Prävention

Judentum erklären

Rabbiner Shneur Trebnik (l.) ist für die Polizei in Württemberg, Moshe Flomenmann für die Polizei in Baden zuständig. Foto: Philipp Rothe, VK

Das Bundesland Baden-Württemberg hat erstmals in seiner Geschichte Polizeirabbiner ernannt. Für Württemberg wurde Shneur Trebnik von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) in dieses Amt eingesetzt. Für Baden wird Moshe Flomenmann die Polizisten und Polizeischüler betreuen.

»Wir als jüdischer Landesverband haben sehr positive Erfahrungen mit Vertretern der Polizei in Württemberg«, betonte IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub. »Mit der Berufung der Polizeirabbiner erhoffen wir uns, den von Offenheit und Toleranz geprägten positiven Umgang der Polizei mit allen Bürgern weiter zu vertiefen.«

Auch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) begrüßte die Ernennung der Polizeirabbiner. Der Stuttgarter Rabbiner Yehuda Pushkin, Vorstandsmitglied der ORD, sagte: »Wir hoffen, dass auch die weiteren 15 Bundesländer diesem Beispiel folgen werden, um zu zeigen, dass jüdisches Leben in Deutschland eine selbstverständliche Normalität ist.«

Bekanntmachen »Überall vor den Synagogen stehen Polizisten. Und es ist wichtig, dass sie dort stehen. Aber wer von ihnen hat je eine Synagoge von innen gesehen?«, fragt Moshe Flomenmann. Auch Polizisten sollten Rabbiner kennenlernen, verstehen, was eine Torarolle ist, von den alten jüdischen Traditionen erfahren und wissen, dass das Judentum eine abrahamitische Religion ist.

»Ich hoffe, Vorurteile über das Judentum abbauen zu helfen. Wir wollen nicht nur über den Holocaust sprechen, sondern über das aktuelle Judentum«, sagt der 38-Jährige. Flomenmann spricht von einem »Bildungsplan«, der an den Polizeischulen zum Thema Judentum umgesetzt werden soll. Angehende Polizistinnen und Polizisten sollen so für die Thematik sensibilisiert werden. »Wenn von sechs Millionen Holocaustopfern gesprochen wird, ist das für die meisten Menschen eine abstrakte Zahl«, so der Landesrabbiner. »Wenn du aber eine konkrete Geschichte weißt, hast du einen persönlichen Bezug.«

Ukraine Moshe Flomenmann wurde 1982 in Berdichev in der Ukraine geboren und wanderte in den 90er-Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland aus. Die Familie lebte zunächst in Chemnitz. Er besuchte die Jüdische Akademie in Kopenhagen und studierte an einer Jeschiwa in Manchester. Im Alter von 21 Jahren erhielt er seine Smicha. Nach Rabbinerstellen in Lörrach, Dessau amtierte er in Halle/Saale und war Landesrabbiner von Sachsen-Anhalt.

»Wenn Menschen wissen, dass Juden Menschen wie alle anderen, nur mit einer anderen Religion, sind, kann ein Anschlag wie der auf die Synagoge in Halle eigentlich nicht mehr passieren«, glaubt Moshe Flomenmann. 2019 hatte ein schwer bewaffneter Rechtsextremist versucht, zu Jom Kippur in die Synagoge einzudringen, um die anwesenden Beter zu töten.

Angriff Antisemitismus kennt der Landesrabbiner auch aus Baden, wohin er 2011 zurückgekehrt war und als Landesrabbiner amtiert. Hier war einem Juden beim Training in einem Fitnessstudio die Kippa weggerissen worden.

Das Demokratiezentrum Baden-Württemberg zählte 200 antisemitische Vorfälle in einem Jahr.

Deutschlandweit werden pro Tag mindestens fünf Übergriffe auf jüdische Bürger gezählt. 2017 wurde die Synagoge in Ulm geschändet. 200 antisemitische Vorfälle zählt das »Demokratiezentrum Baden-Württemberg« innerhalb nur eines Jahres. 2018 äußerte sich Rami Suliman, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG), in der »Welt« über »antisemitische Vorfälle«, denen vor allem jüngere Gemeindemitglieder auf Schulhöfen ausgesetzt waren. »Wir wollten nicht warten, bis wieder etwas passiert«, sagt Rami Suliman. Auch deshalb habe man gemeinsam mit dem Antisemitismusbeauftragten der Landesregierung, Michael Blume, die Polizeirabbiner ernannt.

»Inhaltliche Präferenzen müssen noch detailliert erarbeitet werden«, so Suliman. »Wir wollen in allen Bundesländern Polizeirabbiner ernennen«, sagt der Vorsitzende der IRG Baden. Deshalb werde man das Thema auch in den Zentralrat der Juden in Deutschland hineintragen und besprechen. »Wir sind hier in Baden-Württemberg sehr zufrieden, was die Zusammenarbeit mit der Landesregierung und den Schutz jüdischen Lebens betrifft«, so Suliman.

Synagogen-Besuch Erfahrungen mit Polizeischülern hat Shneur Trebnik in seiner Synagoge schon gemacht. Nach einem Besuch und einer Fragerunde vor einigen Monaten bekannten die jungen Frauen und Männer, »ein ganz anderes Bild vom Judentum als bisher« zu haben. Bildungsarbeit wirkt offenbar.

»Du Jude« sei das meistgebrauchte Schimpfwort an Schulen, stellte die Schriftstellerin Gila Lustiger 2018 fest. Wenn dann auch im Landtag von Baden-Württemberg aus den Reihen der AfD-Fraktion oder aus rechtsextremen Chats von Polizisten antisemitische Verunglimpfungen publik werden, kommt die Ernennung von Polizeirabbinern gerade noch rechtzeitig.

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