Düsseldorf

Netz für die Zukunft

Facharzt Aron Babajew (M.) ist der Mentor des Medizinstudenten David (l.). Gitta Kleinberger hat das Programm aufgebaut. Foto: Anne Orten

Bei »RESCHET«, dem neuen Karriereprogramm der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, geht es um Begegnungen, die sonst nicht ohne Weiteres stattfinden würden – zwischen Studierenden und erfahrenen Berufstätigen. Und zwar mit jüdischem Hintergrund. Gitta Kleinberger, Initiatorin und Projektleiterin, nennt dies einzigartig für Deutschland. Zwischen Fragen und Antworten, zwischen Unsicherheit und Ausgerichtetsein öffnet das im Januar gestartete Networking-Programm einen neuen Raum, der den jungen Mitgliedern der Gemeinde zugutekommen soll.

»In meiner Karriere fand ich es schwer, dass ich keinen Mentor hatte«, erinnert sich Aron Babajew. »Wenn ich die Möglichkeit habe, etwas zurückzugeben, dann werde ich diese Chance nutzen. Und dass es in der jüdischen Gemeinde ist, finde ich besonders gut.« Er bildet ein Tandem mit dem 24-jährigen Medizinstudenten David.

Einmal die Woche treffen sich die beiden in der Klinik Uniqaesthetics, wo Aron Babajew als Facharzt für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie arbeitet. »Da lerne ich so viel und nehme so viel mit«, betont David. An der Uni sei man einer von Tausenden, da komme die individuelle Förderung oft zu kurz. »Ich profitiere davon, dass mich jemand durch den Dschungel der medizinischen, chirurgischen Karriere begleitet, mir wegweisende Tipps vermittelt und gleichzeitig das handwerkliche Geschick fördert.«

Es geht auch um Zukunftssicherung: Wer vor Ort Perspektiven sieht, bleibt eher.

Karriereberaterin Gitta Kleinberger hat das RESCHET-Programm aufgebaut. Sie war lange Zeit als Journalistin und Beraterin im Bereich Bildung und Karriere tätig und kennt die Lücke zwischen Studium und Beruf aus vielen Perspektiven. Ihre Idee: Know-how bündeln und vorhandenes Wissen in der Gemeinde sichtbar machen. Denn davon gebe es reichlich – nur bleibe es oft verborgen. Der Name RESCHET bedeutet auf Hebräisch »Netzwerk«. Und genau das entwickelt sich durch persönlichen Austausch und gemeinsame Veranstaltungen. Ilana Schürmeyer etwa studiert Biotechnologie und ist froh, dass sie durch RESCHET eine passende Mentorin gefunden hat. »Ich freue mich sehr über dieses Match, da meine Mentorin mich unterstützt, meinen eigenen Weg in der großen Welt der Biotechnologie zu finden. In Telefonaten und persönlichen Treffen stellt sie Kontakte zur Industrie her und unterstützt mich mit konstruktiver Kritik und motivierenden Worten dabei, meine eigenen Ideen auszuarbeiten.« Hinzu komme: Man verstehe sich auch auf der menschlichen Ebene gut.

Der erste Durchlauf ist bewusst kleingehalten: Acht Tandems aus Mentorinnen und Mentoren sowie Mentees arbeiten über acht Monate zusammen. Sie treffen sich vor Ort an den Arbeitsplätzen – in Kanzleien, Unternehmen oder Praxen –, sprechen über Bewerbungen, Karrierewege, Entscheidungen. Ergänzt wird dies durch gemeinsame Veranstaltungen, die in der Düsseldorfer Gemeinde stattfinden.

So fand kürzlich ein Bewerbungstraining mit zwei Mentorinnen statt, die ihre Erfahrungen aus den Bereichen Personalmanagement und Recruiting weitergaben. »Hier wurden die Lebensläufe durchgesprochen und fürs Bewerbungs­gespräch geübt«, so Gitta Kleinberger. »Praktische Soft Skills, die man so im Studium nicht lernt«, hebt sie hervor.

Vorträge zu Themen wie Kommunikation, Gleichstellung und Cybersicherheit ergänzen das Programm, diese Veranstaltungen stehen allen offen. Ziel sei es dabei, die berufliche Vernetzung weiter zu fördern. »Das Karriere-Bewerbungscoaching hat mir sehr viel gebracht«, betont Medizinstudent David. »Und auch die Vorträge sind sehr interessant, es ist schön, über das eigene Fach hinauszuschauen.«

Für die Jüdische Gemeinde Düsseldorf ist das Programm mehr als ein Karriereprojekt. Es ist auch ein strategisches Signal. »Uns ist es sehr wichtig, unseren jungen Gemeindemitgliedern einen erfolgreichen Start in den Beruf zu ermöglichen«, sagt Oded Horowitz, Vorstandsvorsitzender der Gemeinde. Dadurch bekomme die Gemeinde einen ganz anderen Stellenwert in den Augen der jungen Generation.

Gleichzeitig gehe es um Zukunftssiche­rung: Wer Perspektiven vor Ort sieht, bleibt eher. »Damit machen wir einen wichtigen Schritt zur Entwicklung und Verbesserung des jüdischen Lebens und für eine zukunftsweisende Entwicklung der Gemeinde«, so Horowitz. Finanziert wird das Programm durch die Gemeinde selbst – unter anderem durch die Stelle von Kleinberger sowie Mittel für Veranstaltungen und Materialien. Für die Finanzierung habe man in anderen Bereichen Zurückhaltung üben müssen.

Die Resonanz gibt den Initiatoren recht. Schon jetzt gibt es mehr Anfragen, als Plätze verfügbar sind – sowohl von Studierenden als auch von potenziellen Mentorinnen und Mentoren. Und auch über Düsseldorf hinaus wächst das Begehren. »Wenn Interesse von anderen Gemeinden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein kommt, was sich abzeichnet, dann werden wir es voraussichtlich auf den Landesverband erweitern«, blickt Oded Horowitz in die Zukunft der nächsten Monate.

Sie treffen sich an den Arbeitsplätzen – in Kanzleien oder Praxen.

Auch inhaltlich entwickelt sich das Projekt weiter. Neben dem Mentoring-Programm entsteht mit »Reschet Young« ein Angebot für Schülerinnen und Schüler, die frühzeitig Einblicke in Berufsfelder bekommen sollen. Kooperationen – etwa mit Netzwerken im deutsch-israelischen Kontext – öffnen zusätzliche Wege, bis hin zu Praktika in Israel. »Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf ist unglaublich offen für neue Ideen, wenn es um den Nachwuchs geht«, freut sich Gitta Kleinberger.

Bei aller Dynamik bleibt ein Aspekt zentral: die Verbindung von beruflicher Orientierung und jüdischer Identität. Projektleiterin Gitta Kleinberger versucht, bei Veranstaltungen immer wieder Brücken zu schlagen zur Tora, zu Fragen von Verantwortung und Führung. Ein Aspekt, den auch Mentor Boris Babajew überzeugt. »Man vermittelt Wissen und Können, aber was das RESCHET-Programm so einzigartig macht, ist, dass man auch sehr viel jüdische Werte und Traditionen miteinander teilt.« Für ihn steht fest, er ist gern auch in der nächsten Runde dabei.

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