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Erfurt

Schicht um Schicht

Da hinten kommen die Bagger, nebenan wird die Infobox aufgebaut – das Areal am Rathausparkplatz in Erfurt ist abgesperrt. Und mittendrin steht an diesem Montag um neun Uhr Karin Sczech. Sie müsse etwas zur Seite gehen, sagt sie im Telefongespräch, denn durch die Geräte sei der Lärm doch gerade sehr deutlich. Sczech ist, so beschreibt sie sich selbst, eine »Schnittstelle« zwischen der Stadt Erfurt und dem Land Thüringen und seit 2020 Beauftragte für das UNESCO-Weltkulturerbe.

An diesem heißen Augusttag beginnen am frühen Vormittag die Ausgrabungs­arbeiten, die Klarheit über das bringen sollen, was genau sich unter dem Beton in der thüringischen Landeshauptstadt befindet. Und das, was dort gefunden werden soll, beschreibt der Verbund »Jüdisches Leben Erfurt« so: »An Stelle des Parkplatzes lag bis 1945 ein dicht bebautes Altstadtquartier. Im Mittelalter befand sich hier das Zentrum der zweiten jüdischen Gemeinde mit Synagoge, Tanzhaus und weiteren Einrichtungen. Unter dem Pflaster sind die Keller der Gebäude weitgehend erhalten. Sie sollen nach Abschluss der Grabung als archäologische Zone in Ergänzung zu den drei Welterbe-Komponenten Alte Synagoge, Mikwe und Steinernes Haus zugänglich gemacht werden.«

Groß ist die Fläche nicht – lediglich 100 Quadratmeter sind es

Aus dem Mund der Expertin wird aus der Theorie eine plastischere Beschreibung: »Die Archäologen werden all das, was die Bagger grob ausgehoben haben, von Hand weiter freilegen. Die Funde müssen nachbearbeitet werden, dann wird das alles dokumentiert. Anschließend arbeitet man Schicht für Schicht ab.« Groß ist die Fläche nicht – lediglich 100 Quadratmeter sind es. Aber die haben es eben in sich. Neben dem Tanzhaus soll es auf dem Gelände auch Wohnhäuser und den jüdischen Gemeindebrunnen gegeben haben.

Das, was über die zweite jüdische Gemeinde der Stadt bekannt ist, wisse man bislang nur aus schriftlichen Quellen. Auch deshalb seien diese Grabungen so wichtig. Durch sie sei eine zusätzliche Quelle gewonnen worden. »Damit erweitern wir unseren archäologischen Horizont«, sagt Sczech. Außerdem sollen die Ergebnisse, die es bereits gibt, noch weiter vertieft und präzisiert werden.

Die bisherigen Erkenntnisse zum Areal, heißt es in einer Pressemitteilung, beruhten auf historischen Schriftquellen und Fotografien »sowie den Bauakten der infolge des Zweiten Weltkriegs niedergelegten letzten Bebauung«. Zudem seien die »Dokumentationen, die beim Bau des Parkplatzes angefertigt wurden«, aufschlussreich. All das soll nun aufgearbeitet werden – von Experten natürlich.

Die lila Infobox will offene Fragen von Bürgern zum Projekt beantworten.

»Wir haben eine sehr erfahrene Grabungsleiterin, die schon viel in Erfurt gegraben hat. Bei diesen Projekten ist es extrem wichtig, dass man Fachleute hat, die sich auch vor Ort auskennen«, sagt Sczech, die selbst viele Jahre Expertise auf dem Gebiet der jüdischen Geschichte Erfurts hat und die Entscheidungsprozesse um die Aufnahme des jüdisch-mittelalterlichen Erbes der thüringischen Landeshauptstadt in die UNESCO miterlebt hat.

Damit so ein Projekt auch nicht an der Erfurter Stadtgesellschaft vorbeizieht, dafür ist – unter anderem – eine nicht zu übersehende lila Infobox aufgestellt. Durch sie sollen offene Fragen der Bürgerinnen und Bürger beantwortet werden. Zwar mussten für die Zeit der Grabungen zahlreiche Parkplätze weichen, doch keine Ausgrabung sei, so heißt es in einer Pressemitteilung, vorab mit so viel Information begleitet worden. »Die Resonanz in der Bevölkerung ist sehr positiv«, erzählt Karin Sczech.

Grabungen mit Freiwilligen

Es habe sogar viele Bürgerinnen und Bürger gegeben, »die sich erkundigt haben, ob sie auch mitgraben könnten«. Zwar habe es während der »Denkmalwoche« im Jahr 2011 Grabungen mit Freiwilligen gegeben, aber dieses Mal ist der Ablauf ein anderer: »Der Plan für die Ausgrabungen sieht erst einmal so aus, dass wir die Stratigrafie klären. Wir wollen sehen, wie viele Schichten es sind, die dort abzuarbeiten sind.« Somit erhalte man einen Überblick für die große Grabung, die noch anstehe.

»Was wir auch herausfinden wollen, ist das Alter des Gebäudes, von dem wir ausgehen, dass es das Tanzhaus war. Dass es mittelalterlich ist, sieht man auf den Fotos, über die umgebenden Schichten wollen wir das genaue Alter bestimmen.« Mit den abgeschlossenen Grabungen schaffe man die Grundlage für das spätere Besucherzentrum. »Denn nur so weiß man, an welchen Stelle beispielsweise gebohrt werden könnte oder was erhalten werden muss. Jetzt sammeln wir Informationen«, erläutert die Historikerin.

Die Pläne, was genau an dieser Stelle entstehen soll, klingen schon sehr real. Und auch die Jüdische Landesgemeinde, so Sczech, freue sich »über unsere Idee, dass das Gemeindezentrum in Zukunft dort sein soll. Es wird ja nicht nur ein Besucherzentrum, sondern da soll viel mehr entstehen. Ein koscheres Restaurant zum Beispiel, das gibt es ja noch nicht in Erfurt«. Allerdings könne das Projekt auch nur weiterverfolgt werden, »wenn wir alle, die daran beteiligt sind, auch zusammenbekommen. Das heißt, es ist nicht nur die Stadt, da müssen das Land und da muss der Bund mitziehen«.

Entstehen könnte ein Zentrum mit koscherem Restaurant.

Eine Summe, wie viel das Projekt kosten würde, möchte die Historikerin zu diesem Zeitpunkt nicht nennen. Vom Bund käme ein Signal, »dass gerade mit unserer Idee des Gemeindezentrums und des koscheren Restaurants« auf Rückenwind zu hoffen sei, »Land und Stadt sind sehr zögerlich, aufgrund der finanziellen Situation«.

Voraussichtlich bis zum 18. September sollen die Grabungen, die durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie beauftragt wurden, andauern. Danach werden dann erst einmal – so die Auflage des Tiefbauamts – die Parkplätze wiederhergestellt werden müssen. Die Bagger werden wieder abfahren, die Betonplatten wieder hingelegt. Bis zum nächsten Termin im Jahr 2027.

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