Düsseldorf

»Oh mein Gott, da ist ein Jude im Studentenwohnheim!«

Luai Ahmed in der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf Foto: Anne Orthen

Da steht er auf der Bühne der Synagoge in Düsseldorf: schwarze Hose, schwarzes Hemd, ein tannfarbenes Jackett und eine tannfarbene Kippa. Luai Ahmed wurde 1993 im Jemen geboren. Seine Mutter war und ist Feministin. Sie weigerte sich als Kind, zwangsverheiratet zu werden, und studierte später an der American University in Kairo. 2011, als der Arabische Frühling für mehrere Wochen zumindest einen Teil der Menschen von Freiheit träumen ließ, beteiligte er sich an Demonstrationen. »Wir waren zwölf, 13 Leute. Aber wenn man hinter uns schaute, sah man buchstäblich Hunderttausende Houthis und Muslimbrüder.«

2014 zog Ahmed nach Schweden. Er war Anfang 20, mochte Michael Jackson, wunderte sich aber, dass »Schwarze nicht nur Sklaven« sein können – und war strammer Antisemit. In der Moschee hatte er jeden Freitag gehört, dass die Juden sterben sollen und Israel zerstört werden muss, und um in die Schule zu kommen, hatte er jedes Mal über eine gemalte israelische Flagge zu gehen.

Pepsi, so lernte er, sei die Abkürzung für »Pay Every Penny, Save Israel«.

»Wir haben die verrücktesten Geschichten über Juden gehört. Dass sie alle Araber und alle Muslime töten wollen. Dass sie uns hassen.« Dann habe es die Erzählung über Israel gegeben, wonach die Juden einen Völkermord an den Arabern begehen und versuchen, den Islam zu zerstören.

»Tatsächlich haben wir in meiner Schule Broschüren bekommen, in denen stand: ›Boykottiert diese 200 Unternehmen.‹« Pepsi, so lernte er, sei die Abkürzung für »Pay Every Penny, Save Israel«.

Im Flüchtlingsheim in Schweden wurde Ahmed von anderen Muslimen angepöbelt, weil er sich während des Ramadan tagsüber einen Kaffee machte. Nachdem IS-Terroristen 2015 die Redaktion des französischen Satiremagazins »Charlie Hebdo« angegriffen und ein Massaker verübt hatten, feierten seine Mitbewohner eine Party. »Ich beschloss in diesem Moment, dass ich Journalist werden würde.« Er wollte damit beginnen, die Europäer, die Schweden, darüber aufzuklären, was sie da eigentlich tun. »Ihr werdet das nicht in die Gesellschaft integrieren können – vor allem dann nicht, wenn ihr die Menschen ohne jeden Plan sich selbst überlasst.«

Seine Brüder erklärten Ahmed, er sei für sie tot, wenn er nach Israel reise.
Ahmed bewarb sich an der Universität und begann, Internationale Migration und Ethnische Beziehungen zu studieren. Und im Studentenwohnheim lernte er eines der Wesen kennen, von denen er bislang nur gehört hatte, ohne je einem von ihnen begegnet zu sein: einen Juden. Tal war ein israelischer Austauschstudent, stand in der Küche, stellte selbst zubereitete Leckereien auf der Ablage ab und reichte ihm die Hand. »Oh mein Gott, da ist ein Jude im Studentenwohnheim!« Sie wurden Freunde. Und noch einen Juden sollte Ahmed kennenlernen: den Chefredakteur der Zeitung »Bulletin«, bei der er nach dem Studium als Journalist arbeitete und der sein Mentor wurde und ihn dabei unterstützte, ein besserer Autor zu werden.

Seine arabischen Bekannten und seine Familie feierten das Massaker und versahen ihre Postings mit dem Hashtag freepalestine.

Dann kam der 7. Oktober 2023, der Tag, an dem die Hamas Israel überfiel, über 1200 Menschen ermordete und Hunderte als Geiseln nahm. Ahmed sagte von sich selbst, dass er damals noch Antizionist und Antisemit gewesen und von der Solidarität mit den Palästinensern geprägt gewesen sei. Aber etwas hatte sich geändert: Er kannte nun Juden, war mit einigen von ihnen befreundet und betete förmlich die kleine Ruby an, das Baby einer Freundin: »Das hätte Tal sein können«, wurde ihm klar. »Das hätte Ruby sein können, die nach Gaza verschleppt wird.«

Seine arabischen Bekannten und seine Familie feierten das Massaker und versahen ihre Postings mit dem Hashtag freepalestine. »Kill all the Jews« trendete auf X. Es reichte ihm, er ertrug es nicht mehr, und er begann, Videos über Islamismus und unregulierte Migration zu machen. Er wandte sich an alle, die den Terror feierten, und sagte ihnen, sie würden auf der falschen Seite der Geschichte stehen, auf der Seite des Islamischen Staates. Die Reaktionen waren deutlich: Luai Ahmed wurde vorgeworfen, den Genozid an den Palästinensern zu unterstützen und von Israel gekauft worden zu sein.

Eines Tages bekam Ahmed dann eine Nachricht von Sharaka, einer 2020 nach der Unterzeichnung der Abraham-Abkommen gegründeten Organisation, deren Ziel es ist, Vertrauen zwischen Arabern und Juden zu schaffen. Er erhielt das Angebot, nach Israel zu reisen und dort zu recherchieren. Seine Brüder erklärten ihm, er sei für sie tot, wenn er das Angebot annehmen würde, und seine Mutter reiste extra an, um ihn davon zu überzeugen, nicht in den verhassten Judenstaat zu fahren. Aber Ahmed ließ sich von niemandem aufhalten und flog mit seinem schwedischen Freund nach Israel.

Die erste Erfahrung, die er am Flughafen machte, schien all seine Vorurteile zu bestätigen: Während sein blonder schwedischer Partner bei der Kontrolle locker durchgewunken wurde, musste er in einen separaten Raum, wo er von einer jungen Israelin befragt wurde. Das Gespräch war angenehm, beide stellten fest, dass sie »Swifties« waren, und zwar Fans des amerikanischen Popstars Taylor Swift. Aber Ahmed sagte ihr auch, dass er sich als Araber diskriminiert fühle, da sein blonder Freund durchgewunken wurde und er nicht. »Im Jemen würden sie mich sofort am Flughafen ermorden«, antwortete die junge Israelin ihm. »Ich war schockiert von ihrer Direktheit, davon, wie ehrlich sie war, und davon, wie jung sie noch war – und wie bewusst sie sich gleichzeitig meiner Kultur war.« Er war erstaunt, als sie ihm sagte, ihr Freund sei Jemenit. Jemeniten in Israel?

All der Antisemitismus in ihm, stellte er fest, kam daher, dass er keine Juden kannte.

Er reiste durch Israel, besuchte Tel Aviv und Jerusalem. Er postete in den sozialen Medien über seine Tour und wurde von in Israel lebenden jemenitischen Juden zu einer Party eingeladen. Er rechnete damit, eine Handvoll Jemeniten zu treffen, es kamen Hunderte, und er erfuhr erstmals von der langen jüdischen Geschichte seines Heimatlandes.
Die israelische Beamtin am Flughafen und er waren beide Swifties.
Er traf Überlebende des 7. Oktober und konnte Fragen stellen, die er zur Geschichte Israels hatte. Aber war nicht alles, was ihm Sharaka gezeigt hatte, am Ende doch israelische Propaganda? Ahmed machte, was jeder gute Journalist an seiner Stelle gemacht hätte: Er beharrte darauf, mehrere Tage allein durchs Land zu reisen, ohne Führung und auf eigene Faust. Er lernte ein Israel kennen, das er sich nie hätte vorstellen können und von dem er nichts wusste.

Auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv sah er eine junge Frau mit einem Schild in den Händen, auf dem zu lesen war: »Ich bin eine arabische muslimische Frau, und Israel hat mir all meine Rechte gegeben – und Hamas hat Aishas Leben genommen.« Er machte ein Foto von ihr und schickte es seiner Mutter: »Mama, du hast die letzten vier Jahrzehnte für Frauenrechte gekämpft. Mein Bruder wurde beinahe entführt. Sie haben dir Säure ins Gesicht gesprüht – zum Glück konntest du dich schützen. Sie haben versucht, dich zu ermorden. Schau dir dieses Mädchen in Israel an: eine arabische Muslimin, die stolz ein Schild hochhält und sagt, dass Israel, dieser angeblich apartheidartige, islamfeindliche, anti-arabische, anti-muslimische Staat, ihr alle Rechte gegeben hat. Alle ihre Rechte.«

All der Antisemitismus in ihm, stellte er fest, kam daher, dass er keine Juden kannte. Ihre Geschichte nicht, ihre Religion nicht, ihre Kultur nicht. Alles war ihm vorenthalten worden. »Ich beschreibe Antisemitismus oft als eine Burg, die meine Gesellschaft in meinem Kopf gebaut hat. Und diese Burg begann zu wanken, erst ein wenig, dann stärker.«

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