Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Frau Brauner, Sie sind Historikerin und Autorin. Die CCC (Central Cinema Company) Ihres verstorbenen Vaters Artur Brauner führen Sie weiter. Ihr jüngster Film trägt den Titel »Block 10«, benannt nach dem Bereich in Auschwitz, wo Hunderte Jüdinnen zu Opfern medizinischer Experimente wurden. Der offizielle Kinostart ist im November. Wie haben Sie die Vorpremieren erlebt?
Wirklich entgegen aller Erwartungen – und auch entgegen der Einschätzung einiger Menschen, die den Film vorab gesehen hatten und mir gesagt haben, ich müsse mich auf einen riesigen Shitstorm einstellen, und die Hälfte der Zuschauer werde den Kinosaal vorzeitig verlassen – ist genau das Gegenteil eingetreten. Es sind nur ganz wenige Zuschauer gegangen, was ich nachvollziehen kann. Sie haben das Gesehene einfach nicht verkraftet. Auf Wunsch der Stadt München hatten wir sogar eine Seelsorgerin vor Ort. Als wir anschließend auf die Bühne kamen, erhielten wir Standing Ovations. Das hat uns alle umgehauen. Wir hatten Tränen in den Augen. Ich habe meine Eltern, Maria und Artur Brauner, die die Schoa überlebt hatten, in diesem Moment ganz nah bei mir gespürt.

Um den jüdischen Gynäkologen Maximilian Samuel zur Kollaboration zu zwingen, wird er damit erpresst, dass anderenfalls seine Tochter vergast wird.
Ja, aber das Perfide an diesem Dilemma ist noch etwas anderes: Samuel (Christian Berkel) war Gynäkologe. Seine Aufgabe war es, Leben auf die Welt zu bringen – nicht Leben zu vernichten oder ungeborenes Leben zu zerstören. Das war für ihn ein doppelter Schlag. Hinzu kommt, dass man sich kaum einen überzeugteren Deutschen vorstellen konnte. Er wurde im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet und fühlte sich Deutschland zutiefst verbunden. Nun geriet er in dieses doppelte Dilemma. Deshalb ist Samuel für uns eine sehr ambivalente Figur. Zunächst fügt er sich dem System – nicht nur wegen seiner Tochter (Sarah Maria Sander), sondern auch, weil er zunächst glaubt, wissenschaftlich arbeiten zu können. Erst nach und nach erkennt er, was in Block 10 tatsächlich geschieht. Von diesem Moment an beginnt er, die Arbeit zu sabotieren. Demgegenüber steht Carl Clauberg (Axel Prahl). Clauberg war ein zutiefst skrupelloser Mensch.

Wie haben Sie von den Grausamkeiten in Block 10 erfahren?
Obwohl ich für die Shoah Foundation von Steven Spielberg einige Interviews mit Überlebenden geführt und mich auch sonst ausgiebig mit der Vernichtung des europäischen Judentums beschäftigt habe, hatte ich nie etwas über Block 10 gehört. Die medizinischen Verbrechen wurden immer von Josef Mengele und seinen Zwillingsversuchen überschattet. Dann las ich das Buch »Mengeles Koffer« von Bogdan Musiał. Darin bin ich zum ersten Mal auf Dr. Maximilian Samuel und Block 10 gestoßen. Daraufhin begann ich zu recherchieren. Ich fragte mich: Alice, wie kannst du das alles nicht gewusst haben? Während meiner Recherchen stieß ich schließlich auf Dokumente, von denen ich nicht einmal zu träumen gewagt hatte: die Prozessakten des Verfahrens gegen den Schriftsteller Leon Uris das der ehemalige polnische, nichtjüdische Häftlingsarzt Władysław Dering angestoßen hatte und das am 13. August 1964 begann. Dering hatte zwar vielen polnischen Häftlingen geholfen, war jedoch zugleich ein fanatischer Antisemit und beteiligte sich an den Verstümmelungen jüdischer Frauen und Männer.

In seinem weltberühmten Klassiker »Exodus« hat Uris damals auch von den Massensterilisationen berichtet. Das Buch erschien 1958. Wieso wurde gegen den Autor prozessiert?
Darin findet sich ein Absatz über Carl Clauberg, Horst Schumann und Władysław Dering. Dort heißt es, sie hätten 17.000 Massensterilisationen und Kastrationen durchgeführt. Uris hatte die Zahl übernommen, obwohl sie historisch nicht nachweisbar war. Tatsächlich konnten Dering deutlich weniger konkrete Fälle juristisch nachgewiesen werden – was selbstverständlich nicht bedeutet, dass seine Verbrechen geringer gewesen wären. Aufgrund dieser Passage verklagte Dering Leon Uris.

Wurden die Täter nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen?
Genau das ist einer der Gründe, warum die Geschichte von Block 10 kaum bekannt war. Zum Zeitpunkt des Prozesses war Dering in Großbritannien ein angesehener Arzt. Er hatte Krankenhäuser mit aufgebaut und wurde sogar mit dem Orden des British Empire ausgezeichnet. Gerade deshalb war der Prozess so wichtig. Hermann Langbein und Fritz Bauer unterstützten die Bemühungen, Überlebende zu finden, die gegen Dering aussagen konnten. Bereits 1956 und 1957 wurden zahlreiche Zeugenaussagen aufgenommen. Auch von Erna Hoffmann. Besonders bewegend ist die Geschichte ihrer Tochter: Sie lebt heute noch. Ihre Mutter war trotz der Sterilisationsversuche durch Clauberg schwanger geworden und brachte sie zur Welt. Viele dieser Aussagen wurden jedoch nie in einem Strafprozess gegen Clauberg verhandelt. Sie landeten lediglich in den Akten, weil Clauberg noch vor Prozessbeginn starb.

Was wird im Film aufgegriffen?
Die massenhaften Sterilisationen an Frauen. Dering kastrierte jedoch auch Männer. Einige von ihnen sagten später in London vor Gericht aus. Es war äußerst schwierig, beim Harry Ransom Center in Texas Einsicht in die Unterlagen zu erhalten. Ich musste zunächst das Vertrauen der Verantwortlichen gewinnen, dass ich mit den Prozessakten keinen Missbrauch treiben würde. Ich habe viel Zeit investiert, um sie davon zu überzeugen, mir die vollständigen Gerichtsakten zu überlassen.

Das hört sich nach einem langwierigen Prozess an. Wann haben Sie mit den Recherchen begonnen?
Eigentlich schon vor Jahren. Ich habe mich aus rein persönlichem Interesse in das Thema eingearbeitet. Dann stieß ich auf wissenschaftliche Aufsätze der Historikerin Ruth Jolanda Weinberger. Als dann der 7. Oktober 2023 geschah, war für mich klar, dass wir einen Vermächtnisfilm machen müssen. Unser Filmproduktionsunternehmen wird 80 Jahre alt. Ehrlich gesagt: Dieser Film ist auch aus Wut entstanden.

Was macht Sie so wütend?
Mit dem, was sich nach dem 7. Oktober in Deutschland abgespielt hat, hätte ich niemals gerechnet. Ich bin eigentlich ein optimistischer Mensch, genau wie meine Eltern es waren. Dass ich Schwierigkeiten damit habe, wenn Israels Existenzrecht infrage gestellt wird, versteht sich von selbst. Dass man die israelische Regierung kritisieren kann und an manchen Stellen auch kritisieren muss, ebenso. Aber vieles von dem, was sich danach Bahn gebrochen hat, ging weit darüber hinaus. Für mich zeigt das, wie tief Antisemitismus in Teilen unserer Gesellschaft noch immer verankert ist.

Sie kooperierten auch mit der Gedenkstätte Auschwitz. Wie haben Sie die Ausstattung gestaltet?
Wir haben »Block 10« in unserem Filmstudio nahezu maßstabsgetreu nachgebaut – sowohl einen Schlafsaal als auch den gesamten Operationsbereich. Die Gedenkstätte Auschwitz war dabei außerordentlich kooperativ. Unser Szenenbildner Claus Rudolf Amler arbeitete mit einem 3D-Scanner direkt im Originalgebäude von Block 10. Für die Außenaufnahmen konnten wir außerdem als erster Film weltweit Virtual-Reality-Filmmaterial aus Auschwitz nutzen.

Wie begleitet man einen solchen Film musikalisch?
Gar nicht. Es gibt praktisch keine Film­musik, sondern nur Geräusche. Es geht um Realität – um die unmittelbare Konfrontation mit der nackten Wirklichkeit.

Wie war es für die Schauspieler?
Regisseur Marcus O. Rosenmüller hat die Schauspielerinnen über Monate hinweg auf ihre Rollen vorbereitet. Er hat unzählige Gespräche mit ihnen geführt und sie immer wieder gefragt, ob sie sich dieser enormen emotionalen Belastung gewachsen fühlen. Die Frauen haben Ladino gelernt – eine Sprache, die heute nur noch von wenigen Menschen gesprochen wird. Unser Fachberater für Ladino sprach ihnen ihre Texte per WhatsApp ein, damit sie Aussprache und Sprachmelodie üben konnten. Sie haben das hervorragend umgesetzt. Authentizität war für uns keine Floskel, sondern ein Grundprinzip. Deshalb haben wir die Frauen, wo immer möglich, von Schauspielerinnen derselben Herkunft darstellen lassen – Holländerinnen von Holländerinnen, Polinnen von Polinnen, Tschechinnen von Tschechinnen. Im Mittelpunkt standen die Gewalt gegen Frauen, ihre Entwürdigung und Entmenschlichung – nicht die Absicht, mit einem Holocaust-Film Auszeichnungen zu gewinnen.

Stimmt dieses Klischee denn, dass Holocaust-Filme automatisch ausgezeichnet werden?
Nein, natürlich nicht. Aber dieses Klischee existiert. Ich denke dabei oft an einen Rat des Regisseurs Michael Haneke an seine Studierenden. Sinngemäß sagte er: Erzählt nicht zwangsläufig die größte aller Geschichten, etwa den Holocaust. Erzählt von etwas, das ihr wirklich kennt, das euch persönlich bewegt und worüber ihr etwas zu sagen habt. Dann kann daraus ein großer Film entstehen.

Ihr Filmstudio hat inzwischen mehr als 25 Holocaust-Filme produziert. Wie schwierig war diesmal die Finanzierung?
Ziemlich schwierig. Ich möchte der ARD Degeto Film danken, insbesondere Thomas Schreiber und Christoph Pellander. Vielleicht war die finanzielle Unterstützung nicht die größte, aber die moralische ist es bis heute. Große Hilfe erhielten wir außerdem von der Film- und Medienstiftung NRW, vor allem von dem Produzenten und Journalisten Walid Nakschbandi. Er bezeichnete »Block 10« übrigens als einen »Film der Stille«. Diese Beschreibung hat mich sehr berührt.

Was meint er damit?
Die Stille, mit der die Frauen all diese Erniedrigungen, Demütigungen und Entmenschlichungen ertragen haben. Ich denke dabei nur an die sogenannte Nacktparade. Davon hatte ich in Büchern gelesen, sie aber filmisch noch nie so dargestellt gesehen. Viele dieser jungen jüdischen Frauen waren traditionell oder religiös erzogen. Manche hätten sich nicht einmal vor ihren Eltern unbekleidet gezeigt. Und dann mussten sie sich vor SS-Männern vollständig ausziehen und in einer Reihe aufstellen, damit entschieden werden konnte, ob sie für weitere medizinische Experimente »geeignet« waren oder in die Gaskammer geschickt werden sollten. Allein die Vorstellung ist kaum auszuhalten.

Gab es weitere Unterstützer?
Ja. Ich hatte Co-Produzenten, unter anderem meinen Mann, der immer einspringt, wenn Finanzierungslücken entstehen. Außerdem habe ich selbst einen erheblichen Teil des Budgets eingebracht. Ein großer Vorteil war, dass wir über unser eigenes Filmstudio verfügen. Nur deshalb konnten wir Block 10 dort nachbauen. Hätten wir dafür externe Studios anmieten müssen, wäre das finanziell kaum zu stemmen gewesen. Es ist insgesamt ein sehr teurer Film geworden. Gleichzeitig denke ich unternehmerisch – ganz im Sinne meines Vaters. Ich weiß, an welchen Stellen man Geld investieren muss und wo man sparen kann. Das wirtschaftliche Fundament unserer Firma bilden bis heute die Klassiker meines Vaters. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht mehrere unserer Filme im Fernsehen laufen. Mit diesen Einnahmen finanzieren wir neue Projekte wie »Block 10«.

Was für ein Glück.
Deshalb werden wir in diesem Jahr 80 Jahre alt. Wir sind die älteste noch bestehende, aktiv produzierende und konzernunabhängige Filmproduktion Deutschlands. Das ist das Vermächtnis meines Vaters. Und dass ich es so weiterführen kann, hätte meine Eltern bestimmt sehr gefreut.

Mit der Berliner Filmproduzentin sprach Christine Schmitt.

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