Hohe Feiertage

Symbol der Reinheit

Die Alternative zur Umkehr ist allen Menschen gleichermaßen gegeben: Auch das kann die einheitliche Farbe bedeuten. Foto: Marek Kruszewski

In der Jüdischen Gemeinde Braunschweig hängen die Vorsitzende Renate Wagner-Redding und ihr Stellvertreter Georgij Krugljakow den Torarollen zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur weiße Mäntel um und schmücken die Bima mit einer weißen Decke. In anderen Gemeinden wird auch der Vorhang des Toraschreins gegen einen weißen ausgetauscht. Die Farbe Weiß herrscht an den Hohen Feiertagen in den Synagogen vor. »Weiß symbolisiert im Judentum sowohl Reinheit als auch Heiligkeit«, erklärt Rebbetzin Noemi Berger aus Stuttgart.

Manche religiöse Juden tragen in diesen Tagen ihren Kittel, das Totenhemd, das der Hausherr auch am Sederabend an Pessach als Zeichen der Freiheit anlegt. Mancher Bräutigam trägt den Kittel bei seiner Chuppa.

»Das Weiß versinnbildlicht die Einheit von Braut und Bräutigam sowie den Beginn eines neuen, gemeinsamen Lebens: ›Lasse deine Kleider immer weiß sein‹ (Kohelet 9,8)«, erklärt Noemi Berger. »In chassidischen Gemeinden trug der Bräutigam ursprünglich am Hochzeitstag einen Kittel, ein weißes gewandfreies Kleidungsstück ohne Taschen. Das sollte zeigen: Der Bräutigam besitzt nichts von Wert – das Paar heiratet aus Liebe und nicht wegen irdischer Besitztümer«, sagt sie weiter.

brauch Früher fertigten Frauen die Totenhemden für ihre Gemeinde an. Doch diese Tradition ist heute nur noch wenig verbreitet. In der Braunschweiger Gemeinde hatte Ruth Wagner-Redding sel. A., die Mutter der heutigen Gemeindevorsitzenden Renate Wagner-Redding, diesen Brauch vor mehr als 20 Jahren wiederbelebt. Sie hatte sich die Anfertigung der Kittel bei einer Frau aus der Hannoveraner Gemeinde abgeschaut.

Als gelernte Schneiderin reichten Ruth Wagner-Redding nur wenige Lehrstunden, um Zuschnitt und Verarbeitung des feinen Gewebes – meist ist es Leinen – zu erlernen. Sie notierte die notwendigen Stoffmaße für Hemd, Ärmel, Kragen, Gürtel, Kinnband, Beutel, Schuhe und Haube sowie Laken für den Sarg und gab viele Jahre lang ihr Wissen an die Braunschweiger Frauen weiter.

Nach ihrem Tod sind es derzeit nur noch Brigitte Lengyel und Maria Nesterenko, die dieses Handwerk beherrschen. Im Sommer treffen sich die beiden Braunschweigerinnen meistens einmal im Monat und sitzen mit ihrer Näherei schon einmal im schattigen kleinen Innenhof. Vier bis fünf Stunden benötigen sie für eine Garnitur. Der Zuschnitt des Totenhemdes besteht aus einfachen Quadraten. Das eigentlich Schwierige ist das Nähen per Hand: Ebenso wie beim Gürtel darf der Faden nicht geknotet, sondern muss im Stoff verstochen werden.

stoffballen Eine Bremer Firma liefert die Stoffballen. Die Kittel werden aus einem besonderen Gewebe hergestellt, da der Stoff des Totenhemdes schnell zerfallen muss. Der Verwesungsprozess sei für die Seele schmerzhaft, erklärte es einmal Rabbiner Jonah Sievers. So darf auch der Gürtel, den der Tote um den Kittel gewickelt bekommt, laut Schulchan Aruch (Kizzur 197,1) nicht verknotet werden. Die Enden werden nur umeinander gedreht und in den Bund gesteckt.

Der Bedarf an Kitteln ist allerdings nicht sehr groß. Während die Braunschweiger früher auch noch die Gemeinde Oldenburg mit Totenhemden versorgten, komme von dort heute keine Nachfrage mehr. »Nur im absoluten Notfall verkaufen wir sie zum Selbstkostenpreis«, erzählt Gemeindevorsitzende Wagner-Redding.

Im Schrank liegen jedoch immer einige Kittel jeweils in der Damen- und Herrenausführung bereit – zusammengelegt zu etwa 40 mal 40 Zentimeter großen Paketen. Sie enthalten das Gewand: zwei Bänder, eines, das als Gürtel benutzt wird, und ein Kinnband. Hinzu kommen die Füßlinge, die Mütze für die Männer, die Haube für die Frauen sowie das Säckchen für die Erde aus dem Heiligen Land als Symbol dafür, nach Auferstehung der Toten nach Eretz Israel gebracht zu werden. Die Totenhemden haben keine Taschen, um zu zeigen, dass der Mensch kein materielles Besitztum mit in den Tod nehmen kann.

urteil Die meisten Gemeinden beziehen ihre Kittel aus Israel. Auch der Versandhandel bietet Kittel an. Ben’s Tallit Shop etwa informiert seine Kunden auch gleich noch darüber, wie die Kittel oder »Sargenes« anzuwenden sind: »Ein jüdischer Kittel wird häufig von verheirateten Männern an Jom Kippur getragen, und manche tragen ihn aus Gewohnheit auch zu Rosch Haschana. Das Tragen des Kittels an den Hohen Feiertagen symbolisiert Reinheit und geht auf den Vers zurück: ›Unsere Sünden sollen so weiß wie Schnee gemacht werden.‹ (Jeshajahu 1:18) An Jom Kippur wird der Kittel getragen, wenn wir vor Gott stehen, der die geöffneten Bücher des Lebens und des Todes vor sich hat, damit wir vorbereitet sind, um seinen Urteilsspruch zu akzeptieren.«

Der Kittel dient als kraftvolle Erinnerung an die Feierlichkeit von Jom Kippur. In einigen Gemeinden trägt der Kantor oder Schaliach Zibbur den Kittel auch noch zu besonderen Anlässen im Laufe des Jahres, wie der ersten Nacht Slichot, an Hoschana Rabba (letzter Tag von Sukkot), zum Mussaf von Schemini Azeret und am ersten Tag des Pessachfestes.

umkehr Das Tragen des Kittels an Rosch Haschana und Jom Kippur weise darauf hin, »dass die Beter an diesen Tagen vielleicht demutsvoller als sonst den Tod vor Augen haben«, interpretiert Rebbetzin Berger das vorherrschende Weiß.

»Die weiße Kleidung, ergänzt durch den Tallit, lässt die Beter uniformiert erscheinen. Ein jeder sieht aus wie der Beter neben ihm, der angesichts der Inhalte und Überlieferungen dieses Tages die gleichen Gedanken hegt, vor der gleichen Alternative steht – und sich gleichermaßen seine Umkehr erarbeiten will.« Daher sind die Synagogen traditionell während der gesamten Umkehrzeit von Rosch Haschana bis Jom Kippur in Weiß gestaltet und heben sich damit aus dem üblichen Erscheinungsbild während des Jahreslaufs hervor.

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