Auschwitz

Retter und Gerettete

Am Wochenende bekommt Ruth Melcer Besuch von ihren Kindern und Enkelkindern, die aus Israel und anderen Ländern anreisen. Sie alle wollen am Montag, den 27. Januar, den Tag vor genau 75 Jahren feiern, an dem Ruth Melcers Leben gewissermaßen ein zweites Mal begann.

Natürlich freut sie sich über den Besuch ihrer Familie, auch wenn dieser Tag für sie selbst keinen uneingeschränkten Anlass zum Feiern bietet. »Zu oft«, stellt Ruth Melcer ganz ruhig fest, »holt mich die Erinnerung ein.« Ihre Erinnerung trägt den Namen Auschwitz.

David Dushman kam als Kontigentflüchtling nach München.

Zu den Mitgliedern der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern gehört auch David Dushman, der vor einem Vierteljahrhundert als sogenannter Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetunion nach München kam. In seiner früheren Heimat war er jahrzehntelang Trainer der Damen-Nationalmannschaft im Fechten, mit der er unzählige Titel gewann, auch Weltmeisterschaften und Olympiasiege – ein mit Orden und Auszeichnungen dekorierter sportlicher Held.

faschisten Im Krieg fuhr David Dushman den russischen Kampfpanzer T-34. An der Schlacht in Stalingrad war er beteiligt, auch an zahllosen Gefechten. Zweimal wurde er schwer verwundet. Eine Feststellung ist dem in München lebenden Kriegsveteran in diesem Zusammenhang aber vor allem wichtig: »Wir haben nicht gegen die Deutschen gekämpft, wir haben gegen Faschisten gekämpft.«

Ruth Melcer und ihre jüdische Familie haben zu dieser Zeit in ihrer polnischen Heimatstadt Tomaszów Mazowiecki ums nackte Überleben gekämpft. Ausgrenzung, Repressalien, Entrechtung, Enteignung, Unterdrückung: Den Nazis entgingen auch sie nicht.

Ruth Melcers kleiner Bruder wurde bei einer sogenannten Sonderaktion ermordet.

Vor wenigen Jahren gewährte Ruth Melcer in einer Feierstunde in der Ohel-Jakob-Synagoge tiefe Einblicke in ihre Biografie. »Hier vor ihnen zu stehen«, sagte sie bei dieser Gelegenheit, »empfinde ich als Verpflichtung gegenüber meinem im Alter von sechs Jahren ermordeten Bruder Mirek, meinen Großeltern, Tanten und Onkeln. Der Tod meines Bruders und meine Ohnmacht, ihn als ältere Schwester nicht retten zu können, begleiten mich bis heute.«

Die ältere Schwester, die ihren kleinen Bruder nicht retten konnte, der bei einer »Sonderaktion« zusammen mit anderen Kindern von den Nazis ermordet wurde, war zu diesem Zeitpunkt selbst ein Kind und gerade einmal neun Jahre alt.

Jahrelang war die Familie unmenschlichen, von den Nazis geschaffenen Lebensbedingungen ausgesetzt. Am Ende, im Sommer 1944, fanden sich Ruth und ihre Eltern in der Hölle von Auschwitz wieder.

häftlingsnummer Von ihrer frühen Kindheit in ihrer Heimatstadt weiß sie kaum noch etwas. »Die Erinnerung an meine Kindheit beginnt erst mit Auschwitz«, stellt sie fest und beschreibt auch ihren Zustand zum Zeitpunkt ihrer Befreiung am 27. Januar 1945. »Ich wusste nur noch meinen Namen und meine Häftlingsnummer«, erzählt sie.

David Dushman walzte mit seinem Panzer den Zaun in Auschwitz nieder und befreite die Häftlinge.

David Dushman sieht zum gleichen Zeitpunkt halb und gänzlich verhungerte Menschen, Leichenberge, Hoffnungslosigkeit, unsägliches Leid. Er war es, der mit seinem Panzer in Auschwitz den Zaun niederwalzte und das Ende des Vernichtungslagers besiegelte. Was Auschwitz wirklich war, eine Todesfabrik, wusste er damals noch nicht. »Das habe ich erst nach dem Krieg erfahren«, berichtet er.

Ruth Melcer, deren Eltern die berüchtigten »Todesmärsche« am Ende des Krieges überlebten, hat nach Umwegen in München den Mann ihres Lebens und eine neue Heimat gefunden, ist dreifache Mutter und glückliche Großmutter von sechs Enkelkindern, darunter ein Zwillingspaar. Ganz losgelassen hat sie die Vergangenheit dennoch nicht. »Ich werde immer wieder einmal davon eingeholt«, sagt sie.

Vor fünf Jahren hat sie gemeinsam mit Ellen Presser, der Leiterin der IKG-Kulturabteilung, Ruths Kochbuch veröffentlicht, in dem die Schoa-Überlebende Die wunderbaren Rezepte meiner jüdischen Familie vorstellt und Sequenzen ihres bewegten Lebens schildert.

zeitzeugen Zeitzeugen wie Ruth Melcer und deren Authentizität sind für Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und selbst Holocaust-Überlebende, gerade in der heutigen Zeit von immenser Bedeutung. »Immer mehr Menschen wollen die Geschichte hinter sich lassen und von den Ungeheuerlichkeiten nichts mehr wissen«, stellt Knobloch fest und mahnt zugleich, dass dieser Mechanismus fatale gesellschaftliche Entwicklungen ausgelöst habe.

Ruth Melcer hat lange gezögert, den Ort des Schreckens noch einmal aufzusuchen.

Angesichts ihrer Erlebnisse ist die Aussage von Ruth Melcer, keine Angst mehr zu empfinden, durchaus nachvollziehbar. Die AfD und andere politische Entwicklungen am rechten Rand nimmt sie dennoch aufmerksam und zugleich sorgenvoll wahr: »Der Gedanke an eine Zukunft, in der sich Antisemitismus, Rassismus, Hass und Menschenverachtung weiter ausbreiten, macht mich traurig.«

Ruth Melcer hat lange gezögert, Auschwitz, den Ort des Schreckens, noch einmal aufzusuchen. Erst anlässlich des 50. Jahrestags der Befreiung wagte sie sich wieder dorthin. »Es war sehr verwirrend für mich. Wahrscheinlich sind zu viele Emotionen auf einmal hochgekommen«, erzählt sie von dem Besuch.

David Dushman, den Befreier von Auschwitz, »ihren« Befreier, der per Zufall in München landete, hat sie bei einer Veranstaltung der IKG bislang nur flüchtig kennengelernt. Aber jetzt möchte sie einen direkten Kontakt herstellen. »Vielleicht weiß er noch Dinge von diesem Tag, die ich nicht kenne und die mich interessieren könnten«, hofft die Auschwitz-Überlebende.

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