Perspektive

»Gewachsener Zusammenhalt«

»Die wenigen positiven Aspekte wollen wir für die Zukunft bewahren«: Charlotte Knobloch Foto: Sharon Bruck

Perspektive

»Gewachsener Zusammenhalt«

2020 war ein Jahr voller Herausforderungen, aber auch eine Zeit, in der sich gezeigt hat, wie stark die jüdische Gemeinschaft sein kann

von Charlotte Knobloch  24.12.2020 11:23 Uhr

Die Umwälzungen, die wir im Laufe der vergangenen zwölf Monate erleben mussten, haben uns ohne Vorwarnung und mit voller Wucht getroffen. Anstatt das Jahr in ruhigem Fahrwasser zu durchqueren, navigieren wir seit Monaten durch einen heftigen Sturm, dessen Ende nur sehr entfernt abzusehen ist.

Sie alle erinnern sich noch an die Tage im Frühjahr, die sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben. Jeder von uns kann seine eigene Geschichte davon erzählen, wie das »neuartige Coronavirus« von der kleinen Zeitungsmeldung erst zum Tagesgespräch, dann zum Grund für ernste Besorgnis und schließlich zum alles bestimmenden Thema wurde, das das gesellschaftliche Leben lahmlegte und Pläne, Tagesabläufe und ganze Lebensentwürfe durcheinanderbrachte. Innerhalb weniger Wochen wurde 2020 zu einem Jahr, das in den Geschichtsbüchern besonders vermerkt werden wird.

Auch wenn wir alle auf die Erfahrung dieser geschichtsträchtigen Monate gern verzichtet hätten: Es galt, aus einer unsicheren und kaum einzuschätzenden Situation das Beste zu machen. Darüber, wie gut dies unserer Münchner Kultusgemeinde gelungen ist, wurde schon oft gesprochen und geschrieben, auch von mir.

krisenmanagement Es darf aber angesichts der monumentalen Leistung in den vergangenen Monaten noch einmal wiederholt werden: Was die Mitarbeiter, die zahlreichen Freiwilligen und das gerade erst begründete Krisenmanagement-Team in der unendlich schwierigen Corona-Zeit vollbracht haben, ist kein bisschen weniger beispiellos als die Herausforderung, der wir uns gegenübersahen.

Es galt, aus einer unsicheren und kaum einzuschätzenden Situation das Beste zu machen.

Unsere Gemeinde ist an der gewaltigen Aufgabe gewachsen, und das macht mich stolz – auch jetzt noch, da diese Herausforderung uns erneut begegnet. Zugleich hoffe ich inständig, dass wir alle in diesem schwierigen Winter nunmehr in der Lage sind, mit den notwendigen Einschränkungen klüger und zielgerichteter umzugehen. Das Gemeindeleben beispielsweise konnte bislang trotz vieler Änderungen zumindest in Grundzügen weitergeführt werden; das ist ein bedeutender Teilerfolg.

Andernorts begegnen wir hingegen Problemen, die sich unserem Zugriff entziehen. Mit welcher Wut etwa die Corona-Krise im zurückliegenden Jahr die Untiefen von Desinformation und Verschwörungstheorien aus den dunklen Ecken des Internets auf unsere Straßen und Plätze katapultiert hat, hat zumindest mich schockiert.

Die Zahl der Menschen, die sich ausgerechnet mitten in einer nationalen Notlage von der gemeinsamen Realität unserer Gesellschaft abkoppeln, die die Institutionen unseres demokratischen Staates ablehnen und die in all ihrem Halbwissen und Geraune in großem Stil Motive des Judenhasses verbreiten, ist erschreckend.

»Querdenken« Vom sechszackigen Stern mit der bizarren Aufschrift »Ungeimpft« über Vorwürfe, »die Juden«, der Staat Israel oder einzelne jüdische Philanthropen seien Urheber oder Nutznießer der Pandemie: Nichts ist zu absurd, kein Vorwurf zu weit hergeholt, keine antisemitische Lüge zu dreist, als dass »Querdenken« sie nicht öffentlich wiederholen würden. Dass diese Bewegung inzwischen ins Visier des Verfassungsschutzes geraten ist, kann ich daher nur begrüßen.

Den Grundstein für eine solche groß angelegte Entfremdung von der Demokratie haben auch Parteien wie die AfD gelegt, die das Vertrauen in den freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat seit Jahren untergräbt und die selbst noch in dieser Situation gezielt Misstrauen gegenüber dem »System« schürt. Es nimmt leider nicht wunder, dass in diesem aufgeheizten und verunsicherten gesellschaftlichen Klima Extremismus jeder Spielart besonders gut gedeiht. Anschläge wie in Hanau, aber zuletzt auch in Dresden, Hamburg, Paris, Nizza und Wien haben gezeigt, wie groß die Bedrohung für die freie Gesellschaft ist, in und von der die jüdische Gemeinschaft lebt.

In München sind wir von solchen Vorfällen zum Glück weitgehend verschont geblieben – auch wenn der Übergriff etwa auf Rabbiner Brodman im Sommer uns erneut gezeigt hat, dass jüdisches Leben auch in unserer Stadt noch längst nicht die Selbstverständlichkeit ist, als die es in politischen Reden gerne beschrieben und herbeigewünscht wird.

Mehr noch als in den Vorjahren geht unser Blick angesichts aktueller Entwicklungen nach vorn.

Selbstverständlich wird jüdisches Leben auch so lange nicht sein, wie es lediglich unter Polizeischutz und mit besonderen Sicherheitsmaßnahmen existieren kann. Genau das bleibt aber auf absehbare Zeit der Fall: Wie es einer jüdischen Gemeinde ohne Polizisten vor der Tür ergeht, haben die Gottesdienstbesucher in Halle im Oktober vergangenen Jahres erfahren müssen. Der Anschlag von damals steht uns allen noch immer sehr deutlich vor Augen.

Grundfesten Gerade in solchen Zeiten täte ein Gedenken not, das an die Grundfesten des demokratischen Staates erinnert und als politisch-gesellschaftliche Erdung fungieren kann. Dass ein solches gemeinsames Gedenken in diesem Jahr infolge der Pandemie kaum möglich war, zählt für mich zu den tragischen Tiefpunkten eines überaus schwierigen Jahres. Ich selbst konnte mich nur mühevoll damit abfinden, das Gedenken zum Jahrestag des 9. November 1938 in diesem Jahr rein digital durchzuführen – doch die Vorschriften zum Schutz der Gesundheit ließen uns keine andere Wahl.

Mehr noch als in den Vorjahren geht unser Blick vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen daher nach vorne. Wir alle hoffen, dass die zur Verfügung stehenden Impfstoffe das Gespenst Corona im Laufe des Jahres 2021 vertreiben und Stück für Stück wieder ein normales Leben möglich machen. Bis es so weit ist, bleiben Verantwortungsbewusstsein und gegenseitige Rücksicht für uns alle das Gebot der Stunde.

Die wenigen positiven Aspekte des zu Ende gehenden bürgerlichen Jahres wollen wir für die Zukunft bewahren: den gewachsenen Zusammenhalt, die große Hilfsbereitschaft, die Flexibilität. Damit gehen wir in ein neues und hoffentlich einfacheres Jahr 2021. Nicht nur für unsere jüdische Gemeinschaft, sondern für unsere gesamte Gesellschaft hoffe ich von ganzem Herzen auf die Rückkehr in ruhiges Fahrwasser.

Hessen

Brandanschlag auf Gießener Synagoge: Was bislang bekannt ist

Ein 32-jähriger Mann hat am Dienstag vor der Beith-Jaakov-Synagoge einen Papiercontainer in Brand gesetzt und den Hitlergruß gezeigt. Die Jüdische Gemeinde zu Gießen vermutet einen antisemitischen Hintergrund

von Michael Thaidigsmann  14.01.2026

Thüringen

Juden fordern klare Haltung zu Iran-Protesten

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, zeigt sich solidarisch mit den Demonstranten im Iran und wirbt für deren Unterstützung

 14.01.2026

Programm

Lesung, Führung, Erinnerung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 15. Januar bis zum 22. Januar

 14.01.2026

Berlin

»Wie es wirklich war«: Schoa-Überlebende als Hologramme  

Wie es mit dem Erinnern an die NS-Verbrechen weitergeht, wenn diejenigen, die aus erster Hand berichten können, nicht mehr da sind, wird bei einer Konferenz in Berlin erörtert

von Leticia Witte  14.01.2026

Ignatz-Bubis-Preis

»Den Menschen und dem Leben zugewandt«

Salomon Korn hat die Auszeichnung der Stadt Frankfurt am Main erhalten. Wir dokumentieren hier die Laudatio seines langjährigen Weggefährten Dieter Graumann

von Dieter Graumann  13.01.2026

ZWST

»Wir müssen wütender werden«

Ricarda Theiss, Leiterin des Fachbereichs Frauen, über die Praxis Sozialer Arbeit, Alltagserleben und patriarchalische Machtverhältnisse

von Katrin Richter  13.01.2026

Erinnerungskultur

Bund fördert Projekte zu NS-Zeit und deutscher Teilung

Der Bund fördert in den kommenden Jahren neue Projekte in Gedenkstätten

 13.01.2026

Auszeichnung

Vier Deutsche mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr werden vier Personen und eine Initiative geehrt

 13.01.2026

Bergen-Belsen

Bahn-Neubau: KZ-Gedenkstätte mahnt Abstand zu Gedenkort an

Die Bahn will voraussichtlich mit einem Neubau die Strecke zwischen Hamburg und Hannover ertüchtigen. An den Plänen gibt es auch Kritik. Die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen sieht einen historischen Erinnerungsort in Gefahr

von Karen Miether  13.01.2026