Fast 1000 Jahre lang konnte der Wormser Mikwe scheinbar nichts etwas anhaben: Auch wenn die jüdische Bevölkerung immer wieder aus der Stadt vertrieben wurde, ihr rituelles Tauchbad blieb bestehen. Die Mikwe überlebte die Pestpogrome und bewahrte als Hygienemaßnahme wohl auch einige Wormser Juden vor der Seuche. Sie wurde als Sickergrube für die Abwässer des Viertels missbraucht, doch beim Bau der Kanalisation wiederentdeckt und Ende des 19. Jahrhunderts wiederhergestellt.
Während der Novemberpogrome 1938 verbrannten die Nazis die benachbarte Synagoge, doch das Tauchbad wurde nur gering beschädigt; neugierige Pilger suchten den Ort später in der Bundesrepublik auf.
Die Standhaftigkeit der Mikwe ist kein Wunder, denn die Wormser Juden hatten sie einst wie einen »Turm in die Erde« gebaut, eine Art geschlossener, zehn Meter tiefer Brunnen, zu dem man nur über eine unauffällige Treppe gelangt.
Wer hätte gedacht, dass nach vielen Jahrhunderten ausgerechnet das Klima die Mikwe bedroht: 2016 musste das Tauchbad geschlossen werden, weil zu viel Regenwasser in das Mauerwerk sickerte, sich in der feuchten Luft Algen in die Steine fraßen und die Wände einzustürzen drohten. Gleichzeitig sank der Pegel des Tauchbeckens, das sich aus dem Grundwasser speist, immer weiter; nur noch selten stand es so hoch, dass ein Mensch hier hätte untertauchen können. Offiziell in Betrieb war die Mikwe ohnehin schon lange nicht mehr, doch ab und zu schlichen sich hier noch fromme Besucher aus aller Welt die Treppen hinunter, um in dem heiligen Wasser neben der Synagoge zu baden, in der einst der berühmte Raschi betete und lernte.
Offiziell in Betrieb war die Mikwe ohnehin schon lange nicht mehr
Zehn Jahre lang wurde die Mikwe nun restauriert – und dabei ihre Geschichte neu aufgerollt, erzählt Birgit Kita, »Welterbekoordinatorin« der UNESCO-geschützten SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz, bei einem ersten Besuch der Mikwe im April. »Die Geschichte des Tauchbeckens ist eigentlich viel komplexer, als wir bisher wussten«, sagt Kita. »Wir haben zum Beispiel viele Hinweise gefunden, dass sie älter ist, als wir bisher angenommen haben.«
Es gibt Hinweise, dass die Mikwe älter ist als bislang angenommen.
Dabei ging es anfangs vor allem um Ursachenforschung: Statiker und Ingenieure untersuchten die Risse und entwickelten Sicherungsmaßnahmen für das Bauwerk. Restauratoren entfernten die durch die Feuchte entstandenen Algen und erneuerten Fugen. Um zu erforschen, wie man das Tauchbad vor einsickerndem Regen schützen könnte, führten Archäologinnen vorsichtige Ausgrabungen oberhalb durch.
Bettina Gransche, die nebenan in der Denkmalschutzbehörde in Worms arbeitet, hat die Arbeiten verfolgt: »Was die Archäologen fanden, deutete darauf hin, dass früher vielleicht ein Bauwerk oberhalb der Mikwe vor dem Regen schützte.« Fachleute aus Israel und Kolleginnen aus Köln kamen hinzu, die bereits an der dortigen mittelalterlichen Mikwe gearbeitet hatten.
Währenddessen maßen die Forscher immer wieder die kritische Feuchtigkeit im Tauchbad – auch bei ihrer ersten vorsichtigen Öffnung im April, als die ersten Besuchergruppen testweise wieder die modrige Treppe hinabsteigen durften.
Nur noch wenig Tageslicht fällt in den überwölbten Vorraum
Kita und Gransche führen ein paar Meter tief unter die Erde. Es wird spürbar kälter, nur noch wenig Tageslicht fällt in den überwölbten Vorraum. Von dort schaut man wie von einem Balkon durch zwei rundbogige Sandsteinfenster hinab zum Tauchbecken. Vielleicht stand hier die Baalanit, die darauf achtete, ob die Mikwengängerin vollständig im Wasser untertauchte, sodass das Ritual zu spiritueller Reinheit führte. Links zweigt ein kleiner Nebenraum ab; möglicherweise habe er als Umkleideraum gedient, überlegt Gransche.
An den Wänden sind noch Reste des mittelalterlichen Putzes erhalten. In den frischen Mörtel wurden Fugen eingeritzt, sodass der Putz wie aus rohen Steinen wirkte. »Diese Technik heißt Pietra Rasa«, erklärt Gransche. »Das machte man im 11. und 12. Jahrhundert und passt zur erhaltenen Inschrift, die das Jahr 1185/1186 benennt.«
Während der Restaurierung fanden die Forscher aber auch Materialien, die darauf schließen lassen, dass die Inschrift nicht etwa das Gründungsdatum bezeugt, sondern bereits von einer ersten mittelalterlichen Renovierung stammen könnte. Möglicherweise entstand der Turm in der Erde bereits 150 Jahre früher, zur Zeit des Baus der ersten Synagoge. Das ergäbe auch Sinn, sagt Gransche: Denn im jüdischen Religionsrecht gilt, dass eine jüdische Gemeinde eigentlich erst für eine Mikwe sorgen muss, bevor sie eine Synagoge errichtet. Das frühere Datum wäre auch für die Bedeutung des Welterbes relevant: So wäre die Wormser Mikwe die älteste in Deutschland. Beweisen kann das Forschungsteam seine Theorie aber noch nicht.
Das Becken ist von rötlichen, großen Steinen gefasst
Jetzt dürfen die Besucher die Wendeltreppe hinabsteigen, die zum eigentlichen Becken führt. Beim Gedanken an den Mikwegang in einer mittelalterlichen Nacht fröstelt es einen. »Wir wissen nur wenig darüber, aber vielleicht gab es Techniken, den Raum mit heißen Steinen ein wenig zu erwärmen, und fest installierte Leuchter«, sagt Gransche. »Was klar ist: Für jene Zeit war das eine äußerst komfortable, aufwendig gebaute und schön verzierte Monumentalmikwe«, betont Kita.
Das Becken ist von rötlichen, großen Steinen gefasst, die nur lose übereinander liegen. So sickert das Grundwasser Tröpfchen für Tröpfchen hinein. Die jüdische Tradition sieht vor, dass sich eine koschere Mikwe aus natürlich gesammeltem, »lebendigem Wasser« speisen muss. Im alten Israel waren das oft Becken, die Regenwasser auffingen, oder natürliche Quellen wie der Kineret. In Aschkenas musste man kreativer werden: So entstanden nicht nur hier in Worms, sondern auch in vielen anderen Städten jene Mikwen, die sich bis zum Grundwasser in den Boden vorgruben.
»So einen niedrigen Wasserstand habe ich selten gesehen«, sagt Frau Kita.
»Schon damals stieg und fiel der Wasserstand hier also mit dem Grundwasser, das wiederum vom Pegel des Rheins beeinflusst ist«, erklärt Kita. »Etwa zwei Wochen nach dem letzten Hochwasser konnten wir das steigende Wasser hier im Becken beobachten.«
Die Mikwe in Worms war also schon immer vom Klima geprägt. Ein paar Monate später geht Frau Kita während einer Hitzewelle an ihr Telefon: »So einen niedrigen Wasserstand habe ich selten gesehen«, sagt sie. Gleichzeitig bereitet der Regen weiterhin Probleme; über dem Badeschacht soll bald eine Abdeckung angebracht werden.
Aber trotzdem hat die Welterbe-Koordinatorin gute Nachrichten: Die Feuchtigkeit stieg bei dem Test im April durch die ersten Besucher nicht maßgeblich an. Die Mikwe ist nach Anmeldung nun wieder für Besuchergruppen von bis zu zehn Personen geöffnet.