CSD

Vom Feiern zum Schock

Es war ein perfekter Tag für den Christopher Street Day (CSD). Das Wetter spielte mit, und auch die Stimmung versprach gut zu werden. Als Ariel Elbert, im Vorstand von »Keshet Deutschland«, am Samstagmorgen in Stendal in den Regionalexpress nach Berlin stieg, war der Zug noch leer und Ariel zunächst allein auf dem Weg zum CSD. An jedem Bahnhof stiegen dann viele weitere Leute mit demselben Ziel ein.

»Auch zahlreiche Jugendliche waren darunter. Da habe ich gespürt, wie wichtig diese Veranstaltung für alle ist.« Und das Motto – »Haltung ist hot« – passte. Es bedeutet, dass die queere Community groß ist: »Wir sind viele, wir tanzen weiter, aber wir brauchen Unterstützung.« Denn die Feindseligkeit gegenüber Schwulen, Lesben oder Transpersonen nehme zu – auch weil die Sichtbarkeit wachse.

Die Vereine Keshet Deutschland und »Quarteera« hatten sich für den CSD zusammengetan und den Wagen mit der Nummer 8 gemeinsam gestaltet. Mehr als 60 Leute hätten auf dem Gefährt gefeiert. Der Wagen habe unter Polizeischutz gestanden, berichtet Ariel am Montag. Wie auch die gemeinsame Laufgruppe der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) und von »Ke­shet Europe«.

Anfeindungen gegen jüdische Laufgruppe

»Es war ein wirklich schöner Morgen«, sagt auch Tim Kurockin. Gut gelaunt trafen sich die Mitglieder und Freunde der JSUD und von Keshet Europe, um gemeinsam die etwa 70-köpfige Laufgruppe beim CSD zu bilden. Doch der Tag, der so fröhlich begonnen hatte, endete abrupt und auf schreckliche Weise nach einem islamistischen Anschlag am späten Abend. Gegen 22 Uhr fuhr im Tiergarten ein weißer Kleintransporter in die feiernde Menschenmenge. Eine Frau kam ums Leben, mehr als 25 Teilnehmer wurden verletzt. Ein Schock für alle.

Dabei war bis dahin alles verhältnismäßig gut gelaufen. Die meisten Zuschauer hätten sich gefreut, die jüdische Laufgruppe zu sehen, und ihnen zugejubelt. Allerdings gab es auch Anfeindungen. Einige Teilnehmer seien bedrängt und beleidigt worden, berichtet Tim.

»Queerness ist verhasst, aber das Jüdischsein legt noch eine Schippe drauf.«

Doch dank der privat organisierten Security hätten sich alle sicher gefühlt. Zwischen der Siegessäule und dem Brandenburger Tor habe sich die Laufgruppe schließlich aufgelöst. Tim ging mit einigen Freunden, darunter auch Naomi Tamir, Organisatorin der Laufgruppe und Vorstandsmitglied der JSUD, zum Potsdamer Platz, um gemeinsam in einem Restaurant zu essen. »Es dürfte nur wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt gewesen sein.« Bis etwa 30 Minuten vor dem Anschlag hätten sie dort gesessen.

Böses Erwachen

Als er geschah, war Tim bereits zu Hause, hatte sein Handy zum Aufladen an die Steckdose angeschlossen und es auf stumm gestellt. Am Sonntag gab es für ihn ein böses Erwachen. Er sah die vielen Anrufe und Nachfragen, ob alles okay sei, las und hörte Nachrichten und war schockiert. Doch jedenfalls waren alle seine Freunde wohlauf.

Als Naomi Tamir sich nach dem Essen im Restaurant verabschiedet hatte, machte sie sich mit einem Sicherheitsmitarbeiter auf den Weg. Sie waren fast an der Lennéstraße, wo der Täter seine Mordtat beging. Zehn Minuten später wurde die Musik auf dem CSD abrupt beendet, und sie erfuhr vom Anschlag. Ihre erste Sorge galt den Teilnehmenden der Laufgruppe. Sofort verschickte sie Nachrichten an alle mit der Bitte, sich von den Straßen fernzuhalten. Bis ein Uhr morgens waren sie und ihr Team im Einsatz. »Wir haben ähnlich wie nach dem 7. Oktober 2023 agiert und geschaut, wie es den anderen geht.« Sie fühlte sich an das Nova-Festival erinnert, bei dem sehr viele junge Menschen »Freiheit, Liebe, Tanz« feierten.

Regenbogenfahnen mit Davidstern bei der Gedenkveranstaltung am SonntagFoto: Judith Tarazi

Seitdem müsse die jüdische Community mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen leben. »Wir wussten, dass es schwierig werden könnte, als jüdische Gruppe auf dem CSD dabei zu sein. Aber wir lassen es uns nicht nehmen.« Mit Flaggen der JSUD, Pride-Fahnen und T-Shirts mit Davidstern oder Regenbogen-Kippot seien sie als jüdisch erkennbar gewesen. »Queerness ist verhasst, aber das Jüdischsein legt noch eine Schippe drauf.« Sie nehme das Attentat als einen Angriff auf »uns alle« wahr, sagt Naomi. Es sei traurig, dass diese fröhliche Veranstaltung so enden musste.

»Ich schwenkte unsere Regenbogenflagge mit Davidstern und war einfach glücklich«

»Die CSD-Demo und der Umzug waren toll«, sagt auch David Studniberg von Keshet Deutschland, der mit auf dem Truck stand. Vor dem Wagen lief die Gruppe »East Pride« mit einem großen Banner, auf dem zu lesen war: »Homos sagen Ja zu Israel«, und er fühlte sich wohl. Auf dem Truck waren viele Mitglieder des befreundeten Vereins Quarteera, der russischsprachige LGBTQ+-Migrantinnen und -Migranten zusammenbringt, von denen viele jüdisch sind. »Eine Freundin hatte ein Schofar mitgebracht, auf dem sie mehrmals blies, während ich unsere Regenbogenflagge mit Davidstern schwenkte und einfach glücklich war«, sagt David.

Die Atmosphäre sei sehr positiv gewesen. Nach der Demo fuhr David nach Charlottenburg, um dort gemeinsam mit Freunden zu essen. Gegen 22 Uhr erreichte auch ihn die Nachricht. »Durch den Anschlag war der Tag auf einmal kaputt.« Es sei wie nach einem Attentat in Israel gewesen: Seine Freunde und er schrieben einander Nachrichten und fragten, ob alle okay seien. Der Familie gab David Bescheid, dass er in Sicherheit war. Seine Trauer sei noch größer geworden, als er hörte, dass bei dem Anschlag eine Frau getötet wurde und dass es viele Verletzte gab. »Ich kann nicht verstehen, wie man anderen Menschen so etwas antun kann.«

Zu Hause merkte David, dass er nicht allein sein wollte.

Zum Zeitpunkt der Tat befanden sich einige Personen, die auf dem Truck gewesen waren, noch vor Ort, allerdings weiter entfernt, sagt Ariel. Sie hätten den Anschlag nicht gesehen und mussten evakuiert werden. »Ich habe mich sofort an den 7. Oktober erinnert, der so vieles verändert hat – auch, dass die jüdische Community mehr Schutz braucht.« Teile der queeren Community hätten sich aufgrund des Israel-Palästina-Krieges seither von Keshet abgewendet. Natürlich seien nicht alle Kontakte abgebrochen, es gebe weiterhin Verbindungen. Aber viele Beziehungen hätten sich verändert.

Gleichzeitig zum CSD fand auch die Internationalist Queer Pride Berlin (IQPB) am Gesundbrunnen statt. »Bei der Parade wird die Hamas relativiert, Israelhasser sind unterwegs, und Islamismus wird idealisiert«, sagt Tim. Und weiter: »Der Anschlag soll uns einschüchtern und uns unser Weltbild absprechen, was natürlich nicht geschehen wird. Wir werden weiterhin jeder Form von Terrorismus, Hass und menschenfeindlicher Gewalt entschieden entgegentreten.« Naomi ergänzt, sie würden sich nicht unterkriegen lassen und sich nicht verstecken. Sie wünscht sich, dass man auch in Deutschland versteht, dass Islamismus tötet und der Unterschied zwischen Islamismus und dem Islam erkannt wird.

Zu Hause merkte David, dass er nicht allein sein wollte. Er brach zu einer Party am entgegengesetzten Ende der Stadt auf und traf dort andere Keshet-Leute. »In solchen schlimmen Momenten ist es das Wichtigste, sich einander zu stützen und zusammenzuhalten!

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