DP-Camp Föhrenwald

Geboren im »Wartesaal«: Das Leben nach dem Überleben der Schoa

Fiszel Ajnwojner

Es ist die Art von Humor, unter der auch etwas zutiefst Ernstes hervorblitzen kann. Gewürzt mit einer Prise Ironie, ergänzt von Wärme und Wissen. Wer sich mit Fiszel Ajnwojner trifft, kommt in den Genuss dieser Mischung - und schlauer aus dem Gespräch wieder heraus. So auch an diesem Tag in Frankfurt am Main, an dem die Sonne den Innenhof der Westendsynagoge sanft beleuchtet. Ajnwojner führt engagiert durch das prächtige Innere der größten Synagoge der Stadt. Er ist ihr Vorsteher und scheint hier jede Ecke zu kennen.

Der 70-Jährige ist Frankfurter durch und durch: »Ich bin regional«, sagt er. Wenn er aus dem Flugzeug, das ihn mit seinem Sohn in Tel Aviv verbindet, herunterschaue, habe er das Gefühl, nach Hause zu kommen. In der Mainmetropole ist auch die preisgekrönte ARD-Serie »Die Zweiflers« angesiedelt, in der Ajnwojner - Muttersprachler des Jiddischen - einen Arzt spielt.

Gebürtiger Frankfurter ist er nicht, denn zur Welt kam er am 9. Juli 1955 in einem Camp für »Displaced Persons« (DPs). Sie waren in Deutschland befreite Schoah-Überlebende, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren keine Heimat mehr hatten oder nicht dorthin zurückkonnten. Oder Überlebende in Osteuropa, die wegen des noch immer grassierenden Judenhasses Richtung Westen wollten - das Pogrom im polnischen Kielce 1946 war ein trauriger Höhepunkt. Die Eltern von Ajnwojner stammten aus Polen, 1939 flohen sie in die Sowjetunion und überlebten mehrere Stationen und Arbeitslager.

Abschied und Neuanfang

Nach Angaben der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem erreichte die Zahl der jüdischen DPs ihren Höchststand von etwa 250.000 im Jahr 1947. »Sie fiel erheblich im Laufe des Jahres 1948 infolge der Gründung des Staates Israel und der Änderung der Einwanderungsgesetze der USA.« Denn die Camps seien ein »Wartesaal« bis zur Ausreise gewesen. Es gab Kinder und Erwachsene, die niemanden mehr hatten, zerbrochene Familien und ebensolche Seelen. Aber auch den Beginn eines neuen, völlig anderen Lebens.

Ajnwojner wurde im bayerischen DP-Camp Föhrenwald geboren, das eines der größten war und am längsten bestand, bis 1957. Zu seiner Familie gehörten seine Eltern, sein ebenfalls dort geborener Bruder und seine Großmutter. Viele andere Verwandte seien ermordet worden; sein Vater sei der einzige Überlebende seines Zweiges der Familie gewesen. »Alle haben Jiddisch gesprochen«, erinnert sich Ajnwojner an Föhrenwald. »Wenn meine Eltern Geheimnisse vor uns hatten, redeten sie Polnisch.«

Die Familie wohnte mit anderen Überlebenden in einem Haus. Die Adresse: Florida Street 23 - das Camp befand sich in Wolfratshausen in der US-amerikanischen Besatzungszone. Dort hatten die Nationalsozialisten 1939 eine Mustersiedlung für Arbeiter einer Munitionsfabrik errichtet. Kaum waren nach dem Krieg die letzten DPs umgesiedelt worden, kamen katholische Heimatvertriebene nach Waldram, wie der Ort dann hieß.

»Ich habe keine Angst«

Wie andere Föhrenwalder kam die Familie nach Frankfurt in die Waldschmidtstraße: »Wir waren eine Gemeinschaft.« Auf der Straße und in der Schule habe er Deutsch gelernt. Seine Eltern hätten Deutschland eigentlich verlassen wollen - was aber nicht möglich gewesen sei, weil seine Mutter nach der Verfolgung und den Strapazen im Krieg zu krank gewesen sei. So wurden die Ajnwojners Frankfurter.

Und die Räume der Westendsynagoge ein wichtiger Ort im Leben ihres Vorstehers. An der Fassade hängt ein schwarzes Banner mit der Aufschrift »Bring them home now!«. Es ist der Slogan, mit dem die Befreiung der im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln gefordert wird. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 fühle er sich wegen des stark steigenden Judenhasses an die 1930er Jahre erinnert, so Ajnwojner. »Man merkt, dass sich der Wind dreht.« Am Handgelenk trägt er Armbänder, die Solidarität ausdrücken: ein gelbes für die Geiseln, ein grünes für die israelische Armee.

Selbst wenn der Gaza-Krieg morgen ende, verschwinde die »Krankheit« Antisemitismus nicht, sagt Ajnwojner. »Ich habe aber keine Angst.« Schon zu seiner aktiven Zeit im Sportclub Makkabi sei er keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen. Später habe er eine andere Krankheit, den Krebs, besiegt. Ajnwojner, flinke Augen hinter der Brille, bringt Gott ins Spiel: »Er hat mich lieb.«

Omas Schrank

Zu seinem 70. Geburtstag im Sommer war er mit Ehefrau, Kindern und Enkeln in Föhrenwald - »die Gedenkstätte hat mir einen Kuchen gebacken«. Seine Kinder seien sehr interessiert, er selbst sei nicht das erste Mal wieder dort gewesen. Bei einem früheren Besuch in seinem ehemaligen Wohnhaus habe er gesehen: »Da war noch Omas Schrank drin.«

Zu den Erinnerungen an Fiszel Ajnwojners besonderen Geburtsort gehört auch, dass nicht alle Überlebenden echt waren. Der Bademeister des »letzten jiddischen Schtetl auf europäischem Boden«, wie Föhrenwald auch genannt wird, war zuständig für das gemeinschaftlich genutzte Badehaus. Als der Mann starb, entdeckte man unter seinem Oberarm eine Tätowierung - das Erkennungszeichen der SS.

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