Der Aufstieg des Nationalsozialismus als politische Bewegung in der Weimarer Republik hatte den Ersten Weltkrieg und insbesondere die Novemberrevolution von 1918 zur unmittelbaren historischen Voraussetzung. Auch ideologisch entstand die »deutsche Kalamität«, wie Klaus Mann sie nannte, nicht aus dem Nichts, sondern konnte auf Versatzstücken aufbauen, die bereits um die Jahrhundertwende fest im deutschsprachigen Raum etabliert gewesen waren. Antisemitische und rassistische Theorien dieser Zeit werden unter dem Begriff der »völkischen Weltanschauung« zusammengefasst.
Ein mehrjähriges Forschungsprojekt des NS-Dokumentationszentrums und des städtischen Lenbachhauses mit dem Titel »Zu fragmentarisch ist Welt und Leben?« – ein Zitat von Heinrich Heine – untersucht nun, wie diese völkischen Gedanken im Kulturmilieu Münchens in der Zeit zwischen 1880 und 1913 gewirkt haben. Nach Angaben des Dokumentationszentrums sucht das Projekt herauszuarbeiten, wie sich »aus den engen Verflechtungen von Kunst, Gesellschaft und Ideologie langfristige Strukturen entwickelten, die schließlich im Nationalsozialismus kulminierten, München zur ›Hauptstadt der Bewegung‹ machten – und bis in unsere Gegenwart hineinwirken«.
Mit einem eintägigen Symposium wurde das Forschungsprojekt in der vergangenen Woche nun in der Öffentlichkeit vorgestellt. Direktorin Mirjam Zadoff begrüßte die Anwesenden im Auditorium. Projektleiterin Laura Sophie Stadler blickte anschließend in ihrem Einleitungsvortrag auf die beidseitig am Königsplatz gelegenen Häuser Lenbach und Pringsheim und deren Einbindung in beziehungsweise Gegnerschaft zu ideologischen Netzwerken, welche die völkische Ideologie vorbereiteten. Lediglich das Lenbachhaus steht heute noch. Das Palais Pringsheim wurde 1933 unter Wert an die NSDAP verkauft und abgerissen, die Fläche danach mit einem Verwaltungsgebäude der Partei, dem heutigen Haus der Kulturinstitute, bebaut.
Antisemitische und rassistische Theorien dieser Zeit werden unter dem Begriff der »völkischen Weltanschauung« zusammengefasst.
Mit den beiden beispielhaft gewählten Familien, so Stadler, ließe sich die »hochgradig ambivalente Zeit und das hochgradig ambivalente Klima« verdeutlichen: Die völkische Weltanschauung habe einfache Antworten auf das fragmentarische Lebensgefühl der Moderne geboten. In seinem Vortrag erklärte Uwe Puschner von der Freien Universität Berlin den Begriff des »Völkischen«, der viel mehr bezeichne als lediglich eine Eindeutschung des »Nationalen« und daher auch in anderen Sprachen kaum wiederzugeben sei. Puschner zeichnete nach, wie diese Weltanschauung als »diffuse Sammelbewegung« von Gruppen wie Alldeutscher Bewegung, Kulturnationalisten, Lebensreformern und neuheidnischen Kreisen entstand.
Eine Gesprächsrunde mit dem Filmemacher Florian Hoffmann, den Journalisten Andrea Röpke und Simon Wörz unter Leitung von Mirjam Zadoff schlug am Abend die Brücke in die Gegenwart und unterstrich, wie »bedrohlich aktuell« die völkische Weltanschauung heute noch und wieder ist. Die Ideologie habe, so konstatierte Zadoff, eine »neue Hochkonjunktur im spirituellen und klassischen rechtsextremen Milieu«. Das Forschungsprojekt läuft noch bis Ende 2027.