Jewrovision

Party der Herzen

Wie groß ist dieses Herz denn bitte schön? Riesig, rot und mit viel Platz im Inneren steht es an einem Eingang in der Dortmunder Messehalle. Und alle wollen in seine Mitte, ein Selfie machen, ein Gruppenfoto – getreu dem Motto der diesjährigen Jewrovision »United in Hearts«. Vereint, gemeinsam, zusammen, gerade jetzt.

Für 1300 Jugendliche aus den Jugendzentren der Gemeinden ist die Jewrovision ein Highlight in ihrem Jahr. Eingebettet in ein mehrtägiges Mini-Machane, steht die Jewro für Freunde treffen, feiern, Schabbat halten, für Show, Schminken, Singen, Spaß haben. Sie ist, seitdem sie vor 23 Jahren während einer Ferienfreizeit in Bad Sobernheim ins Leben gerufen wurde, eine Konstante im Leben vieler Jugendlicher und mittlerweile dem Jewro-Alter Entwachsener.

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Die 16-jährige Eden ist zwar noch im besten Jewrovision-Alter, aber selbst für den Teenager ist es schon die sechste Ausgabe. »Das Schöne an der Jewrovision ist ja«, sagt sie, »dass sie genauso ist wie immer.« Etwas Neues, etwas noch Herausragenderes bräuchte es gar nicht.

Dass es diesen Ort gibt, an dem sich junge Jüdinnen und Juden treffen könnten, ohne sich lange erklären zu müssen, das ist nicht nur für Eden ein wichtiger Punkt. Viele, die sich wie sie am frühen Sonntagabend im Backstage-Bereich auf ihren Auftritt vorbereiten, sehen das ähnlich. Wie Emil oder Sascha oder David – die aber jetzt alle gern weitermachen wollen, denn in gut einer Stunde geht es los. Und die Aufregung hinter der Bühne, diese magischen Momente zwischen Vorfreude, Haare föhnen, T-Shirts bügeln, einsingen – und im Smartphone nachsehen, ob man in einer Story markiert wurde –, gehören ganz allein den Jugendlichen, die in 14 Teams auf der Bühne stehen werden, auf der gerade noch die Proben für die Halftime-Show laufen. Nebenan wummern die Bässe, die Musik wird lauter.

Fast fünf Stunden später wird es für einen Moment etwas leiser. Gerade sind der Special Act Static und seine Band von der Bühne gegangen, die Moderatoren der Jewrovision, Masha JamFM und Gregor Peskin betreten die Bühne, denn nun geht es zur Punktevergabe für die 14 Acts, die den Abend mit ihren Performances und Videos einzigartig haben werden lassen. Wie das Juze Chasak aus Hamburg, das die Jewro eröffnete, wie Elef Drachim aus Saarbrücken und Trier, die Kids von JuJuBa, der Jüdischen Jugend Baden, oder dem Juze Kadima aus Düsseldorf.

Die prominent besetzte Jury, die Juze-Leiter haben entschieden: Kavanah Aachen und Jachad Köln haben die Jewro 2025 gewonnen. Mit ihrem Song »Wenn die Welt bricht über mich« bekamen sie 143 Punkte und waren somit vor JuJuBa (139 Punkte), die auf Platz zwei kam, und dem mit 128 Punkten drittplatzierten Juze Halev aus Stuttgart. Die Stuttgarter waren nachträglich auf Platz drei gekommen, nachdem das Regelwerk der Jewrovision angewendet werden musste: Amichai aus Frankfurt und Halev hatten beide gleich viele Punkte, in diesem Fall zählen die Stimmen der Juze-Leiter. Die vergaben zehn an Stuttgart und neun an Frankfurt. Dabei sein ist auch bei der Jewro alles – daher keine Tränen, und wenn doch, dann sind sie schnell getrocknet.

Joel Schneider und DJ Levinsky waren die Stars der Halbzeit-Show

Viele Herzen flogen an diesem Abend durch den Saal. Boomer-Herzen – mit beiden Daumen und Zeigefingern geformt – und Gen-Z-Herzen – mit dem Zeige- und Mittelfinger geformt – gleichermaßen. Und auch bei den Eröffnungsreden gab es viele warme Worte und Support.

Zentralratspräsident Josef Schuster freute sich, »so viele junge Jüdinnen und Juden, Seite an Seite und im Herzen vereint, hier zu sehen. ›United in Hearts‹. Ich weiß, dass diese Unbeschwertheit, die ich hier erlebe, in diesen Zeiten leider eine Seltenheit in euren Leben geworden ist. Nutzt daher diesen Tag, um all diese Gefühle und Solidarität in euch aufzunehmen: Ihr seid nicht allein in dieser stürmischen Zeit«.

Ihre Jewrovision-Premiere hatte Bundesfamilienministerin Karin Prien. In ihrer Rede ging sie auf die Bedeutung der Vielfalt ein. »Wir sind vielfältig, in der jüdischen Community und darüber hinaus. Und das ist etwas sehr Schönes! Denn Musik und das Zusammenleben in der Gesellschaft haben etwas gemeinsam: Eintönigkeit ist langweilig – erst viele verschiedene Stimmen bereichern, bringen Leben in die Sache«, sagte Prien. Als Bundesministerin mit jüdischen Wurzeln wünsche sie sich, dass »United in Hearts« für die ganze Gesellschaft gelte – »wir einander mit Respekt, Akzeptanz und Offenheit begegnen«.

Der Abend – und damit das unbestrittene Highlight des mehrtägigen Mini-Machanes – wird den Jugendlichen mit Sicherheit noch lange in Erinnerung bleiben, aber die prägenden Tage mit jüdischen Jugendlichen, mit anderen Freunden aus jüdischen Gemeinden sind insgesamt eine tiefe emotionale Erfahrung.

Die gemeinsame Schabbatfeier, Workshops und ein intensives Begleitprogramm zum Alltag nach dem 7. Oktober 2023, darunter auch ein Gespräch mit einer Überlebenden des Anschlags der Terrororganisation Hamas. Wie geht man mit dem Alltag um, wie bleibt man resilient, welche Erfahrungen machen die anderen? Über diese Fragen wurde immer wieder diskutiert. Nach der gemeinsamen Gedenkzeremonie »Bring Them Home« ließen die Jugendlichen weiße Schaumherzen steigen. Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann sagte anschließend: »Wir lassen uns nicht sagen, wo wir unser Judentum leben. Wir werden immer stolz sein.«

»Wir sind vielfältig, in der jüdischen Community und darüber hinaus«

Um den 1300 Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass sie nicht allein sind, gab Marat Schlafstein den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bereits zum Start in die neue Woche Sätze mit auf dem Weg, die sie sicher so schnell nicht vergessen werden. Der Abteilungsleiter für Programme und Veranstaltungen beim Zentralrat sagte: »Wir gehören hierher. Wir gehören in dieses Stadion. Wir gehören in andere Stadien. Wir gehören in unsere Schulen. Wir gehören in unsere Innenstädte. Wir gehören in unsere Gemeinden. Wir gehören hierher.« Und die Jewro gehört zum jungen jüdischen Leben fest dazu.

Das feierten die vielen Kinder und Jugendlichen bis zum Ende der After-Show-Party. In einem Jahr werden sie sich wiedersehen, dann wieder mit Herz, beim Juze Halev in Stuttgart – zur 23. Jewrovision.

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