Porträt der Woche

»Ich bin wie Müller«

Fast täglich auf dem Rasen: Dan Harman (18) Foto: Christian Rudnik

Porträt der Woche

»Ich bin wie Müller«

Dan Harman hat gerade Abi gemacht. Mitte Juli fährt er zur Maccabiah nach Israel

von Katrin Diehl  25.06.2013 07:28 Uhr

Alles ist vorbei. Abi? Erledigt. Schule? Erledigt. Ich freue mich total, jetzt wird einfach nur entspannt. Ich schlafe aus, und zwar richtig. Es wird zehn, elf oder auch mal drei Uhr nachmittags, wenn ich die Nacht davor mit Freunden gefeiert habe. Tagsüber bin ich viel draußen, lass mich schön braun werden, abends dann wieder Freunde treffen, Klubs besuchen ...

Über WhatsApp machen wir aus, was wir aktuell unternehmen. An heißen Tagen sind die Seen um München angesagt, oder wir gehen an die Isar. In den vergangenen Wochen saß ich in meinem Zimmer und habe viel gelernt. Ich bin ein fleißiger Schüler, das war ich schon immer.

Abitur Wenn am nächsten Tag eine Prüfung anstand und ich den Stoff noch nicht ganz draufhatte, dann habe ich eben die Nacht durchgearbeitet. Das Ergebnis ist ein Abi-Schnitt von 1,8. Damit bin ich zufrieden. Meine Eltern sagen, es hätte noch besser sein können. Ich glaube aber, dass sie im Grunde auch zufrieden sind, mir nur zeigen wollen, dass immer noch ein bisschen mehr drin ist. Und damit haben sie wahrscheinlich sogar recht.

Chemie war im Abi mein schlechtestes Fach. Chemie, Physik, Bio gehen bei mir gar nicht. In Chemie wurden’s dann neun Punkte, das ist eine Drei plus. Die elf Punkte in Reli sind zwar in Ordnung, ich hatte aber mit mehr gerechnet. Wir mussten über Tikkun Olam schreiben, die Vervollkommnung der Welt.

Meine Freunde wissen alle, dass ich jüdisch bin. Das ist aber überhaupt kein Thema. Ich habe jüdische und nichtjüdische Freunde. Zwar bin ich keiner, den man jeden Tag in der Gemeinde am Jakobsplatz trifft, aber an jüdischen Feiertagen oder wenn eine Barmizwa ansteht, bin ich natürlich in der Synagoge.

15 Punkte Mein absolut bestes Fach im Abi war Sport. Das setzte sich fifty-fifty aus Theorie und sportlichen Leistungen zusammen. Ich musste zeigen, was ich im Fußball draufhabe – mein absolutes Ding also –, und ich musste schwimmen. Da war mir die Eins sicher, aber dann im Abi habe ich es sogar in der Theorie auf 15 Punkte geschafft. Besser geht es nicht! Ich bin eben ein Sportler, durch und durch, ein Fußballer, obwohl ich als kleines Kind davon erst einmal nichts wissen wollte.

Geboren wurde ich in München; Anfang des Jahres bin ich 18 geworden. Demnächst fliege ich nach Israel zur Maccabiah. Zusammen mit meinen Fußballerkollegen von Maccabi München will ich – na ja, was sonst: gewinnen! Dass ich dabei sein darf, hat mich total gefreut. Übrigens macht auch meine kleine Schwester mit. Sie ist 15 und spielt ebenfalls Fußball, in der Damenmannschaft.

Unsere Familie ist sehr sportlich – vor allem mein Vater! Als er jung war, wäre er fast in die Schwimmauswahl von Deutschland gekommen. Er kann fast alles. Obwohl er auf die 50 zugeht, hält er noch richtig mit mir mit. Und beim Radfahren ist er sogar noch besser als ich. Wenn er es zeitlich hinbekommt, will er auch nach Israel fliegen zur Maccabiah, um zuzuschauen.

Mein Vater und ich, wir sind die absoluten Bayernfans, für die Spiele haben wir eine Jahreskarte. Schweinsteiger ist mein Lieblingsspieler. Wie der das Spiel von der Schnittstelle zwischen Angriff und Verteidigung aus dirigiert, das ist einfach perfekt. Ich bin aber eher ein Müller, so ein Wusler und Kämpfer. Meine Mutter ist bei uns die Einzige, die dem Sport eher wenig abgewinnen kann. Dafür umsorgt sie uns – und zwar bestens.

2011 war ich schon in Wien dabei, bei den Europäischen Makkabi-Spielen. Auch das hat mir total Spaß gemacht. Aber das jetzt in Israel, das wird natürlich noch mal etwas ganz anderes. Israel ist einfach super. Wir machen dort fast jedes Jahr Urlaub, ich habe da viel Familie. Aber leben wollte ich dort auf keinen Fall. Das wäre mir viel zu stressig. Was in Israel vor sich geht, darüber muss ich mich nicht groß aus Zeitungen oder Fernsehen informieren. Meine Mutter hält mich bestens auf dem Laufenden. Im Grunde redet sie Tag und Nacht davon. Israel ist ihr eben sehr nah.

spätzünder Was den Sport anbelangt, bin ich ein Spätstarter. Ich war sechs oder sieben Jahre alt, da wollten mich meine Eltern in einen Fußballverein stecken. Dazu hatte ich aber absolut keine Lust. Ich wollte keinen Sport machen.

Das änderte sich erst in der 6. oder 7. Klasse, da habe ich bei Maccabi angefangen. Dafür, dass ich erst so spät dazugekommen bin, habe ich mich recht schnell entwickelt. Im zweiten oder dritten Jahr war ich Kapitän meiner Mannschaft und habe als Libero die Innenverteidigung dichtgehalten. Wir haben viel gewonnen, solange es nicht aufs Großfeld ging. Da ist dann unsere Mannschaft auseinandergefallen, auch weil wir zu wenige Spieler hatten.

Mit 14 oder 15 bin ich deshalb zum Fußballverein Ottobrunn gewechselt; das ist südlich von München, da wohnen wir. Ich wurde mit einem Schlag Stürmer. Ein Kumpel von mir, der auch zu Ottobrunn gewechselt war, und ich, wir haben dann die Mannschaft noch zur Meisterschaft geschossen. Meine Bilanz kann sich sehen lassen: zehn Spiele, zehn Tore.

Beim letzten Spiel, das war richtig dramatisch, mussten wir nur noch ein Unentschieden holen gegen Poing, die standen in der Mitte der Tabelle, aber dann waren sie plötzlich in Führung bis kurz vor Schluss. Aber dann hat einer aus unserer Mannschaft in letzter Minute noch ein Tor gemacht, und wir wurden Meister. Und das gleich in meiner ersten Saison!

Chef Bei Maccabi München bin ich Trainer, Co-Trainer, und zwar bei den Kleinen, die allerdings gerade anfangen, groß zu werden und mir manchmal auf der Nase herumtanzen. Es ist die E1, Jahrgang 2001/2002, die sind also so etwa elf, zwölf Jahre alt. Das macht mir echt Spaß, auch weil der Cheftrainer, mit dem ich zusammenarbeite, der Coach ist, der mich am Anfang meiner Fußballerkarriere zum Kapitän gemacht hat.

Außerdem verdiene ich dabei auch etwas Geld, und das kann ich gebrauchen. Ich habe nämlich ein eigenes Auto. Das haben mir, zumindest zur Hälfte, meine Eltern gekauft. Ziemlich nett von ihnen, finde ich. Die andere Hälfte habe ich von meinem Barmizwa-Geld bezahlt. Fürs Benzin muss ich aber komplett allein aufkommen. Und das ist nicht wenig, weil ich doch recht viel und gerne herumfahre, zum Beispiel ins Fitnessstudio, wenn ich keine Lust habe zu radeln, weil es regnet.

Auf die Maccabiah bereite ich mich nicht irgendwie besonders vor. Das ist nicht nötig, weil ich sowieso schon die ganze Woche Sport treibe. Und das war während der Schulzeit nicht anders. Am Montag- und Mittwochabend habe ich Fußballtraining. An den Tagen, an denen ich kein Training habe, spiele ich mit meinen Freunden auf dem Bolzplatz. Und am Wochenende ist dann eben ein Ligaspiel.

fitness Während der Abizeit habe ich gelernt, bin ins Fitnessstudio gegangen und habe danach weitergelernt. Manchmal bin ich abends noch zu Freunden, manchmal habe ich ein bisschen ferngesehen oder bin einfach früh ins Bett, um am nächsten Tag wieder fit zu sein.

Ich ernähre mich auch ziemlich vernünftig, esse am liebsten Fleisch, am besten jeden Tag, abends viel Obst und Gemüse. Cola trinke ich keine mehr, weil meine Mutter mir gesagt hat, dass Cola die Knochen kaputtmache. Und meine Mutter weiß wirklich alles. Das meine ich ernst.

Demnächst ist Abiball, dann kommt eine Woche Abifahrt nach Bulgarien ans Schwarze Meer, danach geht’s auf zur Maccabiah nach Israel. Im Herbst möchte ich dann anfangen zu studieren: Jura. Ich habe mich auch als Animateur beim Robinson Club beworben – das wäre mein Ding! Außerdem läuft eine Bewerbung in New York und eine bei einer Event-Marketing-Agentur. Also, ich bin nicht einer, der lange rumchillt.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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