Restitution

Ideeller Wert

Die Bücher waren einst im Besitz von Julius und Ernst Blau. Foto: Baunemann

Ein Sammelkatalog gehört dazu und eine »Geschichte der talmudischen Zeit« – das sind nur zwei der insgesamt fünf Bücher, die am vergangenen Montag von der Frankfurter Universitätsbibliothek (UB) an die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main zurückgegeben wurden.

Das Suchen, Finden und Zuordnen der Bücher hat mehrere Jahre in Anspruch genommen. Seit 2020 hatte ein Provenienz-Team der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg der Goethe-Universität Frankfurt deren Bestände nach NS-Raubgut durchsucht, um Bücher an die rechtmäßigen Eigentümer übergeben zu können.

Für eine Bibliothek ein nicht unwesentlicher Aufwand, weiß Rachel Heuberger vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main. Sie selbst leitete bis vor wenigen Jahren die Judaika-Sammlung in der Uni-Bibliothek. Die Umsetzung des Washingtoner Abkommens von 1998 habe, sagt Heuberger im Gespräch mit der »Jüdischen Allgemeinen«, sehr lange gedauert, »aber in einem Museum oder in einer Bibliothek kann man so etwas nicht einfach mal nebenbei machen«.

»Wenn es keinen Stempel, kein Exlibris gibt, dann kann man die Bücher nicht einfach zuordnen«

Die Frankfurter Universitätsbibliothek besitzt Millionen von Bänden. Man könne nur nach bestimmten Signaturgruppen suchen, »und wenn es keinen Stempel, kein Exlibris gibt, dann kann man die Bücher nicht einfach zuordnen«. Im Fall der fünf Bücher »hatten wir allerdings durch die Stempel einige Hinweise und konnten so den Eigentümer feststellen«, sagt Heuberger.

Die Eigentümer der Bücher, Julius und Ernst Blau, seien bekannte Namen in der Gemeinde. »Die Israelitische Gemeinde war von den Blaus durch einen Erbvertrag von 1936 als Alleinerbin eingesetzt worden. Als solche wurde sie 1964 für die Verluste der Familie in geringem Umfang ›entschädigt‹ für damals geleistete Abgaben wie Judenvermögenssteuer, Reichsfluchtsteuer und die Dego-Abgabe bei der Ausreise von Ernst Blau«, heißt es in der Pressemitteilung der Goethe-Universität.

Das Haus der Blaus war 1938 in der Pogromnacht abgebrannt worden.

Das Haus der Blaus war 1938 in der Pogromnacht abgebrannt worden. Auf welchem Weg die Bücher in die UB gelangt sind, lasse sich nicht mehr nachvollziehen. »Aufgrund der Signatur ist nur sicher, dass sie vor dem Ende der NS-Herrschaft hierher gelangt sein müssen.«

Für die Jüdische Gemeinde ist die Rückgabe trotzdem ein bedeutendes Ereignis: »Es geht nicht um einen materiellen, sondern wirklich um einen ideellen Wert. Der Wert des Werkes an sich ist nicht groß, aber eben die Bedeutung«, betont Rachel Heuberger. Außerdem sei die Rückgabe »sehr wichtig als Anerkennung des Unrechts, das den Juden in Frankfurt angetan wurde«.

11.531 Werke in 14.085 Bänden

Vor der NS-Zeit umfasste die Bibliothek der Israelitischen Gemeinde 11.531 Werke in 14.085 Bänden, wie Bibliothekar Ernst Blau 1932 vermerkte. Darunter befand sich die Büchersammlung des Marburger Philosophen Hermann Cohen und als Leihgabe die Sammlung des Frankfurter Orientalisten Raphael Kirchheim. Später wurde die Bibliothek – wie das meiste jüdische Eigentum – von den Nationalsozialisten geraubt.

Die zurückerhaltenen Bücher werden nun in den aktuellen Bestand der Jüdischen Gemeinde aufgenommen. »Wir bauen eine Bibliothek in der Gemeinde auf, die zwar noch nicht öffentlich zugänglich ist, aber wenn jemand ein berechtigtes Interesse hat, dann kann man einen Termin ausmachen und sich die Werke anschauen.« Ob es nur bei diesen fünf Büchern bleibt? »Wir gehen davon aus, dass noch weitere Bände auch mit Stempeln zu finden sein werden.«

Gefahrt

Antisemitische Gewalt an Halloween?

In einem Schreiben rät der Zentralrat der Juden für das Wochenende zu Vorsicht und empfiehlt verschärfte Sicherheitsmaßnahmen

 28.10.2026

Seele

Wenn alles zu viel ist

Erstarkende Extreme, Gedanken ans Auswandern, Rechtfertigen im Alltag – eine virtuelle Begegnung mit Jüdinnen und Juden und der Frage: Wie gehtʼs dir?

von Katrin Richter  27.10.2026

Ausstellung

Waschgefäß ohne Geschichte

Das Jüdische Historische Institut in Warschau zeigt Exponate aus dem ehemaligen Berliner Jüdischen Museum – ohne klare Verweise und mit auffälliger Distanzierung

von Ingo Loose  27.10.2026

Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens: Akademie öffnet

Es ist die erste Institution dieser Art in der Bundesrepublik. Was hat es damit auf sich?

 27.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026

Brandenburg

Neuer Staatsvertrag für jüdische Gemeinden in Brandenburg

In Brandenburg hat die Bekämpfung des Antisemitismus seit 2022 Verfassungsrang. Nun soll der Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden verbessert werden

 25.10.2026

Porträt der Woche

Die Erinnerung muss bleiben

Thomas Gabelin wurde in Theresienstadt geboren. Heute ist er aktiver Zeitzeuge

von Christine Schmitt  25.10.2026

Jubiläum

Brücke nach Israel

TAMAD feiert 25 Jahre Freundschaft und kulturellen Dialog mit dem jüdischen Staat

von Luis Gruhler  25.10.2026

Brustkrebs

»Vorsorge ist entscheidend«

Hannah Arbitmann über Mammakarzinome, Gentests und die Menopause

von Katrin Richter  23.10.2026