Porträt der Woche

Frau der ersten Stunde

»Früher habe ich noch selbst für die Gemeinde gekocht. Leider musste ich das aus gesundheitlichen Gründen aufgeben«: Avital Toren (83) Foto: Heilbronner Stimme

Ich bin in Gotenhafen geboren, in jener Stadt, die heute Gdynia heißt. Meine Mutter war eine geborene von Münchhoff, aber da sie keinen Adligen geheiratet hat, wurde das »von« gestrichen. Mein Onkel, der schon ein alter Herr ist, hat sich um unsere Familienchronik gekümmert und dabei herausgefunden, dass mein Urururgroßvater väterlicherseits ein jüdischer Straßenhändler gewesen war. Nach dem frühen Tod meiner Mutter lernte mein Vater eine Frau aus Heilbronn kennen. So bin ich dorthin gekommen, wo ich noch heute lebe.

In meiner Schulzeit fiel auf, dass ich eine schöne Stimme habe. Deshalb empfahl die Lehrerin meinen Eltern, mich zum Gesangsunterricht zu schicken. Doch sie lehnten ab, weil womöglich meine beiden Schwestern dann ebenfalls Unterricht gewollt hätten, und das hätten sie nicht bezahlen können. Nach Abschluss der Schule habe ich eine Lehre in einem Damenmodegeschäft begonnen. Später habe ich mich mit Erfolg bei der Kreissparkasse beworben. Dort arbeitete ich in einer Abteilung, in der die Kontodaten der Kunden noch auf Lochkarten gestanzt wurden.

Aktivitäten mit Kindern

Irgendwann habe ich Moishe, meinen polnischen Mann, kennengelernt. Wir haben geheiratet, und nach der Geburt meiner Tochter habe ich mich um unsere Familie gekümmert. Oft begleitete ich meinen Mann in die Stuttgarter Synagoge. Die Leute dort haben mich herzlich empfangen. Vom ersten Tag an habe ich mich in der Gemeinde dort sehr wohlgefühlt. Die Frau des Rabbiners hat mich gefragt, ob ich bei den Aktivitäten mit den Kindern mithelfen wolle. Das hat mir zugesagt.

So habe ich schon bald angefangen, mit ihnen zu basteln und kleine Theaterstücke aufzuführen. Den WIZO-Basar organisiere ich nun auch schon seit 16 Jahren mit. Der soziale Zusammenhalt hat mir sehr gefallen, und auch, dass man mich wie ganz selbstverständlich ins Gemeindeleben integriert hat.

Ich fuhr als Nichtjüdin von Heilbronn nach Frankfurt – und kehrte als Jüdin zurück.

In meinem Elternhaus hatte ich kein wirkliches religiöses Leben kennengelernt, also auch kein christliches. Wir waren keine Kirchengänger, wenngleich ich einige Zeit im Chor mitgesungen habe. Da aber ging es mir ums Singen, das hat mir Spaß gemacht. Nun besuchte ich an der Seite meines Mannes regelmäßig die Gottesdienste in der Synagoge und erlebte hautnah das religiöse jüdische Leben. Für mich war das quasi Judentum »learning by doing«.

Unsere Tochter bekam in dieser Zeit jüdischen Religionsunterricht. Hierfür kam jede Woche ein Lehrer zu uns nach Heilbronn. Dann, nachdem ich schon viele Jahre in der Stuttgarter Gemeinde mitgearbeitet hatte, habe ich dem Rabbiner gesagt, dass ich gern übertreten würde. Er sagte mir, dass er natürlich wisse, was ich alles für die Gemeinde gemacht hätte, trotzdem solle ich erst noch einmal darüber nachdenken. Das habe ich auch gemacht, war aber schon in der Woche darauf wieder bei ihm.

Nun nahm er mich zur Vorbereitung auf den Giur an, das Lernen begann – einmal in der Woche fand das statt und dauerte drei Jahre. Eines Tages hieß es dann, dass ich jetzt so weit sei. Zu meinem Erstaunen fuhren wir nach Frankfurt zum hessischen Landesrabbiner Ernst Roth. Man sagte mir, dass ich, wenn ich bei diesem Rabbiner die Prüfung bestehen würde, auch ultraorthodoxe Gottesdienste besuchen dürfe. Rabbiner Roth saß da mit Rabbiner Joel Berger, meinem Lehrer, und einem weiteren Rabbiner. Ich wurde dies und das gefragt, überwiegend zu den Mizwot. Nach mehr als einer Stunde wurde ich gebeten, draußen zu warten. Schließlich bat man mich wieder hinein und erklärte mir, dass ich in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen sei.

Am Ende entschied ich mich für den Namen Avital

Auf dem Weg von Heilbronn nach Frankfurt hatte ich mir Gedanken über einen hebräischen Namen gemacht. Gemeinsam mit dem Rabbiner und seiner Frau sind wir im Auto verschiedene durchgegangen, und am Ende entschied ich mich für Avital. Ich war als Nichtjüdin von Heilbronn nach Frankfurt gefahren und kehrte als Jüdin zurück.

Einige Zeit später rief mich der Rabbiner an und meinte, dass Moishe und ich nun bald auch jüdisch heiraten sollten. Am 12. November 1986 wurde im Amtszimmer von Rabbiner Berger das Glas zertreten. Es war nur ein kleiner Kreis anwesend. Ich kann meinen Hochzeitstag schon deshalb nicht vergessen, weil es der neunte Geburtstag unserer Tochter war. Drei Jahre später machte sie ihre Batmizwa. Anfang der 90er-Jahre kamen dann viele Juden aus der damaligen Sowjetunion nach Heilbronn.

Vom Geschäftsführer der Stuttgarter Gemeinde wurde ich gebeten, Räumlichkeiten zu finden, um ein Gemeindeleben auch bei uns zu organisieren. Durch Vermittlung eines Freundes, der Freimaurer war, hatten wir übergangsweise Räume von seiner Organisation bekommen. Da dort aber nichts koscher war, musste ich Geschirr und Besteck von zu Hause mitbringen. Hin und wieder kam der Rabbiner vorbei, und zu Pessach wurden uns Mazzot geliefert. Das habe ich neun Monate lang so organisiert, dann habe ich mich an die Lokalpresse gewandt mit einem Aufruf, dass wir dauerhaft Räume in Heilbronn suchen, um eine jüdische Gemeinde zu gründen.

Es waren in dem Haus einige Umbauten nötig, um es als Synagoge nutzen zu können

Wir fanden ein Haus gegenüber jener Stelle, wo früher die Synagoge stand. Der Artikel in der »Heilbronner Stimme« hatte zudem einen positiven Nebeneffekt. Als ich in einer Bank zu tun hatte, sprach mich jemand von der Geschäftsführung an. Er habe den Artikel gelesen und wolle mir unbedingt helfen. In dieser Zeit kümmerte sich Rabbiner Netanel Wurmser um unser Projekt – er hatte Rabbiner Roth als baden-württembergischen Landesrabbiner mittlerweile abgelöst. Also setzten wir uns mit dem Bankmitarbeiter zusammen und beschlossen, einen Freundeskreis zu gründen, der uns unterstützen soll. Es waren in dem Haus einige Umbauten nötig, um es als Synagoge nutzen zu können.

Da gab es einen Mann vom Arbeiter-Samariter-Bund, der sich das ansah, ein statisches Gutachten besorgte und schließlich alles bezahlte, inklusive der Kosten für den Umbau. Vom neu gegründeten Freundeskreis wurde die Bima gespendet, auch die Stühle, und es gab einen besonderen Aufruf, in dem um Spenden für eine Torarolle gebeten wurde.

Dafür kamen schließlich mehr als 20.000 Euro zusammen. Ich hatte die Idee, dass wir eine fast fertige Torarolle kaufen, die letzten Buchstaben aber sollte der Sofer bei uns in Heilbronn schreiben. Schließlich wurde die Tora übergeben, und wir tanzten damit die gesamte Allee entlang. Der Rabbiner trug die Rolle wieder zurück, und der aus Israel angereiste Sofer schrieb dann in den neuen Räumen die letzten Buchstaben. Einige unserer Leute hielten dabei die Hand des Schreibers oder berühren die Feder, während er den Buchstaben schrieb, so als ob sie mit ihm gemeinsam schreiben würden.

Ich hatte die Idee, dass wir eine fast fertige Torarolle kaufen, die letzten Buchstaben aber sollte der Sofer bei uns in Heilbronn schreiben.

Unsere Gemeinde war also geboren. Seit der Eröffnung der Synagoge vor mehr als 20 Jahren werden wir Heilbronner Juden immer durch das aus Stuttgart übersandte Gemeindeblatt über die Gottesdienste und andere Aktivitäten informiert. Gelegentlich kommt Rabbiner Shneur Trebnik aus Ulm an einem Sonntag zu uns und spricht über den Wochenabschnitt.

Früher hatten wir alle zwei Wochen Gottesdienst, da kam ein Wanderrabbiner vorbei

Früher hatten wir alle zwei Wochen Gottesdienst, da kam ein Wanderrabbiner vorbei, der aber inzwischen Gemeinderabbiner in Stuttgart ist. Er brachte auch seine Kinder mit, sie waren immer sehr gern dabei. Bei uns waren immer viele Kinder. Damals habe ich noch selbst für die Gemeinde gekocht – fast ausschließlich vegetarisch –, in einer Küche, die die Stadt Heilbronn finanziert hat. Leider musste ich das vor einiger Zeit aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.

Die Gemeinde war für die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion ein Treffpunkt, an den sie gern kamen, wo sie sich unterhalten konnten und ihre Kinder einmal wöchentlich den Religionsunterricht besuchten. Es waren meist die Großväter, die mit ihren Enkeln kamen. An Purim waren die Kinder immer toll verkleidet, und ich habe einen Zauberer bestellt.

Fast alle diese Kinder haben inzwischen Abitur gemacht, wegen des Studiums Heilbronn verlassen, und manche sind nach Israel gegangen. Nur noch drei Kinder gibt es in der Gemeinde. Inzwischen finden die Gottesdienste alle drei Wochen statt, und die meisten Beter sind alt. Wie viele kommen, hängt immer vom Vorbeter oder vom Rabbiner ab. Manche Vorbeter oder Rabbiner sind sehr beliebt, dann ist die Synagoge gut besucht, bei anderen ist das eher nicht der Fall.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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