Universität

Starke junge Stimme

Mahnwache des VJSB gegen das »propalästinensische« Protestcamp vor der Ludwig-Maximilians-Universität; Jessica Flaster (M.) ist seit Dezember 2024 die Vorsitzende des Verbandes. Foto: Verband jüdischer Studenten in Bayern

Seit Dezember vergangenen Jahres ist Jessica Flaster die neue Vorsitzende des Verbandes Jüdischer Studenten in Bayern (VSJB). Bei der Wahl des neuen Vorstands übernahm sie das Amt neben Finanzvorstand David Weissman, dem für Veranstaltungen zuständigen Vladimir Sukhoi und Stella Schulte-Frohlinde aus dem Bereich Kultus. Ron Dekel, der zunächst für die Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes zuständig gewesen war, wurde Anfang März zum Präsidenten der bundesweit tätigen Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) gewählt und wechselte nach Berlin.

Flaster hat den Vorsitz in einer für jüdische Studentinnen und Studenten mehr als turbulenten Zeit übernommen. Die Verantwortung für den 1200 Mitglieder starken Verband ist groß. »Es geht in erster Linie darum, eine starke junge jüdische Stimme in Bayern zu sein«, erklärt Flaster. Zu den wesentlichen Aufgaben zählt sie die »Vernetzung mit anderen Akteuren, um handlungsfähig zu bleiben und um aufmerksam machen zu können auf Antisemitismus in jeglicher Form«.

Seit dem 7. Oktober 2023 konzentrieren sich die Tätigkeiten in vielen Bereichen auf den Versuch, einen Weg zurück zur Normalität zu finden. Zentral ist das Streben nach einem Alltag, der ein sicheres und freies Leben auch für jüdische Studierende ermöglicht.

Es ist nicht lange her, da herrschte auch im VJSB noch die Hoffnung auf eine positive Entwicklung der gesellschaftlichen Situation.

Dass die Lage früher einmal besser war, bietet in diesen Tagen keinen Trost. Es ist nicht lange her, da herrschte auch im VJSB noch die Hoffnung auf eine positive Entwicklung der gesellschaftlichen Situation. »Wir wollten vor allem sichtbar präsent sein, junges jüdisches Leben darstellen, so wie es ist, in all seinen Facetten«, erinnert sich Flaster an diese Zeit – vor dem 7. Oktober. Damals schien es möglich, neue und sichere Räume zu öffnen, Feiertage so groß wie möglich zu feiern und das alles »mit der Gesellschaft zusammen. Wir wollten zeigen, welche Einblicke wir in das jüdische Leben geben können«.

Nichts anderes als eine Wende um 180 Grad

Die aktuelle Situation bedeute vor diesem Hintergrund nichts anderes als eine Wende um 180 Grad. Die Lage an den Universitäten für jüdische Studierende sei heute von Unsicherheit und Angst geprägt. Das anti-israelische Camp, das von Mai bis November 2024 den Professor-Huber-Platz in Sichtweite des LMU-Hauptgebäudes besetzt hielt, war das langlebigste in ganz Deutschland.

Antisemitische Transparente und Kampagnen beeinflussten die Gedankenwelt und Atmosphäre an der Universität so stark, dass viele jüdische Studierende den Campus mieden. Professoren und Akteure der Hochschulpolitik waren oft keine Hilfe. Besonders schwer falle dabei ins Gewicht, dass die meisten Kommilitonen damals wie heute zum Judenhass schwiegen. Manche mögen das aus Unwissenheit oder Skepsis tun, doch das Resultat sei stets das gleiche, so Flaster: »Diejenigen, die schweigen, zeigen, dass ihnen jüdisches Leben total egal ist.« Damit nicht genug: »Nach dem Schweigen fangen viele langsam an, sich wohlzufühlen, und sagen bereitwillig, dass sie etwas gegen Juden haben.«

In dieser Situation gehört es zu den wichtigsten Aufgaben des Verbandes, weiterhin handlungsfähig zu bleiben. Regelmäßig kommt der Vorstand zusammen, um Aktivitäten und Events zu planen, mehrmals im Monat können alle Mitglieder sich bei einem Get-together austauschen oder gemeinsam Schabbat feiern. Auch eigenständig organisierte Bildungsseminare gehören zum Programm. So kam im vergangenen Jahr der Psychologe und Publizist Ahmad Mansour auf Einladung des VJSB in Kooperation mit Keren Hayesod nach München, um hier über seine Arbeit gegen Antisemitismus und Islamismus zu sprechen.

Ebenfalls 2024 lud der Verband zum Zeitzeugengespräch »Zikaron on Campus« ein, bei dem die Holocaust-Überlebende Rina Lipshic zu Gast war. Diese Veranstaltung fand im Rahmen einer von der JSUD organisierten deutschlandweiten Erinnerungsaktion statt, auch die jüdische Campuswoche wurde gemeinsam mit der JSUD organisiert.

Einen Einblick in jüdisches Leben ermöglichen

Ziel war es, an möglichst vielen Universitäten in Deutschland mit eigenen Ständen den Studierenden einen Einblick in jüdisches Leben zu ermöglichen. Diese Aktion sei lange gut angenommen worden, für das vergangene Jahr beschreibt Flaster allerdings eine veränderte Atmosphäre: »Es war deutlich zu spüren, wie unerwünscht wir waren. Viele kamen nur für sehr negative Unterhaltungen zu uns, nicht um etwas dazuzulernen.«

»Diejenigen, die schweigen, zeigen, dass ihnen jüdisches Leben total egal ist.«

Jessica Flaster

Auch deshalb tauschen die regionalen Studentenverbände und die JSUD sich seit 2024 regelmäßig und länderübergreifend in einer eigenen Runde aus. Thema sind die Situation an den Universitäten ebenso wie eigene Maßnahmen und Strategien, die an verschiedenen Orten funktioniert haben. Gemeinsam mit den eigenen Informationen der JSUD ergibt sich so ein aktuelles Bild der Lage, auf dem die weitere Planung aufbauen kann. Insgesamt, das stellt auch Jessica Flaster fest, arbeiten die jüdischen Studentenverbände deutlich strukturierter als noch vor wenigen Jahren. Da die Probleme überall in Deutschland ähnlich sind, sei es notwendig, gemeinsam zu agieren, so die VJSB-Vorsitzende: »Wir sind sonst einfach viel zu wenige.«

Für die kommenden Monate hat der VJSB wieder einige Aktionen geplant. Flaster hofft insbesondere, dass der Jahrestag des 7. Oktober viele Akteure aus der Stadtgesellschaft zusammenbringen wird. Aber auch die jüdischen Festtage stehen an, und zum Ende des Kalenderjahres wird es eine große Chanukka-Party geben. Die erhoffte Normalität von früher sei heute weit weg, beim Programm müsse man deshalb realistisch bleiben. Den eigenen Anspruch will der VJSB aber nicht aufgeben, so die Vorsitzende: »Wir haben immer versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.«

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