer bin ich viel in der Sonne, und regelmäßig tanze ich in einer Disco. Niemand weiß, dass ich der Älteste dort bin.

Aufgezeichnet von Anja Bochtler

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